Die deutsche Corona-Illusion

Blog Marcel Fratzscher vom 30. Oktober 2020

Deutschland ist bisher gut durch die Corona-Krise gekommen? Das stimmt nur bedingt. Und es ist auch keineswegs selbstverständlich, dass es so bleibt.

Hier ist eine Frage an Sie als Leserin oder Leser, ganz hypothetisch: Welches Land würden Sie wählen, wenn Sie sie mit dem heutigen Wissen nochmals in den März 2020 zurückgehen und ganz frei entscheiden könnten, wo Sie die Corona-Pandemie durchleben wollten? Die allermeisten von Ihnen (und auch ich) würden wohl nach nur kurzem Überlegen antworten: Deutschland. Nicht nur wir Deutschen, auch viele im Ausland nehmen Deutschland als ein Land wahr, das vergleichsweise gut durch die Krise gekommen ist.

Dieser Beitrag ist am 30. Oktober 2020 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Das ist in mancher Hinsicht überraschend, denn Deutschland ist bisher sowohl in Bezug auf die Gesundheit als auch auf die Wirtschaft stärker von der Pandemie betroffen als die meisten anderen Länder der Welt. Deutschland hat relativ mehr Corona-Infizierte (mit 4.542 pro eine Million Einwohner liegt es auf Platz 99 von 217 Ländern) und mehr Covid-Tote (mit 119 pro eine Million Einwohner liegt es auf Platz 68) als die Mehrheit der anderen Länder in der Welt. Auch der relative Verlust des wirtschaftlichen Wohlstands ist hierzulande größer als in vielen anderen Ländern: Die Wirtschaft Deutschlands schrumpft in diesem Jahr wohl um die sechs Prozent und damit deutlich stärker als die Weltwirtschaft, die laut Prognose des Internationalen Währungsfonds IWF um 4,4 Prozent schrumpfen wird.

Dass viele dies anders wahrnehmen, sollte uns große Sorge bereiten. Damit verbunden ist nämlich die Gefahr, dass zu viele die zweite Infektionswelle noch immer nicht ernst genug nehmen und damit den Schaden gefährlich vergrößern.

Es gibt zwei gute Gründe für die Wahrnehmung vieler, dass Deutschland doch eigentlich bisher recht gut durch die Krise gekommen ist. Und das. obwohl unser Land einiges an sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen hat, die im März und April Schlimmeres hätten erwarten lassen: eine vergleichsweise hohe Bevölkerungsdichte, eine demografische Struktur mit vielen älteren Menschen, die zur Risikogruppe gehören, dazu ein kaltes Klima, das zu vielen Versammlungen in geschlossenen Räumen führt, und eine zentrale Lage in Europa, die es zu einem Durchreiseland mit hoher Mobilität macht. Zudem ist Deutschland wirtschaftlich stark exponiert: Die hohe Abhängigkeit von Exporten ist in guten Zeiten eine Stärke, die sich in schlechten Zeiten und in Krisen als Achillesferse erweist. Denn der Welthandel bricht in diesen Zeiten zwei- oder dreimal stärker ein als die Weltwirtschaftsleistung.

Ein erster guter und richtiger Grund für die Wahrnehmung, Deutschland sei gut durch die Pandemie gekommen, ist die besonnene und entschlossene Reaktion der Gesellschaft und auch des deutschen Staats. Die Menschen haben mit einem hohen Maß an Solidarität und Gemeinsinn reagiert und sich an die Regeln gehalten. Die gelungene gemeinsame Krisenbewältigung hat zu einem hohen Maß an Vertrauen der Menschen untereinander, aber auch in den Staat und die politischen Entscheidungsträger geführt. Regierung und Opposition waren zusammengerückt, um gemeinsam an einem Strang zu ziehen und Differenzen beiseite zu legen. Bei allen Fehlern und Versäumnissen hat die Politik ungeheuer schnell, effektiv und damit auch glaubwürdig gehandelt.

Der zweite Grund ist, dass kaum ein Land einen so starken Sozialstaat und so gute staatliche Institutionen hat, die viele Menschen auffangen und Schlimmeres verhindern konnten. Während in den USA im April innerhalb weniger Wochen 40 Millionen Menschen ihre Arbeit und Lebensgrundlage verloren, konnten über sieben Millionen Menschen in Deutschland durch Kurzarbeitergeld ihren Arbeitsplatz und den größten Teil ihres Einkommens behalten.

Doch kommen wir nun zu zwei Punkten, die in der zweiten Welle zu den falschen Schlüssen führen und somit die bisher erreichten Erfolge gefährden könnten. Die Wahrnehmung, dass Deutschland besser als andere Länder durch die Pandemie gekommen ist, verleitet viele zu der Behauptung, das Virus sei doch nicht so gefährlich. Sie leugnen nicht nur die Ernsthaftigkeit der Krankheit, sondern auch die Effektivität der Schutzmaßnahmen und die Notwendigkeit gemeinsamer Regeln und von Solidarität. Auch wenn es eine kleine Minderheit ist, so dringen immer mehr mit ihren Verschwörungstheorien durch.

Ein zweiter Trugschluss speist sich aus der Tatsache, dass manche die falschen Vergleiche heranziehen. So messen einige die gesundheitliche und wirtschaftliche Lage in Deutschland an derjenigen in Italien, Spanien und Frankreich und wiegen sich in Sicherheit. Natürlich schneidet Deutschland im Vergleich zu den mit am stärksten betroffenen Ländern recht gut ab. Aber wieso messen wir uns nicht mit Dänemark, Norwegen oder Südkorea, die die Krise in Bezug auf Gesundheit und Wirtschaft deutlich besser bewältigen konnten als Deutschland? Denn auch wenn Deutschland bisher vieles gut gemacht hat, so kann und sollte es von Ländern wie Südkorea noch einiges in Bezug auf Nachverfolgung und Isolierung von Infizierten lernen.

Zu verstehen, wieso Deutschland bisher relativ gut durch die Krise gekommen ist, ist essenziell, um daraus die richtigen Lehren für die zweite Infektionsquelle ziehen zu können. Fakt ist: Deutschland ist in Bezug auf Gesundheit und Wirtschaft stark exponiert und gefährdet – viel stärker als die meisten anderen Länder in der Welt. Deutschland ist dennoch relativ gut durch die erste Welle gekommen – nicht durch Glück oder eine bestehende Resilienz, sondern in erster Linie dadurch, dass Gesellschaft und Staat hervorragend reagiert und agiert haben. Dies heißt auch, dass Deutschland von einer zweiten Welle stärker als viele andere Länder betroffen sein wird, wenn es diese Lehren vergisst und nicht erneut anwendet oder verbessert.

Daher ist es so wichtig, dieses Bewusstsein und Verständnis in der Gesellschaft nun dringend wieder zu schärfen. Das erfordert vor allem von der Politik, auch im beginnenden Bundestagswahlkampf in Corona-Angelegenheiten mit einer Stimme zu sprechen und gemeinsam entschlossen zu handeln. Der eingeschlagene Kurs in Bezug auf Wirtschaft und Gesundheit muss entschieden fortgesetzt werden. Nur so kann die Politik die notwendige Vertrauensbasis herstellen und damit jene breite Akzeptanz erreichen, die die Voraussetzung dafür ist, die nun anstehende zweite Infektionswelle erfolgreich zu bewältigen.

Jeder kann die Argumentation nachvollziehen: Erneute Einschränkungen der Reisefreiheit und Schließungen von Geschäften, Restaurants und im Einzelhandel zur Bekämpfung der zweiten Infektionswelle würden viele Unternehmen hart treffen und könnten deren Existenz bedrohen. Dies würde auch Beschäftigte treffen und die Arbeitslosigkeit unweigerlich erhöhen. Die gesamtwirtschaftliche Erholung könnte empfindlich getroffen werden und sich nochmals deutlich verzögern. Test