Wir brauchen Zukunfts- statt Brückentechnologien

Medienbeitrag vom 8. Januar 2021

Dieser Beitrag von Claudia Kemfert erschien am 8.1.2021 im Handelsblatt.

Im Brückentechnologietheater steht mit fossilem Erdgas in der Hauptrolle die nächste Inszenierung an. Notwendig sind wirkungsvolle und vor allem nachhaltige Investitionen.

Immer wird erst Angst geschürt

Was war nicht alles schon Brückentechnologie! Kernkraft, Braunkohle und Steinkohle waren als Brücken angeblich unverzichtbar, und auch Erdgas muss bis zum anderen Ufer reichen. Jetzt ist es der graue oder blaue Wasserstoff, der die vermeintlich unsicheren Zeiten in eine sichere Zukunft überbrücken soll. Die „graue“ Variante wird unter Hitzeeinwirkung aus Erdgas hergestellt. Bei der „blauen“ wird das dabei entstehende CO2 abgeschieden und eingelagert.

Das Muster ist immer gleich. Erst wird ein Bedarf heraufbeschworen, groß und unvermeidlich. Es gibt Warnungen vor Versorgungsengpässen, explodierenden Strompreisen und Blackouts. Ist die Angst genug geschürt, folgt eine niedrige Kostenrechnung mit üppiger finanzieller Unterstützung. Schließlich geht es um nationale (Energie-)Sicherheit. Da ist keine Million falsch investiert – jedenfalls nicht, solange sie auf die Konten der Brücken-Apologeten fließt.

Statt über Müll reden wir über „Übergangstechnologien“

Seit über 40 Jahren läuft das so. Dass sich die Bedarfsszenarien im Nachhinein immer als falsch herausgestellt haben, dass wir immer neue fossile Infrastrukturen gebaut haben, die nicht zu den internationalen Klimavereinbarungen passen: egal. Am Ende werden mit Steuergeldern den unnützen Investitionen horrende Entschädigungszahlungen hinterhergeworfen. So geschehen bei Atom und Kohle.

Jetzt also die nächste Inszenierung des Brückentechnologietheaters mit fossilem Erdgas in der Hauptrolle: Wasserstoff klingt harmlos. Die Farben grau und blau übertünchen, dass bei der grauen Wasserstoffherstellung aus Erdgas hohe CO2-Emissionen entstehen. In der Blau-Version würden diese als Problemmüll eingelagert. Wie immer bei „Brückentechnologien“ ist die Namensgebung ein Ablenkungsmanöver. Statt über Müll reden wir über „Übergangstechnologien“, diesmal in die grüne Wasserstoffwelt.

Über den Highway in eine beschleunigte Energiewende

Freunde der Erdgaspipeline Nord Stream 2 sind davon begeistert. Die Pipeline ist politisch problematisch, energiewirtschaftlich unnötig, teuer und inkompatibel mit EU-Energie- und Klimazielen. Milliardenbeträge werden als „stranded investments“ in den Sand gesetzt. Weder kaufen sie uns Zeit, noch bringen sie Sicherheit. Alle bisherigen „Brückentechnologien“ haben sich als Brücken ins Nichts entpuppt.

Der Highway in eine zukunftsfähige Energiewirtschaft führt über eine beschleunigte Energiewende in eine dezentrale demokratische und dekarbonisierte Zukunft. Da erwartet uns eine Vollversorgung aus Wasser-, Sonnen-, Wind- und Biomasse-Energie sowie grüner Wasserstoff. Letzterer wird zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gewonnen und ist für eine klimagerechte Industrie unerlässlich.

Ginge es nach Entwicklungsminister Gerd Müller würde der Rohstoff dafür als Solarenergie aus Nordafrika kommen. Dafür baut man statt Flüssiggas- besser gleich Wasserstoff-Terminals. Solche Investitionen wären wirkungsvoll und nachhaltig. Denn grüner Wasserstoff ist keine Brücken-, sondern eine Zukunftstechnologie.