Kita- und Schulschließungen haben bei westdeutschen Vätern Einstellung zur Erwerbstätigkeit von Müttern verändert

DIW Wochenbericht 34 / 2021, S. 559-566

Natalia Danzer, Mathias Huebener, Astrid Pape, C. Katharina Spieß, Gert G. Wagner

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  • Studie untersucht anhand repräsentativer Daten, ob sich infolge coronabedingter Kita- und Schulschließungen Einstellungen zur Erwerbstätigkeit von Müttern verändert haben
  • Väter mit jungen Kindern haben ihre vor der Pandemie zunehmend egalitärer gewordenen Ansichten zu Geschlechterrollen teilweise revidiert
  • Nachdem 2016 noch rund 60 Prozent der Väter sehr egalitäre Einstellungen hatten, waren es ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie rund 54 Prozent – ein Zehntel weniger
  • Effekt bei westdeutschen Vätern junger Kinder am stärksten – Rückgang fiele bei Annahme, dass sich Trend zu mehr Egalität ohne Pandemie fortgesetzt hätte, noch größer aus
  • Politik sollte veränderte Einstellungen im Blick haben und alles tun, um Kita- und Schulschließungen in nächster Corona-Welle möglichst zu vermeiden

„In der Corona-Pandemie hat sich nicht nur die Aufgabenteilung in vielen Familien verändert – zumindest einige Väter in Westdeutschland sind auch zu einem traditionellerem Rollenverständnis zurückgekehrt. Das ist ein Indikator dafür, dass die Kita- und Schulschließungen längerfristige Effekte auf die Gleichstellung von Frauen in unserer Gesellschaft haben könnten.“ Mathias Huebener

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus haben Familien vor große Herausforderungen gestellt, insbesondere durch die vorübergehenden (Teil-)Schließungen von Kitas und Schulen. Während viele Studien bisher darauf fokussierten, wie die zusätzliche Sorgearbeit zwischen Müttern und Vätern aufgeteilt wurde, untersucht dieser Beitrag Auswirkungen auf die Ansichten zu Geschlechterrollen. Konkret wird anhand repräsentativer Daten aus dem Frühjahr 2021 im Vergleich zu 2008 bis 2016 untersucht, ob sich die Einstellungen zur Erwerbstätigkeit von Müttern verändert haben. Im Ergebnis zeigt sich, dass Väter mit jüngeren Kindern ihre im vergangenen Jahrzehnt immer egalitärer gewordenen Einstellungen zur Erwerbstätigkeit von Müttern verändert haben. Nachdem im Jahr 2016 noch rund 60 Prozent der Väter sehr egalitäre Geschlechterrolleneinstellungen hatten, waren es ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie rund 54 Prozent – und damit etwa zehn Prozent weniger. Bei Müttern und Vätern in Ostdeutschland sind solche Veränderungen in den Einstellungen zur Erwerbstätigkeit hingegen nicht zu beobachten. Neben der veränderten Aufgabenteilung in Familien hat die Pandemie tendenziell also die Entwicklung hin zu egalitäreren Geschlechterrollen insgesamt gebremst – und in Westdeutschland sogar teilweise umgekehrt.

Aufgrund coronabedingter Schließungen von Kindertageseinrichtungen und Schulen mussten Eltern in vielen Fällen einen erheblichen Teil der Betreuungs-, Bildungs- und Erziehungsarbeit, die bisher von Betreuungs- und Bildungseinrichtungen geleistet wurde, selbst übernehmen. Viele Familien haben sich angepasst, indem sie die bisherige Arbeitsteilung innerhalb des Haushalts und die Bildungs- und Betreuungsarbeit auf verschiedene Weise veränderten. So zeigt sich etwa, dass während des ersten Lockdowns überwiegend Mütter die zusätzliche Sorgearbeit übernommen haben, insbesondere wenn ihr innerhäuslicher Anteil bereits vor der Pandemie größer war als der Anteil der Väter.infoJonas Jessen, C. Katharina Spieß und Katharina Wrohlich (2021): Sorgearbeit während der Corona-Pandemie: Mütter übernehmen größeren Anteil – vor allem bei schon zuvor ungleicher Aufteilung. DIW Wochenbericht Nr. 9, 131–139 (online verfügbar; abgerufen am 17. August 2021. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). Dieser Befund zeigt sich nicht nur für Deutschland: In der Mehrheit der Haushalte in vielen westlichen Industrieländern übernahmen Mütter einen überproportionalen Anteil der zusätzlichen Bildungs- und Betreuungsaufgaben. Diese zunehmende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern spiegelt sich auch in den überproportionalen Beschäftigungsverlusten von Frauen während der Pandemie wider.infoTitan Alon et al. (2021): From Mancession to Shecession: Women’s Employment in Regular and Pandemic Recessions. NBER Working Paper 28 632. Es ist jedoch bislang wenig darüber bekannt, ob diese beobachteten Verschiebungen hin zu traditionelleren Aufgabenteilungen innerhalb von Paarhaushalten mit Kindern nur eine kurzfristige Anpassung darstellen oder ob sie auch Effekte auf zugrundeliegende Geschlechterrolleneinstellungen haben und damit mittelfristige Effekte auslösen könnten.

Aktuelle Erhebungen erfassen Einstellungen zu Geschlechterrollen

Anhand repräsentativer Daten für Deutschland aus dem Frühjahr 2021, also rund ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie, und Daten aus früheren Jahren untersucht dieser Bericht die Auswirkungen der Kita- und Schulschließungen auf die Einstellungen von Männern und Frauen zur Erwerbstätigkeit von Müttern (Kasten).infoFür eine ausführlichere Darstellung der Analysen siehe Natalia Danzer et al. (2021): Cracking under Pressure? Gender Role Attitudes toward Maternal Employment in Times of a Pandemic. CESifo Working Paper Nr. 9 144. Dabei werden historische Unterschiede in den Geschlechternormen zwischen West- und Ostdeutschland berücksichtigt: Der Osten Deutschlands hat historisch bedingt auch heute noch egalitärere Einstellungen als der Westen.infoVgl. aktuell zum Beispiel Denise Barth et al. (2020): Mütter in Ost und West: Angleichung bei Erwerbstätigenquoten und Einstellungen, nicht bei Vollzeiterwerbstätigkeit. DIW Wochenbericht Nr. 38, 699–706 (online verfügbar); und Quentin Lippmann, Alexandre Georgieff und Claudia Senik (2020): Undoing Gender with Institutions: Lessons from the German Division and Reunification. The Economic Journal, 130(629), 1445–1470. In Westdeutschland wurden die Einstellungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten zunehmend egalitärer, was unter anderem mit dem Ausbau der KindertagesbetreuunginfoGundula Zoch und Pia S. Schober (2018): Public child-care expansion and changing gender ideologies of parents in Germany. Journal of Marriage and Family, 80(4), 1020–1039. und einem Anstieg der Erwerbstätigkeit von Müttern einhergeht. Auch das im Jahr 2007 eingeführte Elterngeld, das beide Elternteile anspricht, hat dazu beigetragen, dass klassische Rollenbilder an Bedeutung verlieren.infoSiehe zum Beispiel Ulrike Unterhofer, Clara Welteke und Katharina Wrohlich (2017): Elterngeld hat soziale Normen verändert. DIW Wochenbericht Nr. 34, 659–667 (online verfügbar).

Die Analysen dieses Berichts kombinieren Informationen zu Geschlechterrolleneinstellungen aus zwei Datensätzen.

Informationen für die Zeit während der Pandemie basieren auf den Daten der COMPASS-Befragung, die von infratest dimap durchgeführt wird. Dabei werden seit März 2020 auf Basis einer Zufallsstichprobe des sogenannten Payback-Panels täglich 250 bis 350 in Deutschland wahlberechtigte Personen online befragt. Basis der Umfrage sind die Mitglieder bei Payback, dem mit rund 25 Millionen VerbraucherInnen größtem Bonusprogramm für KonsumentInnen in Deutschland. Die TeilnehmerInnen wurden offline rekrutiert, wodurch Selektionseffekte der Stichprobe im Vergleich zu anderen Online-Access-Panels minimiert werden. Für die COMPASS-Erhebungen wurden von infratest dimap auf Basis von mehr als 80 000 PanelistInnen tagesgleichverteilte Stichproben im Hinblick auf Alter, Geschlecht, Bildung und Bundesland gezogen. Die Befragungsdaten werden so gewichtet, dass sie in ihrer Zusammensetzung nach Geschlecht, Alter, Bildung und Region (Ost/West) den repräsentativen Daten des Mikrozensus 2018 des Statistischen Bundesamtes gleichen. Die Ergebnisse der COMPASS-Befragung erheben den Anspruch, nach Gewichtung für die in Deutschland Wahlberechtigten mit Online-Zugang repräsentativ zu sein.

Die Umfrageergebnisse aus der COMPASS-Befragung werden im vorliegenden Bericht mit Befragungsergebnissen der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) verglichen. ALLBUS ist eine Erhebung der GESIS und wird seit 1980 alle zwei Jahre erhoben, wobei Ostdeutschland mit 1 100 der 3 500 Nettointerviews überrepräsentiert ist. Seit 2000 erfolgt die Befragung in Form von computergestützten persönlichen Befragungen mit Laptops. Inhaltlich werden in jeder Welle demografische Informationen abgefragt, während Fragenblöcke, beispielsweise die Einstellungen zu Ehe und Familie, alle vier bis sechs Jahre rotieren.

Um die verschiedenen Stichproben möglichst voll vergleichbar zu machen, werden in den ALLBUS-Daten analog zu den COMPASS-Daten nur Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit im Alter zwischen 18 und 65 Jahren herangezogen. Der Analyse-Datensatz umfasst insgesamt 4 791 Beobachtungen aus den ALLBUS- und 7 795 Beobachtungen aus den COMPASS-Daten. Im Durchschnitt sind Personen in den ALLBUS-Daten mit denen in den COMPASS-Daten in Bezug auf soziodemografische Merkmale wie Alter, Region und Geschlecht vergleichbar (Tabelle). Verbleibende Unterschiede in einzelnen Merkmalen werden in weiterführenden Analysen berücksichtigt, indem weitere Kontrollvariablen in Regressionsmodelle aufgenommen werden.

Tabelle: Beschreibung der Stichproben

In Prozent (sofern nicht anders vermerkt)

ALLBUS (2008, 2012, 2016) COMPASS (2021)
Alter (in Jahren) 43,7 43,7
Weiblich 51 50
Hohe Bildung 36 39
Zwei Elternteile im Haushalt 22 21
Haushaltsgröße (in Personen) 2,1 2,5
Keine Kinder im Haushalt 70 76
Kinder im Alter von 0 bis 2 Jahren im Haushalt 7 4
Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren im Haushalt 5 6
Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren im Haushalt 11 8
Kinder im Alter von 12 bis 16 Jahren im Haushalt 7 5
Monatliches Haushaltsnettoeinkommen (in Euro) 2 916,6 2 782,5
Erwerbstätig 75 80
Vollzeit 55 60
Teilzeit 20 18
Ostdeutschland 20 20

Anmerkung: Dargestellt sind Mittelwerte der entsprechenden Variablen, die mit dem individuellen Hochrechnungsfaktor gewichtet wurden.

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von ALLBUS und COMPASS.

Die vorliegende Analyse betrachtet den Zeitraum von 2008 bis 2021 und kombiniert Daten aus zwei in Deutschland durchgeführten repräsentativen Befragungen, die identische Fragen zu Geschlechternormen enthalten. Die COMPASS-Umfrage von infratest dimap verfolgt die Entwicklung von Covid-19 in Deutschland seit dem 12. März 2020 und erfragte unter anderem zwischen dem 7. Januar und dem 14. Februar 2021 die Einstellungen der wahlberechtigten Bevölkerung in Deutschland zur Erwerbstätigkeit von Müttern.infoFür mehr Informationen zu den COMPASS-Daten siehe den Kasten in diesem Wochenbericht sowie Mathias Huebener et al. (2021): Parental well-being in times of Covid-19 in Germany. Review of Economics of the Household, 1–32. Der zweite Datensatz, ALLBUS (Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften), ist eine wiederholte sozialwissenschaftliche Querschnittserhebung, die in Deutschland seit dem Jahr 1980 Einstellungen zu verschiedenen Aspekten erfasst.infoFür mehr Informationen zu ALLBUS siehe den Kasten dieses Wochenberichts sowie Martina Wasmer et al. (2017): Konzeption und Durchführung der „Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften“ (ALLBUS) 2014. Für diese Studie werden ALLBUS-Daten der Jahre 2008, 2012 und 2016 verwendet. Im Jahr 2020 wurden aufgrund der pandemischen Lage keine ALLBUS-Daten erhoben.

Westdeutsche Väter mit jungen Kindern haben vor Corona zunehmend egalitäre Einstellung zur Müttererwerbstätigkeit entwickelt

Die Einstellungen zu den Konsequenzen der Erwerbstätigkeit von Müttern werden anhand der Zustimmung zu folgenden Aussagen erfasst, und zwar auf einer vierstufigen Skala von „stimme überhaupt nicht zu“, „stimme eher nicht zu“, „stimme eher zu“ bis „stimme voll zu“:

(1) Eine berufstätige Mutter kann ein genauso herzliches und vertrauensvolles Verhältnis zu ihren Kindern finden wie eine Mutter, die nicht berufstätig ist.

(2) Es ist für ein Kind sogar gut, wenn seine Mutter berufstätig ist und sich nicht nur auf den Haushalt konzentriert.

(3) Ein Kleinkind wird sicherlich darunter leiden, wenn seine Mutter berufstätig ist.

Für die Befragung im Jahr 2021 zeigt sich, dass unter allen Personen zwischen 18 und 65 Jahren etwa 59 Prozent voll zustimmen, dass eine berufstätige Mutter ein genauso herzliches und vertrauensvolles Verhältnis zu ihren Kindern finden kann wie eine Mutter, die nicht berufstätig ist (Abbildung 1). Etwa 45 Prozent der Befragten stimmen eher zu, dass es für ein Kind sogar gut sei, wenn die Mutter berufstätig ist. Weitere 21 Prozent stimmen der Aussage voll zu. Es zeigt sich aber auch, dass 29 Prozent der Befragten der Aussage, dass ein Kleinkind unter der Berufsstätigkeit der Mutter leidet, eher zustimmen und weitere neun Prozent dieser sogar voll zustimmen.

Für die weiterführende Analyse werden der einschlägigen Literatur folgendinfoVgl. Michael Blohm und Jessica Walter (2018): Traditionelle und egalitäre Einstellungen zur Rolle der Frau im Zeitverlauf. Datenreport 2018 der Bundeszentrale für politische Bildung. In weiterführenden Analysen werden auch „egalitäre“ Einstellungen als Untersuchungsgegenstand verwendet, bei denen Personen den Aussagen 1 und 2 „eher zustimmen“ und der Aussage 3 „eher nicht zustimmen“. Dabei ergeben sich die gleichen Rückschlüsse, siehe Danzer et al. (2021), a. a. O. Antworten als sehr egalitäre Einstellungen klassifiziert, wenn die Befragten der ersten und zweiten Aussage „vollständig zustimmen“ und der dritten Aussage „vollständig nicht zustimmen“. Aus der Anzahl der sehr egalitären Einstellungen wird für jede Person ein Anteil sehr egalitärer Einstellungen errechnet.

Der Anteil der Personen mit sehr egalitären Einstellungen wird für Eltern mit Kindern unter zwölf Jahren im Haushalt sowie für Eltern mit älteren Kindern beziehungsweise Männer und Frauen ohne Kinder im Haushalt ausgewiesen (Abbildung 2). Letztere Gruppe wird allerdings nur in weiterführenden Analysen betrachtet, um mögliche Störfaktoren in der Schätzung kausaler Effekte von Kita- und Schulschließungen zu berücksichtigen.

Im Allgemeinen sind die Einstellungen von Frauen zur Erwerbstätigkeit von Müttern egalitärer als die von Männern. Die Einstellungen der Frauen unterscheiden sich kaum danach, ob ein Kind im Alter von unter zwölf Jahren im Haushalt lebt oder nicht. Lineare Zeittrends approximieren die Entwicklung der Einstellungen in den Jahren vor der Pandemie und zeichnen damit eine potenzielle Entwicklung, wenn die Corona-Pandemie nicht eingetreten wäre. Dabei ist ein genereller Trend zu egalitäreren Rolleneinstellungen zu beobachten, der bei Männern in Westdeutschland am stärksten ausgeprägt ist, insbesondere bei Vätern von jüngeren Kindern. Im Frühjahr 2021, ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie, ist zu beobachten, dass Väter von jüngeren Kindern am häufigsten von ihren sehr egalitären Einstellungen zur mütterlichen Erwerbstätigkeit abgerückt sind. Damit ist jene Gruppe besonders zurückgefallen, die sich in den Jahren vor der Corona-Pandemie am stärksten hin zu einem egalitäreren Geschlechterrollenverständnis entwickelt hatte.

Die Veränderungen mit Blick auf die sehr egalitären Geschlechterrolleneinstellungen werden im Folgenden mit mehreren empirischen Modellen bestimmt. Dies geschieht getrennt nach Geschlecht und Region mit linearen Regressionen, die auch weitere Kontrollvariablen, die die Einstellungen unabhängig voneinander beeinflussen, einschließen (Tabelle). Wenn man davon ausgeht, dass sich der Trend der Vorjahre fortgesetzt hätte, hat sich der Anteil der Väter mit sehr egalitären Einstellungen im Zuge der Corona-Pandemie um acht Prozentpunkte (Panel A) reduziert, bei Männern in Westdeutschland sogar um zwölf Prozentpunkte. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Einstellungen zur mütterlichen Erwerbstätigkeit in den Jahren 2016 bis 2021 ohne die Corona-Pandemie nicht egalitärer geworden wären, sondern auf dem Niveau von 2016 stagniert hätten, ist der Anteil der westdeutschen Väter mit sehr egalitären Geschlechterrolleneinschätzungen immer noch deutlich zurückgegangen (Panel B): um sieben Prozentpunkte, was bei einem Ausgangswert von rund 56 Prozent einem Rückgang von fast 13 Prozent entspricht. Bei Müttern mit Kindern unter zwölf Jahren hingegen lassen sich keine im statistischen Sinne signifikanten Veränderungen finden.infoEin ähnliches Bild ergibt sich für egalitäre statt sehr egalitäre Einstellungen, siehe Danzer et al. (2021), a. a. O.

Tabelle: Effekte der coronabedingten Kita- und Schulschließungen auf Einstellungen zur Erwerbstätigkeit von Müttern

In Prozentpunkten

Frauen Männer
Deutschland insgesamt Westdeutschland Deutschland insgesamt Westdeutschland
Panel A1
Abweichung vom linearen Zeittrend (2008 bis 2016) 3 2 −8** 12***
N 1 219 910 1 031 771
Panel B2
Veränderung 2016 bis 2021 2 2 −5 −7**
N 752 577 693 528
Anteil mit sehr egalitärer Einstellung im Jahr 2016 (Personen mit Kindern unter zwölf Jahren) 62 Prozent 58 Prozent 60 Prozent 56 Prozent
Panel C3
Differenz-von-Differenzen, Veränderung 2016 bis 2021 5 5 −4 −7**
N 4 492 3 510 4 516 3 477
Panel D4
Differenz-von-Differenzen, Abweichung vom linearen Zeittrend (2008 bis 2016) 5 5 −7* −10**
N 6 286 4 708 6 300 4 643

1 Panel A: Abweichung vom fortgezeichneten linearen Trend (basierend auf Entwicklung in den Jahren 2008 bis 2016).

2 Panel B: Einfache Differenz der Einstellungen im Jahr 2021 gegenüber dem Jahr 2016.

3 Panel C: Differenz-von-Differenzen basierend auf einem Vergleich von 2016 und 2021 und einem Vergleich von Eltern mit Kindern unter zwölf Jahren und einer Kontrollgruppe (Eltern mit Kindern über zwölf Jahren und Personen ohne Kinder).

4 Panel D: Differenz-von-Differenzen, basierend auf dem Zeitraum von 2008 bis 2016 mit linearen gruppenspezifischen Zeittrends.

Anmerkungen: Alle Regressionen basieren auf separaten Regressionen und enthalten Kontrollvariablen (Indikatoren für das Erhebungsjahr, das Bundesland und das Alter der befragten Personen). Die Sternchen an den Werten bezeichnen das Signifikanzniveau, das die statistische Genauigkeit der Schätzung angibt. ***, ** und * geben die Signifikanz auf dem Ein-, Fünf- und Zehn-Prozent-Niveau an.

Lesebeispiel: Wenn man davon ausgeht, dass sich der Trend der Vorjahre fortgesetzt hätte, hat sich der Anteil der Väter mit sehr egalitären Einstellungen im Zuge der Corona-Pandemie um acht Prozentpunkte (Panel A) reduziert, bei Männern in Westdeutschland sogar um zwölf Prozentpunkte.

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von ALLBUS und COMPASS.

Corona-Effekte auf Einstellungen zu Geschlechterrollen erweisen sich bei Berücksichtigung weiterer Faktoren als robust

Um aus den beobachteten Veränderungen den Effekt von Covid-19-bedingten (teilweisen) Kita- und Schulschließungen auf die Einstellungen zur Erwerbstätigkeit von Müttern abzuleiten, muss der Einfluss anderer potenzieller Faktoren berücksichtigt werden. So könnte ein Teil der Veränderungen während der Corona-Pandemie unabhängig von den Kita- und Schulschließungen zustande gekommen sein oder daraus resultieren, dass die Informationen aus dem Frühjahr 2021 einer Onlineerhebung entspringen, während die Informationen der Vorjahre in persönlichen Interviews gewonnen wurden. Einmal angenommen, der Befragungsmodus hätte einen Einfluss auf die berichteten Einstellungen zur Erwerbstätigkeit von Müttern, dann wäre der Schätzkoeffizient verzerrt.infoDie potenziell effektverzerrende Wirkung der Onlinebefragung wird allerdings als gering eingeschätzt, da diese bei Frauen in gleichem Maße zu beobachten sein sollte, falls der Einfluss bedeutsam wäre. In weiterführenden Analysen wird daher ein Differenz-von-Differenzen-Ansatz implementiert.infoFür diese Schätzmethode vgl. Andrew Goodman-Bacon und Jan Marcus (2020): Using difference-in-differences to identify causal effects of COVID-19 policies. Survey Research Methods 2020, 14(2), 153–158. Dabei werden die beobachteten Veränderungen bei Eltern jüngerer Kinder um allgemeine Veränderungen bereinigt, die auch bei Eltern älterer Kinder oder Personen ohne Kinder zu beobachten sind, die von Kita- und Schulschließungen nicht (so stark) betroffen sind. Zusätzlich werden das Alter und das Bundesland der Befragten berücksichtigt.infoFür weiterführende Einzelheiten zur empirischen Methode siehe Danzer et al. (2021), a. a. O. Eine ähnliche Methode wurde in Huebener et al. (2021), a. a. O. angewendet. Da die hier verwendete Methode mögliche allgemeine Veränderungen in den Einstellungen zu Geschlechterrollen aufgrund der Pandemie herausrechnet, wird der Gesamteffekt der Covid-19-Pandemie unterschätzt, wenn diese auch die Einstellungen der Kontrollgruppe verändert hat. Gleichzeitig wird damit aber der Effekt der Kita- und Schulschließungen stärker isoliert.

Aus dem beschriebenen Differenz-von-Differenzen-Ansatz, bei dem die Veränderungen der Einstellungen von Eltern jüngerer Kinder im Zeitraum von 2016 bis 2021 um Veränderungen in der Kontrollgruppe bereinigt werden, ergibt sich eine Reduktion der sehr egalitären Einstellungen bei westdeutschen Männern um sieben Prozentpunkte (Panel C, Tabelle). Wird wieder ein längerer Vergleichszeitraum vor der Pandemie herangezogen, um gruppenspezifische zeitliche Trends zu berücksichtigen, ergibt sich eine Reduktion der sehr egalitären Einstellungen westdeutscher Väter um zehn Prozentpunkte (Panel D). Für Frauen zeigen sich durchweg keine statistisch signifikanten Effekte.infoDie vorliegenden Ergebnisse sind robust gegenüber mehreren Sensitivitätsprüfungen, beispielsweise die Berücksichtigung weiterer Kontrollvariablen (Haushaltszusammensetzung, Einkommen). Für Einzelheiten siehe Danzer et al. (2021), a. a. O.

Rückgang in egalitärem Rollenverständnis vor allem bei westdeutschen Vätern von Kindern im Kita-Alter

Nimmt man an, dass es ohne Corona keine Zunahme der egalitären Einstellungen gegeben hätte, also die Werte für das Jahr 2016 auch im Jahr 2021 zu beobachten gewesen wären, zeigen sich die größten Rückgänge der sehr egalitären Einstellungen zur Erwerbstätigkeit von Müttern bei Vätern von Kindern unter sechs Jahren (Abbildung 3). Dies erscheint plausibel: Jüngere Kinder haben einen höheren Betreuungsbedarf und dies könnte während der Kita-Schließungen stärker ins Gewicht gefallen sein und zu einer stärkeren (Selbst-)Stereotypisierung im Einklang mit traditionellen Normen geführt haben. Außerdem sind die Einstellungen zu Geschlechterrollen bei Vätern mit kürzeren Erfahrungszeiten bei der Kinderbetreuung und -erziehung möglicherweise noch nicht so stabil ausgeprägt und daher anfälliger für Veränderungen. Dies könnte der Fall sein, da der Ausbau der Kindertagesbetreuung, die Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit insbesondere in Westdeutschland und der steigende Anteil von Elternzeit-Vätern mit egalitäreren Einstellungen einhergehen. Diese Entwicklungen vollzogen sich aber erst in den vergangenen Jahren, weshalb Väter von älteren Kindern weniger von diesen Entwicklungen betroffen waren.infoVgl. zum Beispiel Zoch und Schober (2018), a. a. O. Ihre Einstellungen zur Erwerbstätigkeit von Müttern waren entsprechend weniger egalitär.

Dieser Befund ist insbesondere auch vor dem Hintergrund bedeutend, dass die Geburt des ersten Kindes nach wie vor zwar vielfach zu „retraditionalisierten“ Verhaltensanpassungen führt, sich aber eigentlich nicht in einem veränderten Geschlechterrollenverständnis widerspiegelt.infoVgl. zum Beispiel Katja Wippermann und Carsten Wippermann (2008): Beruflicher Einstieg nach der Familiengründung – Bedürfnisse, Erfahrungen, Barrieren. Herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die besonderen Herausforderungen der Corona-Pandemie für Familien und der zumindest zeitweise Wegfall der Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur hingegen haben offenbar insbesondere bei Männern in Westdeutschland auch dazu geführt, dass diese ihre Einstellungen zu Geschlechterrollen verändert haben.

Internationale Befunde zeigen ähnliche Ergebnisse

Bislang liegen nach Wissen der AutorInnen dieses Berichts nur zwei weitere internationale Studien zu Geschlechterrolleneinstellungen während der Pandemie vor, die sich zudem lediglich auf den Beginn der Pandemie beziehen. Eine Studie für FrankreichinfoAnne Boring und Gloria Moroni (2021): Turning back the clock: Beliefs in gender norms during lockdown. Mimeo (online verfügbar). zeigt, dass Geschlechternormen bereits während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 traditioneller wurden, insbesondere bei Vätern jüngerer Kinder. Umfragedaten für die USA, Deutschland und Singapur aus dem Jahr 2020 legen dagegen nahe, dass männliche Einstellungen teils sogar egalitärer wurden, wenn Väter während der Pandemie arbeitslos wurden, während ihre Partnerinnen einer Erwerbsarbeit nachgingen. Bei arbeitslosen Frauen mit einem erwerbstätigen Partner wurden die Einstellungen dagegen traditioneller, also weniger egalitär.infoMalte Reichelt, Kinga Makovi und Anahit Sargsyan (2021): The impact of COVID-19 on gender inequality in the labor market and gender-role attitudes. European Societies, 23(sup1), 228–245.

Fazit: Politik sollte Veränderungen von Einstellungen im Blick haben

Insgesamt zeigen die vorliegenden Analysen, dass der Anteil von Vätern in Westdeutschland mit (sehr) egalitären Einstellungen gegenüber einer Erwerbstätigkeit von Müttern im Jahr 2021 deutlich zurückgegangen ist. Die Einstellungen von Frauen waren davon im Mittel nicht nachweisbar betroffen. In Ostdeutschland galt dies auch für Väter. Diese Einstellungsänderung ist von Bedeutung, da die längerfristigen Auswirkungen der Pandemie auf die Gleichstellung der Geschlechter und die Erwerbstätigkeit von Eltern nicht nur von kurzfristigen Effekten auf Beschäftigung und Arbeitszeiten bestimmt werden, sondern auch von Einstellungen zur Erwerbstätigkeit von Eltern.

Hinter diesen mittleren Effekten auf Geschlechterrolleneinstellungen könnte sich ein differenzierteres Bild abzeichnen, bei dem die Effekte neben der Region und dem Geschlecht der Personen auch von Familien- und Erwerbskonstellationen abhängen. So könnte es sein, dass in Familien, in denen die Mutter erwerbstätig ist und der Vater aufgrund von Kurzarbeit die zusätzliche Sorgearbeit übernommen hat, die gelebte Sorgearbeitsaufteilung, aber auch die Geschlechterrolleneinstellungen sogar egalitärer geworden sind.infoDie Datengrundlage dieser Studie erlaubt keine weiterführenden Heterogenitätsanalysen in Abhängigkeit von Haushalts- und Erwerbskonstellationen der Eltern. Diese Studie stellt Schätzungen für die aggregierten gesellschaftlichen Veränderungen dar.

Solche möglichen mittel- bis langfristigen Nebenwirkungen von Kita- und Schul(teil)schließungen können gesamtwirtschaftliche Kosten verursachen, die neben den gesundheitlichen und anderen Folgen der Pandemie ebenfalls berücksichtigt werden sollten. Das gilt schon kurzfristig mit Blick auf den bevorstehenden Herbst und die Verbreitung der Delta-Variante des Corona-Virus, im Zuge derer Einschränkungen im Kita- und Schulbetrieb womöglich abermals diskutiert werden, um die Ausbreitung des Virus zu begrenzen.

Dies könnte weitere Folgen haben, die dem politischen Ziel einer Steigerung der Erwerbstätigkeit und des Erwerbsvolumens von Müttern und einer stärkeren Beteiligung von Vätern an der Sorgearbeit entgegenstehen – und zwar nicht nur direkt, sondern auch indirekt über Veränderungen bei den Einstellungen zur Müttererwerbstätigkeit. Auch vor diesem Hintergrund sollten Bemühungen, Maßnahmen für einen sicheren Präsenzbetrieb zu realisieren, intensiviert werden. Unter anderem die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat dazu wiederholt Vorschläge unterbreitet.infoVgl. Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2020): Coronavirus-Pandemie: Für ein krisenresistentes Bildungssystem. 5. Ad-hoc-Stellungnahme zur Corona-Pandemie (online verfügbar); Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2021): Kinder und Jugendliche in der Coronavirus-Pandemie: psychosoziale und edukative Herausforderungen und Chancen, 8. Ad-hoc-Stellungnahme zur Corona-Pandemie (online verfügbar); sowie Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2021): Ökonomische Konsequenzen der Coronavirus-Pandemie – Diagnosen und Handlungsoptionen. Stellungnahme der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften, insbesondere 30–31 (online verfügbar).

Mathias Huebener

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Familie

Gert G. Wagner

Senior Research Fellow in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel



JEL-Classification: J13;J16;J18;J22
Keywords: Covid-19, gender role attitudes, childcare, difference-in-difference, ALLBUS, COMPASS
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2021-34-1

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