Deutsche Wirtschaft startet erst ab kommendem Jahr richtig durch

Pressemitteilung vom 16. September 2021

DIW-KonjunkturforscherInnen senken Prognose für 2021 von 3,2 auf 2,1 Prozent – Lieferengpässe und Materialknappheit belasten deutsche Industrie – Privater Konsum noch verhalten – Erst im kommenden Jahr könnte die deutsche Wirtschaft mit einem Plus von knapp fünf Prozent Fahrt aufnehmen, wenn Engpässe überwunden und Infektionszahlen nachhaltig gesunken sind – Inflation kein Grund zur Sorge

Die Weltwirtschaft brummt, vor allem die Wirtschaft in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften wächst mit steigender Impfquote. Doch der Konjunkturmotor in Deutschland stottert. Weltweite Engpässe bei Vorleistungsgütern lassen die heimische Industrie – trotz starker Nachfrage aus dem In- und Ausland – nicht in Gang kommen. Entsprechend hat auch der Export an Schwung verloren und stagniert vorerst. Bei den Dienstleistungsunternehmen, die im Sommer zwar von einer beruhigten Infektionslage profitiert haben, ist aufgrund steigender Inzidenzzahlen im Winter zwar mit erneuten Dämpfern zu rechnen. Die ExpertInnen unterstellen aber, dass es nicht zu so starken Einschränkungsmaßnahmen wie im vergangenen Winter kommen wird, da die Impfstrategie Wirkung zeigt.

Wenn sich um den Jahreswechsel herum der Produktionsstau nach und nach auflöst, dürfte die deutsche Industrie im Auftaktquartal 2022 durchstarten. Ist die Pandemie wie unterstellt ab Frühjahr mehr und mehr überwunden, schwenken auch die gebeutelten Dienstleistungsunternehmen wieder auf Erholungskurs und der Konsum wird deutlich zur Wirtschaftsleistung beitragen. Entsprechend haben die DIW-KonjunkturforscherInnen die Prognose für das Jahr 2022 auf 4,9 Prozent angehoben.

© DIW Berlin

Vorübergehend hohe Inflation kein Grund zur Sorge

Auch der Arbeitsmarkt zieht langsam wieder an, im laufenden Quartal dürfte die Beschäftigung merklich ausgeweitet werden. Allerdings wird die vierte Corona-Welle wohl nochmal leicht bremsen und vorübergehend auch die Zahl der KurzarbeiterInnen wieder nach oben treiben. Mittlerweile kommen indes aus der Industrie wieder positive Signale: Dort dürften wieder verstärkt sozialversicherungspflichtige Jobs aufgebaut werden. Die Zahl der Erwerbstätigen wird voraussichtlich ab kommendem Frühjahr nachhaltig steigen.#

Die Löhne dürften im kommenden Jahr wieder nach und nach an die Lohndynamik der Vorkrisenjahre anknüpfen. Dass sie nicht überbordend steigen, ist ein Grund, warum die ForscherInnen die zuletzt steigende Inflation nicht beunruhigt. Die derzeit hohe Teuerungsrate ist vor allem Sondereffekten geschuldet: Zu einem guten Teil geht sie auf den Wegfall der Mehrwertsteuersenkung und die wieder in einen normalen Bereich hochgeschnellten Ölpreise zurück. Beides wird die Rate im kommenden Jahr immer weniger verzerren, deshalb dürfte die Inflation ab 2022 auch auf zwei Prozent und darunter zurückgehen.

Schuldenquote steigt auf über 70 Prozent

Die Corona-Eindämmungsmaßnahmen haben im ersten Halbjahr zu schwächer steigenden Steuereinnahmen und erheblichen Mehrausgaben geführt. Die gesamtstaatlichen Einnahmen dürften im Jahr 2021 um 3,3 Prozent steigen, in den nächsten beiden Jahren durch den wirtschaftlichen Aufholprozess sogar um 4,7 und 4,6 Prozent. Aber auch die Ausgaben nehmen weiter zu. Insgesamt werden sie in diesem Jahr wahrscheinlich nochmals um vier Prozent zulegen und damit zu einem gesamtstaatlichen Finanzierungsdefizit von rund 160 Milliarden Euro führen. Auch im nächsten und übernächsten Jahr wird wohl noch mit einem deutlichen Defizit in Höhe von 78 beziehungsweise 43 Milliarden Euro zu rechnen sein. Die Schuldenquote dürfte in diesem Jahr von 69 auf 72 Prozent steigen und im kommenden Jahr wieder auf unter 70 Prozent sinken. Somit dürfte auch die Schuldenbremse im Jahr 2023 kaum wieder einzuhalten sein.

Kurz gesagt:

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin: „Die Wirtschaftspolitik in Deutschland steht an einem entscheidenden Wendepunkt. Deutschland benötigt in den kommenden Jahren massive öffentliche und private Zukunftsinvestitionen, damit die Ziele beim Klimaschutz, bei der digitalen Transformation und der Wettbewerbsfähigkeit erreicht werden können. Die neue Bundesregierung wird auch 2023 die Schuldenbremse nicht einhalten können. Sie muss glaubwürdig Farbe bekennen, ob sie Zukunftsinvestitionen oder kurzfristige Steuersenkungen und Schuldenabbau als oberste Priorität setzen will.“

Simon Junker, Experte für die deutsche Konjunktur am DIW Berlin: „Bis Ende des Jahres wird die Inflation die Vier-Prozent-Hürde locker überspringen. Auf den ersten Blick wirkt das erschreckend, doch schon zum Jahreswechsel wird mit dem Wegfall des Mehrwertsteuer-Effekts Druck aus dem Kessel genommen – die Rate kühlt schlagartig um einen Prozentpunkt ab. Im weiteren Verlauf kommt die Beruhigung der Rohölpreise hinzu, die Teuerung verliert dadurch einen guten weiteren Prozentpunkt an Fahrt.“

Marius Clemens, Experte für Finanzpolitik am DIW Berlin: „Auch in den nächsten Jahren wird beim Gesamtstaat mit deutlichen Defiziten zu rechnen sein. Die neue Koalition wird deshalb vor dem Zielkonflikt stehen, die bisherigen Regelungen der Schuldenbremse einzuhalten und folglich zu sparen und zu tilgen oder die Schuldenbremse zu modifizieren, um die notwendige Modernisierung zu voranzutreiben. Dies gilt für öffentliche investive Ausgaben ebenso wie für die steuerliche Förderung von privaten Investitionen auf der Einnahmeseite, beispielsweise durch Änderungen der Abschreibungsregeln.“

Geraldine Dany-Knedlik, Expertin für Weltwirtschaft am DIW Berlin: „Das Infektionsgeschehen hat sich zuletzt global deutlich entschleunigt, so dass die Weltwirtschaft im dritten Quartal wieder auf Erholungskurs kommen dürfte. Wegen des wachsenden Impfschutzes der Bevölkerung wird die Wirtschaft im kommenden Winter voraussichtlich weit weniger belastet als zuvor. Kräftige Zuwächse im privaten Verbrauch erweisen sich als Wachstumstreiber; Störungen der internationalen Lieferketten dürften sich im kommenden Jahr auflösen. Wir gehen für dieses Jahr von einem Wachstum von 6,7 Prozent aus, 2022 dürften es 5,2 Prozent sein."

Links

  • Studie im DIW Wochenbericht 37/2021
  • DIW Weekly Report 37/2021 (Studie in englischer Sprache)
  • Infografik in hoher Auflösung (JPG, 3.13 MB)
  • Interview mit Simon Junker
  • O-Ton von Simon Junker
    Es kann nicht produziert werden, obwohl die Nachfrage da ist - Interview mit Simon Junker
Simon Junker

Stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Marius Clemens

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Geraldine Dany-Knedlik

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Makroökonomie

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