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90 Jahre Brüning-Rücktritt: Austeritätspolitik schadete der Wirtschaft schon in den 1930er Jahren

Pressemitteilung vom 16. Juni 2022

Erstmals werden ökonomische Folgen von Heinrich Brünings Austeritätspolitik zwischen 1930 und 1932 quantifiziert – Sparmaßnahmen verursachten einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von zusätzlich 4,5 Prozent und zusätzliche 3,3 Millionen Arbeitslose – Forderungen nach Austerität als Reaktion auf gestiegene Schuldenstände in Europa sollten vor diesem Hintergrund neu evaluiert werden

Angesichts der aktuell hohen Staatsverschuldung in Teilen Europas als Folge der Corona-Pandemie wird von vielen Seiten derzeit die Wiedereinsetzung der Maastricht-Kriterien gefordert. Doch Austeritätspolitik schadet der Wirtschaft – schon in den 1930er Jahren. Erstmals konnten ForscherInnen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) anhand neu konstruierter Daten die Auswirkungen der deutschen Austeritätspolitik in den Jahren 1930 bis 1932 quantifizieren.

„Staaten können sich nicht einfach aus Rezessionen heraussparen.“ Stephanie Ettmeier

Die DIW-ÖkonomInnen Stephanie Ettmeier und Alexander Kriwoluzky haben anhand eines neu erstellten Datensatzes mit monatlichen Staatseinnahmen und Staatsausgaben der Weimarer Republik und einer neu konstruierten Austeritätsschockreihe untersucht, wie die Sparpolitik auf Wirtschaftsleistung und Arbeitslosigkeit wirkte. Der sogenannte „Hungerkanzler“ Heinrich Brüning hatte in seiner Amtszeit als Reichskanzler der Weimarer Republik angesichts hoher Staatsverschuldung und steigender Arbeitslosigkeit fünf Notverordnungen zwischen Sommer 1930 und Dezember 1931 erlassen, die die Staatsausgaben um 20 Prozent schrumpfen ließen. Allerdings hat dies die ohnehin schon schwache Wirtschaftsleistung in Summe um zusätzlich 4,5 Prozent (gemessen am BIP des Referenzjahres 1932) geschmälert und die Zahl der Arbeitslosen zwischen Januar und Juli 1932 um 3,3 Millionen steigen lassen. Das entspricht neun Prozent der damaligen erwerbstätigen Bevölkerung.

© DIW Berlin

Austeritätspolitik schadet mehr als sie nutzt

„Dass Sparpolitik in hochverschuldeten Staaten kontraproduktiv ist, haben schon Studien zur Euroschuldenkrise belegen können. Nun können wir auch zeigen, dass dies schon zu Beginn der 1930er Jahre die Wirtschaft geschwächt hat. Staaten können sich nicht einfach aus Rezessionen heraussparen“, fasst Studienautorin Stephanie Ettmeier zusammen. Brünings Austeritätspolitik hat wohl auch der NSDAP zusätzlich viele Wähler in die Arme getrieben. Die NSDAP hatte gegen die Sparmaßnahmen Front gemacht und nicht allein, aber vermutlich auch deswegen große Wahlerfolge erzielen können. Von der Wahl im September 1930 bis zur Wahl im Juli 1932, also nur zwei Monate nach dem Rücktritt Brünings, verdoppelte sich ihr Stimmanteil von 18 auf 37 Prozent.  

„Vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass Sparpolitik in der Regel mehr schadet als nutzt, sollte jetzt sorgfältig abgewogen werden, wie zielführend eine Austeritätspolitik wäre, um die aktuellen Schuldenstände in EU-Staaten abzubauen“, empfiehlt Studienautor Alexander Kriwoluzky.

Links

  • Studie im DIW Wochenbericht 24/2022
  • Studie im DIW Weekly Report 24+25/2022 (in englischer Sprache)
  • Infografik in hoher Auflösung (JPG, 0.71 MB)
  • Interview mit Studienautorin Stephanie Ettmeier
  • O-Ton von Stephanie Ettmeier
    Staaten können sich nicht einfach aus Rezessionen heraussparen - Interview mit Stephanie Ettmeier
Stephanie Ettmeier

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Makroökonomie

Alexander Kriwoluzky

Abteilungsleiter in der Abteilung Makroökonomie

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