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Die Besserverdiener verdienen noch mehr

Blog Marcel Fratzscher vom 2. Februar 2024

Es ist paradox: Der Niedriglohnbereich ist sehr viel kleiner geworden, die unteren Lohngruppen hatten hohe Zuwächse. Doch die Ungleichheit hat das nicht reduziert.

Die Anzahl der Beschäftigten im Niedriglohnsektor ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig steigt die Ungleichheit von Einkommen, und das Armutsrisiko verharrt auf einem sehr hohen Niveau. Das ist auf den ersten Blick widersprüchlich. Die Erklärung dieses vermeintlichen Paradoxes offenbart viel über die Stärken und Schwächen von Arbeitsmarkt und Sozialsystemen. Und sie zeigt, was Politik und Gesellschaft tun können, um das Armutsrisiko und die Ungleichheit der Lebensstandards zu reduzieren.

Diese Kolumne erschien am 2. Februar 2024 auf ZEIT ONLINE in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Nach den Agenda-Reformen arbeitete von 2007 bis 2017 mehr als jede und jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland im Niedriglohnsektor, verdiente also weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns. Im Oktober 2022 waren es jedoch weniger als jede und jeder Sechste, so eine neue Studie des DIW Berlin. Der Anteil fiel also von etwa 23 Prozent auf rund 15 Prozent aller Beschäftigten.

Der Niedriglohnsektor schrumpft

Anteil der Beschäftigten, die weniger als zwei Drittel des Medianlohns verdienen.

© DIW Berlin

Dies ist erst einmal eine positive Entwicklung. Man würde aber erwarten, dass das auch die Ungleichheit der Einkommen reduziert. Und hier besteht das vermeintliche Paradox: Die Ungleichheit der verfügbaren Haushaltseinkommen (also Einkommen nach Berücksichtigung aller Steuern, Abgaben und Zahlung von Sozialleistungen) ist gestiegen. Zwischen 1995 und 2013 sind die Einkommen für die 20 Prozent mit den geringsten Einkommen – viele davon gehören zum Niedriglohnsektor – gar nicht gestiegen, von 2013 bis 2020 dann moderat um vier bis zwölf Prozent.

Für Haushalte mit höheren Einkommen ist die reale Kaufkraft der Einkommen dagegen um ein Vielfaches stärker gestiegen: für die einkommensstärksten zehn Prozent um 30 Prozent zwischen 1995 und 2013 und um weitere 21 Prozent seit 2013. Die Konsequenz ist, dass das Armutsrisiko in Deutschland weiter gestiegen ist: von weniger als 11 Prozent im Jahr 1995 und 15 Prozent im Jahr 2013 auf aktuell etwa 17 Prozent.

Hinzukommt, dass Beschäftigte ohne oder mit geringer Qualifikation deutlich geringere Lohnsteigerungen erfahren haben. Und auch der Unterschied im Stundenlohn von Beschäftigten in Vollzeit im Vergleich zu solchen in Teilzeit ist nach wie vor substanziell und kaum geschrumpft.

Der Mindestlohn hat gewirkt

Wie lässt sich dieses vermeintliche Paradox auflösen? Vier Erklärungen spielen eine große Rolle: Erstens ist das Schrumpfen des Niedriglohnsektors fast ausschließlich auf die Einführung des Mindestlohns 2015 und der deutlichen Erhöhung im Oktober 2022 zurückzuführen. Die allermeisten Betroffenen im Niedriglohnsektor sind Beschäftigte, die zum Mindestlohn oder einem geringfügig höheren Lohn arbeiten. Das Schrumpfen des Niedriglohnsektors besagt lediglich, dass seit 2013 die Löhne der unteren 15 Prozent stärker als die in der Mitte der Verteilung gestiegen sind. Die genannte DIW-Studie zeigt, dass die Löhne in der Mitte schwach, aber für Menschen mit hohen Stundenlöhnen deutlich stärker gestiegen sind – auch deutlich stärker als für die im Niedriglohnsektor. Die Spreizung der Löhne hat somit über die gesamte Verteilung zugenommen. Da der Mindestlohn 2023 nicht erhöht wurde und in diesem Jahr auf lediglich 12,45 Euro steigt, dürfte der Niedriglohnsektor in den vergangenen anderthalb Jahren bereits wieder gewachsen sein und dies auch in diesem Jahr weiter tun.

Zweitens hängt das Einkommen von Beschäftigten stark von der Anzahl der gearbeiteten Stunden ab. In Deutschland arbeiten nach wie vor ungewöhnlich viele Menschen in Teilzeit. Kaum ein Land hat einen höheren Anteil – vor allem an Frauen –, die in Teilzeit tätig sind. Beschäftigte in Teilzeit haben nicht nur geringere Einkommen, sondern häufig auch deutlich geringere Stundenlöhne. Dass die Zahl der Beschäftigten in Deutschland in den letzten 15 Jahren so stark gestiegen ist, liegt vor allem an der höheren Erwerbstätigkeit von Frauen. Gleichzeitig gibt es nach wie vor riesige Hürden für viele Frauen, ihren Wunsch nach mehr Arbeitsstunden erfüllen zu können: mangelnde Betreuung durch Kitas und Schulen, steuerliche Fehlanreize durch das Ehegattensplitting oder hohe Transferentzugsraten, und die Minijobs, in denen noch etwa sieben Millionen Menschen beschäftigt sind.

Eine dritte Erklärung ist die Zusammensetzung der Haushalte. So gibt es viele Haushalte in Deutschland, in denen niemand in Vollzeit tätig ist oder überhaupt niemand berufstätig ist. Auch müssen immer mehr Rentnerinnen und Rentner mit einer geringen Rente auskommen. Dieser Trend wird sich in den nächsten zehn Jahren deutlich verschärfen. Es gibt zudem mehr Single-Haushalte. All dies bedeutet, dass es innerhalb der Haushalte immer häufiger niemanden gibt, der erwerbstätig ist und ein gutes Einkommen erzielt.

Der vierte Teil der Erklärung sind die geringeren Anstiege von Renten und sozialen Leistungen. Anders als von manchem Politiker kolportiert, sind sie in den letzten 15 Jahren deutlich weniger stark angestiegen als Arbeitseinkommen.

Die Lohnentwicklung für untere Einkommen bleibt dennoch enttäuschend

Welche Schlussfolgerungen ziehen wir aus diesem Paradox? Die positive Entwicklung im Niedriglohnsektor sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lohnentwicklung seit 1995 für Menschen mit geringen Löhnen nach wie vor enttäuschend ist. Die Beschäftigten im Niedriglohnsektor erhalten heute einen kaum höheren Reallohn als noch vor 30 Jahren. Die Löhne der oberen 30 Prozent sind dagegen im Durchschnitt um etwa 20 Prozent gestiegen.

Zudem sollte die Entwicklung von Löhnen und Einkommen nicht mit der von Wohlstand vertauscht werden. Gerade die Explosion der Mieten in den vergangenen zehn Jahren bedeutet, dass heute fast jeder vierte Haushalt mehr als 40 Prozent des monatlich verfügbaren Einkommens für Wohnen ausgeben muss; 1995 mussten sie lediglich ein Viertel ihres Einkommens dafür aufbringen. Viele ärmere Haushalte haben somit heute trotz höherer Löhne und Einkommen keinen besseren Lebensstandard als vor zehn Jahren.

Auch spielt die geringe soziale Mobilität in Deutschland eine große Rolle. Es ist nicht ungewöhnlich, dass junge Erwachsene zu Beginn ihres Erwerbslebens wenig Einkommen und geringe Löhne haben. Im internationalen Vergleich sind hierzulande die Chancen jedoch gering, über den Lebensverlauf bessere Löhne und Einkommen erzielen zu können. Insbesondere hängt in kaum einem Land das Einkommen der Kinder so stark von Einkommen und Bildungsgrad der Eltern ab wie in Deutschland.

Langfristig leider keine Entwarnung

Als Fazit lässt sich festhalten, dass das Schrumpfen des Niedriglohnsektors in den letzten zehn Jahren eine gute Entwicklung ist. Es kompensiert aber nur den zuvor starken Ausbau des Niedriglohnsektors und einen Teil der Reallohnverluste seit 1995. Aus einer langfristigen Perspektive lässt sich keine Entwarnung geben. Dies gilt umso mehr, da die Kaufkraft der Einkommen in den letzten zehn Jahren nicht nur ungleicher geworden ist, sondern vor allem viele Menschen mit geringen Einkommen Einbußen ihres Lebensstandards erfahren mussten. Auch der Anstieg der relativen Armutsquote in den letzten zehn Jahren ist eine deutliche Warnung, dass die Einkommensentwicklung in Deutschland noch immer hochproblematisch ist und viele Menschen ihrer Chancen auf soziale Teilhabe beraubt werden.

Die Einführung und Erhöhung des Mindestlohns und die Stärkung von Sozialpartnerschaften, neben auskömmlichen und angemessen sozialen Leistungen, haben sich als sehr effektive Instrumente erwiesen, um Menschen mit geringen Löhnen und Einkommen abzusichern. Diese werden daher auch in der Zukunft eine große Rolle spielen. Die Politik muss jedoch deutlich mehr tun und unter anderem Hürden abbauen, vor allem für Frauen und Zugewanderte, damit mehr Menschen in gute Arbeit und zu guten Einkommen kommen.

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