Goodbye Willkommensgefühl

Geflüchtete berichten in Deutschland häufig von Diskriminierung – besonders bei der Wohnungssuche und auf dem Arbeitsmarkt. Ellen Heidinger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am sozio-oekonomischen Panel (SOEP) des DIW Berlin, erklärt im Interview, warum Diskriminierung Integration massiv erschwert, wie sich das Willkommensgefühl seit 2018 verändert hat und welche politischen Maßnahmen dringend notwendig sind, um Chancengleichheit zu fördern.

Sie haben im August 2025 mit Ihrer Kollegin Philippa Cumming einen Wochenbericht über die Situation Geflüchteter bei der Jobsuche und auf dem Wohnungsmarkt veröffentlicht. Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Ellen Heidinger: Unser Wochenbericht zeigt, dass Geflüchtete davon berichten, in verschiedenen Lebensbereichen Diskriminierung erlebt zu haben. Am häufigsten wird von Diskriminierung bei der Wohnungssuche berichtet. Aber auch bei der Jobsuche oder am Arbeitsplatz nehmen Geflüchtete in Deutschland Diskriminierung wahr. Als Hauptgründe werden die ethnische Herkunft, die Herkunft aus einem anderen Land oder aus rassistischen Gründen genannt. Darüber hinaus haben wir festgestellt, dass sich das Willkommensgefühl unter Geflüchteten in Deutschland seit 2018 verringert hat, während gleichzeitig die Sorge vor Fremdenfeindlichkeit seit 2019 kontinuierlich gewachsen ist.

© DIW Berlin

Es gab Unterschiede in der Diskriminierungserfahrung nach Bildungsabschluss, Geschlecht und Ost-, bzw. Westdeutschland. Worin bestanden diese Unterschiede und haben Sie dafür Erklärungsansätze gefunden?

Heidinger: Die Untersuchungen zeigen, dass geflüchtete Männer mit einem mittleren Schulabschluss am Arbeitsplatz weniger häufig von Diskriminierung berichten als Männer ohne Schulabschluss. Geflüchtete Frauen mit einem mittleren Abschluss berichten hingegen häufiger von Diskriminierung bei der Wohnungssuche als jene ohne einen Abschluss. Zudem nehmen geflüchtete Männer, die in Ostdeutschland leben, in allen Bereichen, also bei der Jobsuche, am Arbeitsplatz und bei der Wohnungssuche, deutlich häufiger Diskriminierung wahr als diejenigen in Westdeutschland. Die Auswertungen erlauben keine direkten Rückschlüsse auf die Ursachen der höheren wahrgenommenen Diskriminierung von Geflüchteten am ostdeutschen Arbeits- und Wohnungsmarkt, jedoch sind verschiedene Erklärungen denkbar. Zum einen könnten die strukturellen Bedingungen eine Rolle spielen, die durch eine insgesamt angespanntere Beschäftigungssituation gekennzeichnet sind, wodurch Geflüchtete stärker mit Wettbewerb und arbeitsplatzbezogenen Spannungen konfrontiert sind. Außerdem könnte die tatsächliche Diskriminierung von Geflüchteten in Ostdeutschland größer sein.

Welche Datengrundlage hat Ihre Studie?

Heidinger: Die Grundlage für die Analysen bilden Daten des SOEP und die darin integrierte IAB-SOEP-Migrationsstichprobe sowie die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten. Letztere umfasst Personen, die zwischen dem 1. Januar 2013 und dem 31. August 2022 als Schutzsuchende nach Deutschland gekommen sind. 33 Prozent der Befragten sind Frauen. Das mittlere Alter beträgt 34 Jahre und die Hauptherkunftsländer sind Syrien, Afghanistan und der Irak. Personen aus diesen drei Ländern befinden sich gemittelt seit 6,6 Jahren in Deutschland und 58 Prozent sind erwerbstätig. Für die Darstellung der zeitlichen Entwicklung des Willkommensgefühls und der Sorgen vor Fremdenfeindlichkeit haben wir Daten aller bisher verfügbaren Erhebungswellen 2016 bis 2023 ausgewertet. Diese Analysen basieren auf 29.338 Einzelbeobachtungen. Für die Analyse der aktuell wahrgenommenen Diskriminierung verwenden wir Querschnittsdaten der Erhebung von 2022. Diese umfassen 2 424 befragte Geflüchtete. Um die Ergebnisse einzuordnen, werden Geflüchtete mit anderen Zugewanderten verglichen, die ebenfalls seit 2013 in Deutschland sind und keinen Asylantrag gestellt haben.

Unterscheiden sich denn die Erfahrungen der geflüchteten Menschen von anderen Gruppen von Migrant*innen, die nicht geflohen sind, und auf anderem Wege nach Deutschland kamen?

Heidinger: Die Befunde zeigen zunächst, dass Geflüchtete und Migrant*innen ohne Fluchthintergrund, auf den ersten Blick in der Wahrnehmung von Diskriminierung in den drei Lebensbereichen Wohnungssuche, Jobsuche und Arbeitsplatz ähnliches erleben. 14 Prozent der Geflüchteten und 16 Prozent der Migrant*innen ohne Fluchthintergrund  berichten von wahrgenommener Diskriminierung am Arbeitsplatz. Bei der Suche nach einer Arbeit fühlten sich 18 Prozent der Geflüchteten sowie 21 Prozent der  Migrant*innen ohne Fluchthintergrund benachteiligt. Die höchsten Werte für wahrgenommene Diskriminierung finden sich bei der Wohnungssuche. Knapp jede dritte Person beider Gruppen berichtet von erlebter Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt (32 Prozent der Geflüchteten und 28 Prozent der  Migrant*innen ohne Fluchthintergrund). Unterschiede werden erst deutlich, wenn man die Daten statistisch kontrolliert. Dort zeigt sich, dass bei Geflüchteten Faktoren wie Geschlecht, der Bildungsabschluss oder der Wohnort die Wahrnehmung von Diskriminierung beeinflussen. Bei Migrant*innen ohne Fluchthintergrund spielen diese Merkmale in unserer Analyse hingegen keine vergleichbare Rolle. Das weist darauf hin, dass Geflüchtete in spezifischen Lebens- und Integrationskontexten leben. Möglich ist beispielsweise, dass Selektionsprozesse dazu führen, dass Migrant*innen ohne Fluchthintergrund häufiger in wirtschaftlich stärkere Regionen ziehen oder von Beginn an bessere Zugänge zu Arbeit und Wohnraum haben. Zudem können kontextspezifische Bedingungen wie angespannte lokale Wohnungs- und Arbeitsmärkte diskriminierende Mechanismen verstärken, die Geflüchtete häufiger von wahrgenommener Diskriminierung berichten lassen.

Die Stimmung in Deutschland – gerade auch innerhalb der aktuellen Bundesregierung – ist eine, die eher gegen Einwanderung und die Aufnahme von Geflüchteten ist – Stichwort Aussetzung des Familiennachzugs oder Pushbacks an deutschen Außengrenzen. Liegt es da nicht auf der Hand, dass auch das Willkommensgefühl bei den betroffenen Personengruppen sinkt?

Heidinger: Es liegt nahe, dass politische Rahmenbedingungen und öffentliche Debatten Einfluss auf das Willkommensgefühl von Geflüchteten haben. Politische Maßnahmen wie Reformen zu Rechtsgrundlagen bei Rückführungen, sowie ein hohes Niveau gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit können dazu beitragen, dass sich Geflüchtete weniger willkommen fühlen und ihre Sorgen vor Fremdenfeindlichkeit zunehmen. Aktuelle Studien zeigen allerdings auch, dass individuelle Erfahrungen wie etwa Diskriminierung eine ebenso wichtige Rolle spielen (siehe bspw. Damen et al., 2024infoDamen, R., Dagevos, J. & Huijnk, W. Feeling at Home? A Dynamic Analysis of the Impact of Discrimination, Refugee-Specific, and Participation Characteristics on Recently Arrived Refugees’ Belonging. Int. Migration & Integration 25, 1547–1569 (2024). https://doi.org/10.1007/s12134-024-01135-y). Das Willkommensgefühl ist das Ergebnis eines Zusammenspiels von politischen, sozialen und persönlichen Faktoren.

Dazu, dass Geflüchtete sich in Deutschland weniger willkommen fühlen, trägt auch der politische Diskurs bei.
© Adobe/maxdigi

In Ihrem Wochenbericht zitieren Sie Daniel Diekmann und Karim Fereidooni mit den Worten „Diskriminierung ist eine der zentralsten Barrieren für Integration.“ Wieso ist das so?  Wie ist hier der Zusammenhang?

Heidinger: Diskriminierung gilt als eine der zentralen Barrieren für Integration, weil sie den Zugang zu wesentlichen Lebensbereichen, wie in unseren Analysen beispielsweise zum Arbeitsmarkt und Wohnraum, erschwert. Wer Diskriminierung erlebt, wird bei Bewerbungen, Wohnungsanfragen oder im beruflichen Alltag benachteiligt. Diskriminierung wirkt dabei sowohl auf struktureller Ebene, indem institutionelle Hürden und Benachteiligungen bestehen, als auch auf individueller Ebene, indem Diskriminierungserfahrungen das psychische Wohlbefinden, das Zugehörigkeitsgefühl und das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen beeinträchtigen. Dies kann die Partizipation am gesellschaftlichen Leben hemmen.

Haben Sie so etwas wie die größte Baustelle in Ihrer Studie identifiziert, die die Bundesregierung dringend angehen müsste? Was wäre das?

Heidinger: Ein Fokus unserer Studie ist die Diskriminierung von Geflüchteten auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Besonders bei der Wohnungssuche berichten viele Betroffene von Benachteiligungen, die sie auf ihre ethnische Herkunft beziehen. In diesem Zusammenhang ist die Forderung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes besonders zentral: Sie fordert, die Staatsangehörigkeit als zusätzliches Diskriminierungsmerkmal in das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz aufzunehmen. Derzeit sind nur bestimmte Merkmale wie ethnische Herkunft, Religion oder Geschlecht explizit gesetzlich geschützt. Eine Aufnahme der Staatsangehörigkeit würde Geflüchteten und zugewanderten Personen ermöglichen, rechtlich gegen Benachteiligungen vorzugehen, die direkt mit ihrer Staatsangehörigkeit zusammenhängen, und könnte gleichzeitig zu einer Sensibilisierung von Vermieter*innen, Arbeitgeber*innen und Institutionen beitragen.

Viele Geflüchtete gaben an, bei der Wohnungssuche Diskriminierung erlebt zu haben.
© Adobe/ArTo

Welche weiteren Forderungen an die Politik leiten Sie aus Ihrer Forschung ab?

Heidinger: Allgemein sollten Maßnahmen gegen Diskriminierung am Arbeits- und Wohnungsmarkt weiter gestärkt und umgesetzt werden. Dazu zählen transparente Bewerbungs- und Vergabeprozesse, die nachvollziehbare und faire Entscheidungen ermöglichen. Anonymisierte Bewerbungen und klare Auswahlkriterien können Diskriminierung vermeiden und die Chancengleichheit verbessern. Darüber hinaus sollte der Ausbau von unabhängigen Rechtsberatungsstellen für Menschen, die Diskriminierung im Arbeits- oder Wohnbereich erfahren haben, weiter vorangetrieben werden. So kann Betroffenen niedrigschwellige Unterstützung und wirksame Möglichkeiten zur Durchsetzung ihrer Rechte angeboten werden. Abschließend sind kontinuierliche Datenerhebungen und Monitoring notwendig, um Diskriminierung systematisch zu dokumentieren und politische Maßnahmen evidenzbasiert anzupassen.

Trotz der allgemeinen Stimmung in Deutschland: Was wäre Ihnen wichtig, dass Bürger*innen zum Thema Diskriminierung von Geflüchteten wissen? Wo sind die größten blinden Flecken und wie könnte man diese auflösen?

Heidinger: Diskriminierung von Geflüchteten ist in vielen Lebensbereichen alltäglich, auch wenn sie oft unsichtbar bleibt. Diskriminierung schließt nicht nur offene Ablehnungen ein, sondern passiert häufig subtil und strukturell. So zum Beispiel bei der Wohnungssuche oder beim Zugang zu Jobs, unabhängig von Qualifikationen oder Motivation der Betroffenen. Um diese blinden Flecken aufzulösen, braucht es sowohl Sensibilisierung auf gesellschaftlicher Ebene, klare rechtliche Rahmenbedingungen, die Diskriminierung besser abdecken, als auch niedrigschwellige Möglichkeiten für Betroffene, Diskriminierung sichtbar zu machen und dagegen vorzugehen. Außerdem sollte der Fokus darauf liegen, Strukturen zu verändern, nicht nur Einzelpersonen zu sensibilisieren, da viele Barrieren systembedingt sind.

Die Fragen stellte Lena Högemann.

Die Expertin

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