Nachhaltigkeit am DIW: Forschungsschwerpunkt und gelebte Praxis

Nachhaltigkeit ist am DIW Berlin nicht nur ein großer Forschungsschwerpunkt, sondern auch gelebte Praxis. Das DIW Berlin hat sich zum Ziel gesetzt, durch nachhaltiges Wirtschaften einen konkreten Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Seit 2021 gibt es dafür die Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit. Sie besteht aus DIW-Mitarbeitenden unterschiedlicher Abteilungen und sammelt, koordiniert und überprüft die Schritte auf dem Weg zum großen Ziel: Ein klimaneutrales Institut. Zwei große Meilensteine sind schon erreicht: Seit drei Jahren gibt es einen Nachhaltigkeitsbericht (PDF, 1.02 MB) und eine CO2-Bilanz, die die Entwicklung eines jeden Jahres fortschreiben. Das DIW Berlin hat seine Emissionen seit 2019 bereits mehr als halbiert – dazu beigetragen haben aber nicht nur die AG Nachhaltigkeit, sondern wie an anderen Stellen auch die Corona-Krise und neue Möglichkeiten der Digitalisierung. Der neue Nachhaltigkeitsbericht des Instituts ist gerade erschienen. 

Wir sprechen mit drei Mitgliedern des Instituts: Franziska Schütze ist PostDoc, seit 2019 am Institut und stellvertretende Abteilungsleiterin der Abteilung Klimapolitik. Sie forscht zum Thema Nachhaltigkeit und Klimapolitik. Caroline Stiel ist ebenfalls PostDoc, seit 2013 am Institut und in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt.  Aktuell forscht sie zum Thema Kommunale Wärmewende. Katharina Fettig unterstützte die AG Nachhaltigkeit von 2022 bis 2025 als studentische Hilfskraft. Sie studierte Technischen Umweltschutz an der TU Berlin. Die drei AG-Mitglieder haben ihre wichtigsten Antworten für uns zusammengefasst:

 Wie kam es überhaupt zur Gründung der Gruppe und welche Ziele verfolgt ihr?

Auf Initiative des Vorstands wurde 2021 eine Nachhaltigkeitsbeauftragte ernannt und eine entsprechende Nachhaltigkeits-AG gegründet. Die AG besteht aus Mitarbeitenden aus unterschiedlichen Abteilungen des DIW. Es sind sowohl Menschen aus verschiedenen Forschungsbereichen als auch aus diversen administrativen Bereichen mit dabei. Unser Ziel ist es, bewusstes, nachhaltiges und effizientes Handeln in allen Bereichen des Hauses zu fördern. Wir wollen das Institut nachhaltiger gestalten und einen positiven gesellschaftlichen Beitrag leisten.

Diese Schritte ist das DIW Berlin schon in Richtung nachhaltiges Forschungsinstitut gegangen.
© DIW Berlin

Warum ist es eurer Meinung nach wichtig, dass ausgerechnet das DIW Berlin Verantwortung übernimmt und sich als Institut um seine eigene Nachhaltigkeit kümmert?

Schon allein deshalb, weil Nachhaltigkeit ein zentraler Themenschwerpunkt des Instituts ist. Hier forschen viele Menschen zu den Themen Energieversorgung, Verkehr, Umwelt- und Klimapolitik. Das beschäftigt nicht nur die entsprechenden Abteilungen oder die Arbeitsgruppe sozial-ökologische Transformation. Auch andere Abteilungen forschen mit daran, wie die Transformation hin zu einer klimaneutralen Gesellschaft gelingen kann, welche Marktbedingungen hierfür förderlich sind, was das fürs Wirtschaftswachstum bedeutet, wie sich das auf die Verteilung auswirkt und wie der Staat reagieren kann. Diese Fragen sind zentral für unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem und wir arbeiten intensiv daran, Antworten und Lösungen zu finden. Da liegt es auf der Hand, dass wir auch selbst einen Beitrag leisten wollen.

In der Abteilung Klimapolitik beschäftigen wir uns ganz konkret mit dem Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung und CO2-Bilanzen von Unternehmen und nutzen diese Daten für unsere Forschung. Da ist es naheliegend, sich auch mit dem eigenen Fußabdruck zu beschäftigen. Es war daher eine wertvolle Erfahrung, nicht nur Bilanzen anderer auszuwerten, sondern auch selbst eine solche Bilanz zu erstellen und zu erfahren, welche Chancen und Herausforderungen sich daraus ergeben.

Warum ist es vielleicht wichtig, als Institut die Nachhaltigkeit nicht nur zu erforschen, sondern auch zu leben?

Uns ist es wichtig, nicht nur nachhaltiges Handeln von anderen einzufordern, sondern dies auch von uns selbst zu verlangen. Es geht also sowohl um die Glaubwürdigkeit nach außen als auch nach innen. Außerdem wollen wir praktische Umsetzungswege finden und zeigen, dass es möglich ist, mehr für die Nachhaltigkeit zu tun. Davon abgesehen haben wir auch einfach viel Spaß als Team am Vorangehen und Experimentieren. Wir diskutieren viel untereinander, welche Maßnahmen sinnvoll sind und wie sie bei unseren Kolleg*innen im Institut ankommen. Gerade als Forscher*inen ist es wichtig, nicht nur abstrakte Maßnahmen vorzuschlagen, sondern auch zu verstehen, warum manche Dinge auf Widerstände stoßen und nicht so leicht umzusetzen sind.

Der CO2-Fußabdruck des Instituts hat sich zwischen 2019 und 2023 stark verringert. Was dabei auch eine Rolle spielte, ist die Coronapandemie, wegen der viel digital gearbeitet wurde und wesentlich weniger Dienstreisen gemacht worden sind.
© DIW Berlin

Auf der Webseite des DIW Berlins beschreibt ihr ein wichtiges Ziel: Die CO2-Neutralität. Bis wann soll das DIW diese CO2-Neutralität erreichen?

Wir orientieren uns als Institut am deutschen Klimaneutralitätsziel bis 2045. Im besten Fall möchten wir dieses Ziel früher erreichen. Da wir keine Güter, nichts Materielles, produzieren, haben wir natürlich den Vorteil, dass wir keine bis wenig direkte Emissionen in Produktionsprozessen verursachen. Wir wissen aber auch, dass wir bei den indirekten Emissionen, die einen großen Teil ausmachen, stark von Zulieferern abhängig sind – beispielsweise beziehen wir Fernwärme in unserem Gebäude, die bisher nicht klimaneutral erzeugt wird.

Wie berechnet man überhaupt den CO2-Ausstoß eines Forschungsinstituts? Ich glaube, ihr habt einen CO2-Fußabdruck für das Institut entwickelt. Wie hat das funktioniert?

Genau, wir haben uns 2022 zum ersten Mal mit unserer CO2-Bilanz beschäftigt und diese rückwirkend ab 2019 erstellt. Dazu haben wir die Daten zu Emissionsintensitäten, also über unsere Aktivitäten und Verbräuche, beispielsweise Energieverbrauch, Papier und Reisen gesammelt und diese in eine Software eingepflegt. Seit 2022 erstellen wir nun jährlich eine CO2-Bilanz und wissen daher besser, wo ein Großteil der Emissionen entsteht. So können wir gezielte Maßnahmen ableiten.

Die Emissionsquellen des DIW Berlin 2023.
© DIW Berlin

Was war das Ergebnis, wie hat sich der Fußabdruck entwickelt?

Der CO2-Fußabdruck des DIW Berlin lag im Jahr 2023 bei 366,7 Tonnen, das sind ca. 1,55 Tonnen pro Mitarbeiter*in. Im Vergleich dazu verursacht jede*r Deutsche privat und beruflich zusammen 10,5 Tonnen CO2 pro Jahr.infoUmweltbundesamt 2025: https://www.umweltbundesamt.de/bild/durchschnittlicher-co2-fussabdruck-pro-kopf-in  Im Jahr 2019 lag der gesamte CO2-Fußabdruck des DIWs noch bei über 1.000 Tonnen. Vor allem durch Corona, und die damit verbundene Abnahme von Dienstreisen und weiterer Einsparungen ist er in den darauffolgenden Jahren um knapp zwei Drittel gesunken.

Unsere direkten Emissionen, die sogenannten Scope 1- und Scope-2-Emissionen, sind relativ gering, da wir keinen eigenen Fuhrpark haben und bereits seit 2012 zu 100% Ökostrom beziehen.  Das wirkt sich positiv auf die CO2-Bilanz aus. Die größten Posten sind die indirekten Emissionen in der Lieferkette, die Scope 3-Emissionen – dort entstehen über 80 Prozent der Emissionen. Das sind vor allem Dienstreisen, speziell Flüge, die Anfahrt der Mitarbeitenden, sowie Emissionen im Homeoffice, aber auch die Wärme und Kälteversorgung des Gebäudes.

Was können die verschiedenen Abteilungen leisten?

Das ist ganz unterschiedlich. Die Abteilung Kommunikation hat zum Beispiel Ende 2023 den gedruckten Wochenbericht abgeschafft und setzt stattdessen auf eine html-Version, die auch auf mobilen Endgeräten super nutzbar ist. Da profitieren alle. Auch auf gedruckte Jahresberichte verzichtet das Institut seit einigen Jahren und entwirft stattdessen einen digitalen Jahresrückblick. Alle Abteilungen verzichten bei ihren Caterings auf Fleisch.

Auch die Digitalisierung von Verwaltungsprozessen kann dazu beitragen, Papier zu sparen. Bei der Planung von Veranstaltungen und Meetings verzichten wir wo immer möglich auf Tagungsmappen und gedruckte Unterlagen. In vielen Fällen wird auch die virtuelle Teilnahme ermöglicht, was wiederum Reisekosten spart.

IT und Office-Management können dazu beitragen, die Emissionen aus dem Betrieb, zu reduzieren, beispielsweise durch energiesparende Hardware. Weiterhin gibt es Betriebs-Fahrräder, die man für Auswärtstermine in Berlin nutzen kann.

Gibt es Meilensteine oder Aktionen, die euch besonders wichtig sind?

Meilensteine sind auf jeden Fall die Erstellung der ersten CO2-Bilanz und des ersten Nachhaltigkeitsberichtes. Es war sehr aufwändig, die Daten zu beschaffen, aber es hat sich auch gelohnt, da wir jetzt ein viel besseres Bild darüber haben, wo der Handlungsbedarf am größten ist.

Wichtige Maßnahmen waren die Einführung von Mülltrennung, vegetarischem Catering, Nacht- und Wochenendabsenkung der Heizung und Papiereinsparmaßnahmen. Weitere spannende Aktionen, die auch die Mitarbeitenden einbinden, sind zum Beispiel die jährliche Teilnahme am Stadtradeln und am Firmenlauf. Beim Stadtradeln geht es nicht nur darum, dass vielleicht mehr Leute mit dem Rad kommen, die Aktion lenkt auch die Aufmerksamkeit auf den Radverkehr in Berlin und eine Verbesserung der Fahrradinfrastruktur.

Ich habt euch für das Reporting-Format den Deutschen Nachhaltigkeits-Kodex (DNK) ausgesucht. Warum?

Grundsätzlich ist das DIW Berlin eigentlich nicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung verpflichtet. Wir möchten aber mit gutem Beispiel voran gehen. Bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung ist eine stärkere Standardisierung wichtig, da dies mehr Vergleichbarkeit schafft. Umfragen zeigen, dass der DNK in Deutschland sehr viel genutzt wird, gerade von kleineren und mittleren Unternehmen, so genannten KMUs. Zusätzlich bietet er verschiedene Module oder Ausprägungen. So gibt es beispielsweise einen Hochschulkodex, der für Forschungseinrichtungen entwickelt wurde. Es war uns wichtig, uns an einem objektiven Standard zu messen, um eine Vergleichbarkeit mit anderen Forschungseinrichtungen zu ermöglichen.


Nach der Coronapandemie gab es einen deutlichen Rückgang bei den Dienstreisen.
© DIW Berlin

Was kann denn jeder einzelne und jede einzelne Mitarbeiterin tun? Und wie stellt ihr sicher, dass die Mitarbeitenden auch Bescheid wissen, was sinnvoll ist und was nicht?

Wir informieren die Kolleginnen und Kollegen regelmäßig zu verschiedenen Nachhaltigkeitsthemen im privaten und beruflichen Bereich. Dafür gibt es eigenen Newsletter, den „DIW grün“. Damit halten wir das Thema im Bewusstsein. Jeder einzelne Mitarbeitende ist ein Multiplikator in ihrem bzw. seinem privaten und beruflichen Umfeld. Daher ist es sinnvoll, dass wir uns auch um unser individuelles Handeln Gedanken machen. Wir versuchen dazu anzuregen, im Arbeitsalltag auf kleine Dinge zu achten: Heizung, Licht und PC aus zum Feierabend, mit dem Fahrrad oder ÖPNV zur Arbeit kommen usw.

Und was habt ihr als AG noch vor? Was sind die wichtigsten Herausforderungen für die Zukunft?

Wir werden weiterhin an vielen kleinen Stellschrauben drehen und schauen, in welchen Bereichen wir weitere Maßnahmen umsetzen können.  Aktuell streben wir eine Zertifizierung als fahrradfreundlicher Arbeitgeber an, da schon jetzt viele unserer Mitarbeitenden mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Eine Herausforderung für die Zukunft ist definitiv, CO2-Neutralität in allen Bereichen zu erreichen. Gerade bei den indirekten Emissionen sind wir von Externen, also Zulieferern und Dienstleistern abhängig. Wir müssen daher weiterhin versuchen, unseren Verbrauch zu vermindern - z.B. bei der Heizung und Kühlung - ohne die Qualität unserer Arbeit zu beeinträchtigen. Die Umstellung auf klimaneutrale Wärmeversorgung liegt allerdings in der Hand des Wärmeversorgers. Unsere größte Baustelle sind wahrscheinlich die Dienstreisen – hier ist es wichtig, immer, wenn möglich, Veranstaltungen auch digital anzubieten und digitale Teilnahme zu nutzen. Aber auch der Umstieg auf Bahnreisen und damit die Reduktion von Flugreisen auf das Minimum - vor allem innerdeutsch und innereuropäisch - sind wichtige Stellschrauben. Hier gibt es bereits den Beschluss Bahnfahrten und digitale Teilnahme den Flugreisen vorzuziehen und Inlandsflüge zu vermeiden. Dafür gibt es neue Dienstreisebestimmungen und Formulare. Das Bundesreisekostengesetz ermöglicht es jetzt, die Bahn zu nehmen, auch wenn sie nicht die günstigste Option ist.

Wie stellt ihr euch die Rolle der AG Nachhaltigkeit in den nächsten 100 Jahren vor?

Toll wäre es, wenn die AG weiterwächst und sich alle Abteilungen beteiligen. Das Thema Nachhaltigkeit sollte aber nicht nur in einer einzelnen Arbeitsgruppe behandelt werden, sondern in alle Prozesse integriert werden. Auf lange Sicht wäre es natürlich schön, wenn das Thema so selbstverständlich im Arbeitsalltag gelebt wird, dass die AG gewissermaßen überflüssig wird.

100 JAHRE DIW BERLIN IN FÜNF EPOCHEN

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