Eine Immobilienkrise, die die Welt veränderte

Als DIW-Forscherin Dorothea Schäfer im Sommer 2007 auf dem Weg zur Arbeit in der Berliner U-Bahn saß, konnte sie ihren Augen kaum glauben. Zwischen Wettervorhersagen und Promi-News verkündeten die Nachrichtenbildschirme des Berliner Fensters: Deutsche Industriebank IKB steht vor der Insolvenz.

Schäfer war zwischen 2002 und 2023 am DIW Berlin, wo sie unter anderem die Forschungsgruppe Finanzmärkte und Finanzinstitutionen leitete und ab 2008 Chefredakteurin der Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung war. Im Laufe ihrer Karriere sprach sie sich immer wieder für eine stärke Regulierung des Bankensektors aus sowie dafür, Banken für finanziell riskantes Verhalten stärker zur Verantwortung zu ziehen.

Dorothea Schäfer, ehemalige Forschungsdirektorin Finanzmärkte am DIW Berlin
© DIW Berlin/ F. Schuh

Mit der drohenden Pleite der IKB war 2007 klar: Die US-Bankenkrise schwappte jetzt auch nach Deutschland – und sollte noch viele weitere deutsche Banken treffen. „Die IKB-Pleite war wirklich ein Schock“, erinnert sich Schäfer heute. „In Deutschland kannte man das zu dem Zeitpunkt seit ewigen Zeiten nicht mehr, dass eine Bank pleitegeht. Ab da war klar, dass irgendwas nicht stimmte.“ 

Für die Forscherinnen des DIW war der Ablauf und die Härte der kommenden Krise ein regelrechter „Schlag in die Magengrube“, sagt Schäfer heute. Denn sie und ihre Kolleg*innen haben die Krise nicht kommen sehen. Noch im April 2008 hielt die DIW-Frühjahrsprognose die Aussichten für die deutsche Wirtschaft weiterhin für gut, bei gleichzeitiger Warnung, die US-Hypothekenkrise dämpfe das Wachstum (WB 14/2008).

Das Frankfurter Bankenviertel.
© Adobe/mojolo

Ursachen der Wirtschaftskrise 2007/2008

Wie konnte sich eine Krise auf dem US-Immobilienmarkt zu einer globalen Wirtschaftskrise entwickeln, deren Auswirkungen wir bis heute spüren? In den Jahren vor 2008 haben viele Banken in den USA Hauskredite an Menschen vergeben, die sich diese eigentlich nicht leisten konnten, sogenannte „subprime borrowers“ oder auf Deutsch „zweitklassige Schuldner“. Den Banken schienen die Risiken überschaubar, schließlich stiegen die Hauspreise. Wenn ein Schuldner den Kredit nicht zurückzahlen kann, könnte man das damit gekaufte Haus einfach wieder verkaufen. 

Von der Immobilienkrise zur Finanzkrise 2007/2008.
© Adobe/Andy Dean

Die Banken haben viele dieser Hypotheken gebündelt und als sogenannte Wertpapiere verkauft – auch an Banken in Deutschland und Europa. Irgendwann platzte die Blase: Die Hauspreise fielen, viele Menschen konnten ihre Kredite nicht mehr zahlen, und die Banken blieben auf wertlosen Wertpapieren sitzen und verloren plötzlich viel Geld. Das löste weltweite Panik auf den Finanzmärkten aus.

Die Bankenkrise schwappte nach Deutschland

Auch die IKB war an Subprime-Krediten aus den USA beteiligt. Die Bank hatte dafür außerhalb der Bilanz eine Zweckgesellschaft namens Rhineland Funding aufgebaut. Diese Zweckgesellschaft bezahlte die Käufe mit sehr kurzfristigen Krediten (sogenannten asset backed commercial paper, kurz: ABCP) – die ständig erneuert werden mussten. Als 2007 Zweifel an US-Hauskrediten aufkamen, wollte niemand mehr diese kurzfristigen Kredite vergeben. 

Die Rhineland Funding rief die Notkredit-Zusagen der IKB ab – dadurch brauchte auch die IKB auf einmal viel Geld. Ohne Hilfe wäre die IKB faktisch zahlungsunfähig geworden. Die Bundesregierung und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht koordinierten eine Rettung: Die KfW und Bankenverbände gaben Garantien und Kapital, damit die IKB ihre Lücken schließen konnte. Bei einer Reihe von Banken wie etwa der Hypo Real Estate oder der Commerzbank spielten sich in den darauffolgenden Monaten und Jahren ähnliche Szenarien ab. Die IKB wurde letztlich an einen Investor verkauft und das Geschäft stark verkleinert.

Bundesregierung greift ein und verhindert Bankenpleiten

„Viele hatten damals die Vorstellung, das wird – ähnlich wie die Asienkrise 1997, 1998 – in wenigen Monaten wieder vorbei sein“, erinnert sich DIW-Forscherin Schäfer. Im September 2008 kam mit der Pleite der Lehman Brother der große Knall.  „Angela Merkel und Peer Steinbrück versicherten damals der Öffentlichkeit, dass die Sparguthaben und Bankkonten sicher sein würden“, erinnert sich Schäfer. Mit solchen Zusagen wollte die Bundesregierung verhindern, dass Kontoinhaber*innen aus Panik ihr Geld abziehen, wie es in den USA zu dieser Zeit geschah.  „Ab da war eigentlich klar, dass es schon sehr gravierend werden würde.“

Die Pleite der Lehman Brother-Bank war der große Knall der Finanzkrise. Hier stehen Reporter*innen vor der Lehman-Zentrale in New York City.
© Wikimedia Commons/Robert Scoble

2009 verabschiedete die Bundesregierung ein Gesetz, das es ermöglichen sollte, sogenannte „Bad Banks“ zu kreieren. Diese sollte die problematischen Wertpapiere der Banken aufnehmen, um so deren Bilanzen zu „entgiften“, ohne Kleinsparer zu belasten. Parallel dazu sollte die Wirtschaft mit Investitionen in Infrastruktur, sowie Steuerentlastungen und Abwrackprämie angekurbelt werden. Um Jobs zu sichern, weitete die Bundesregierung die Kurzarbeit massiv aus. Und für Unternehmen wurden Kredite und Liquidität gesichert – über KfW-Sonderprogramme, Bürgschaften und den Wirtschaftsfonds Deutschland.

Mit der Griechenlandkrise 2015 erreichte die Finanzkrise ihren Höhepunkt. Dort sind die Folgen der Krise bis heute spürbar, wie DIW-Vorstandsmitglied Alexander Kritikos im Podcast erklärt. Laut einer Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen aus dem Jahr 2017 beliefen sich die Kosten für die Bankenrettungen auf 59 Milliarden Euro für Bund und Länder. Ungefähr ein Sechstel davon floss an die IKB. „Und diese 59 Milliarden, die sind auch wirklich ausgegeben. Die kann man nicht wieder aufholen durch Wertgewinne“, sagt Schäfer.

Die nächste Wirtschaftskrise am Horizont?

Nach 2008 implementierten sowohl die USA als auch die EU und Deutschland eine Reihe von Werkzeugen, um diese Art von Wirtschaftskrise zu verhindern oder zumindest abzumildern. Viele dieser Maßnahmen sind allerdings in den vergangenen Jahren bereits aufgeweicht worden, oder Akteure auf dem Finanzmarkt fanden Möglichkeiten, sie zu umgehen. 

Donald Trump hatte bereits in seiner ersten Amtszeit einige der Regelungen für die Regulierung des Bankensektors aufgeweicht. Dazu zählt etwa, dass die Banken nicht mehr so große Eigenkapitalquoten haben müssen, wie es nach der Krise beschlossen wurde. Laut Schäfer beeinflusst das auch heute den deutschen Bankensektor: „Die deutsche Bankenlobby möchte das jetzt auch für die heimischen Banken. Die stürmen hier auch auf die Politiker zu, weil sie einen Wettbewerbsnachteil befürchten.“

Auch der zunehmende Hype auf Kryptowährung könnte in Zukunft noch für Probleme im Bankensektor sorgen, sagt Schäfer: „Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Hype so viel Kapital anzieht, dass die Märkte irgendwann kippen und es zu Wertverlusten kommt. Banken, die dann in diese Kryptoassets investiert haben, kämen plötzlich in Schwierigkeiten. Dann hätte man schon wieder eine veritable Bankenkrise.“

Autor: Heinrich Jakunin

100 JAHRE DIW BERLIN IN FÜNF EPOCHEN

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