Was war neu an der ökologischen Steuerreform?
Bach: Der Umweltschutz war damals schon deutlich hochgefahren worden. Die Flüsse wurden wieder sauber, die Luftverschmutzung nahm deutlich ab. Teilweise wurden dafür auch schon preisliche Instrumente benutzt, vor allem Umweltabgaben, aber auch Emissionshandelssysteme gab es damals auch schon in den USA. Hinzu kam dann Anfang der 1990er, dass der globale Klimawandel als langfristig drängendes Problem erkannt wurde und die Naturwissenschaftler*innen Alarm schlugen. Die Umweltbewegung und deren Verbände griffen das auf, auch die Umweltökonomik begann sich dafür zu interessieren. Erste Konzepte für breit angelegte Umweltabgaben auf Energie und andere Stoffströme entstanden, um Schadstoffemissionen und Ressourcenverbrauch langfristig runterzubringen, letztlich auf globaler Ebene. „Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen“ hieß es damals. In Politik, Wirtschaft und Gesellschaft waren diese Herausforderungen und vor allem der menschengemachte Klimawandel zwar noch lange nicht angekommen. Aber die Verbindung von Umwelt- und Klimaschutz mit Finanz- und Sozialpolitik über die Verwendung des Steueraufkommens war für die damalige Politik enorm attraktiv: Steuern auf Umweltbelastungen rauf, Steuern auf Arbeit und Wertschöpfung runter – „tax bads, not goods“.
Wie wurde die Studie von Politik und Öffentlichkeit aufgenommen?
Bach: Sie fand enorme Beachtung. Die Studie hatte großen Einfluss auf die Debatten und wurde von vielen Politiker*innen intensiv aufgegriffen. Die Grünen waren natürlich dafür, auch die SPD war teilweise wohlwollend. Und selbst in den Regierungsparteien CDU und FDP fanden viele solche Konzepte gut. In der Union befürworteten sie Wolfgang Schäuble oder die damalige Umweltministerin Angela Merkel. Und in FDP gab es damals noch viele Linksliberale und eine lebendige umweltpolitische Tradition seit den 1970ern.
Warum kam die ökologische Steuerreform trotzdem nicht zustande?
Bach: Aus den Wirtschaftsverbänden und vor allem den energieintensiven Industrien kam massiver Widerstand. Auch deren Gewerkschaften waren nicht begeistert. Letztlich hat dann der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl die Diskussionen in der Union per Machtwort erledigt. Gerüchten zufolge soll er führenden Verbandslobbyisten und Chemiemanagern beim Saumagen in seiner Lieblingskneipe in der Pfalz versprochen haben, dass es mit ihm keine Energiesteuern und ökologische Steuerreform geben werde. Und in der FDP begann seinerzeit mit dem Antritt von Guido Westerwelle als Generalsekretär die Epoche des „Leichtliberalismus“. Das Motto: Steuern sind böse und der Staat ist schlecht.
Aber Ökosteuern gelten doch auch als ökonomische Instrumente der Umweltpolitik. Da sie nur die Preise setzen und dann die Einsparung dem Markt überlassen?
Bach: Genau. Der Emissionshandel ist sogar ökologisch härter, weil er die Obergrenze festlegt, koste es, was es wolle. Dadurch können die Preise durch die Decke gehen. Immerhin ist er in der bürgerlichen und neoliberalen Szene populär. Und der Emissionshandel wurde dann auch in den Nullerjahren auf europäischer Ebene eingeführt. Allerdings mit vielen Gratis-Verschmutzungsrechten, so dass er bis vor ein paar Jahren praktisch wirkungslos blieb. Grundsätzlich ist das auch heute noch so: Wenn die Preise kurzfristig deutlich steigen, kommen Unternehmen in Schwierigkeiten und das Volk murrt. Dann greift die Politik ein.