Das Ziel: evidenzbasierte Politikberatung
Die Politik steht immer wieder vor einer wachsenden Zahl von Herausforderungen, die permanent neue und gleichzeitig komplexere Gesetze, Vorschriften und Reformen erfordern. Entsprechend müssen politische Entscheidungsträger fortlaufend Entscheidungen von großer Tragweite treffen. Evidenzbasierte Politikberatung hat dabei das Ziel, unter Anwendung der neusten Methoden und Konzepte zu analysieren, welche dieser politischen Maßnahmen gut funktionieren und welche nicht. Um evidenzbasierte Politikberatung erfolgreich umzusetzen, sind bestimmte Rahmenbedingungen notwendig, die Ende der 1990er Jahre keineswegs selbstverständlich waren. Dazu zählen auf Seiten derer, die evidenzbasierte Politikberatung bereitstellen:
- Offene Zugänge zu den relevanten Daten.
- Unabhängige Forschungsinstitutionen, die diese Dateninfrastruktur den wissenschaftlich Beratenden uneingeschränkt zur Verfügung stellen.
- Unabhängige Forschende, die bereit sind, mit diesen Daten unter Einhaltung strenger Regeln guter wissenschaftlicher Praxis zu arbeiten und Forschung ergebnisoffen mit den neuesten metrischen Methoden durchzuführen, die evidenzbasierte Politikberatung erlauben.
- Hochkarätige Journale, die solche Forschung im Wettbewerb und nach sorgfältiger Begutachtung veröffentlichen, und damit evidenzbasierter Politikberatung das notwendige Siegel geben, dass die verwendeten Daten und Methoden und damit die Ergebnisse den besten Standards entsprechen.
- Netzwerke von Forschenden, um Aktivitäten in Richtung evidenzbasierter Politikberatung zu bündeln und zu etablieren.
Die wissenschaftlich Beratenden tragen somit aktiv zur Gewinnung wissenschaftlicher Evidenz bei, indem sie ihre Ergebnisse in geeigneten wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlichen. Nur wer den Forschungsstand gut kennt, kann international wettbewerbsfähige Ratschläge geben. Der Wissenschaftsrat und andere Organisationen wie der Verein für Socialpolitik haben regelmäßig betont, dass diese Einheit aus Forschung und Beratung notwendig ist.
Diese Form der Politikberatung kann von den Instituten jedoch nur dann erfolgreich betrieben werden, wenn auf Seiten der Entscheidungsträger die Bereitschaft besteht, zuzuhören und die Erkenntnisse zu berücksichtigen. Dafür braucht es politisch Handelnde, die evidenzbasierter Politikberatung ein Gewicht geben und die bereit sind, sich in den Dialog mit den wissenschaftlich Beratenden zu begeben. Allerdings muss die Politik dazu ihre Ziele klar und transparent offenlegen, sonst ist eine angemessene wissenschaftliche Analyse nicht möglich.
Das DIW Berlin hatte zum Teil gute Voraussetzungen, die Anforderungen des Wissenschaftsrates umzusetzen. Zwar war die tägliche Arbeit wie bei den anderen deutschen Forschungsinstitutionen stark durch Beratungsaufträge geprägt, aber das Institut verfügte über folgende Aktivposten: die Stärke im Datenzugang durch die Bereitstellung eigener Daten, unter anderem der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), der Zugang zu den zahlreichen Universitäten und Forschungseinrichtungen des Großraums Berlin und die räumliche Nähe zur Bundesregierung. Darüber hinaus gab es mit dem DIW-Wochenbericht ein etabliertes Format für den Wissenstransfer.