Mehr Chancengleichheit – das sind wir der jungen Generation schuldig

Blog Marcel Fratzscher vom 22. September 2025

Wer etwas werden will, hat in Deutschland auffällig schlechte Aussichten. Das ist ungerecht, bremst die Wirtschaft und gefährdet die Demokratie. Das muss sich ändern. 

Chancengleichheit bildet das Fundament der sozialen Marktwirtschaft und sichert die Freiheit unserer Gesellschaft. Und dennoch bleiben wir gerade in Deutschland weit hinter diesem Anspruch zurück. Wer heute jung ist, wächst in einem Land auf, das im internationalen Vergleich auffallend wenig Chancengleichheit bietet – über viele Dimensionen und gesellschaftliche Gruppen hinweg. 

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 19. September 2025 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Die empirische Forschung ist eindeutig: In kaum einem anderen Industrieland prägt die soziale Herkunft die Chancen auf Bildung, Gesundheit, berufliche Perspektiven und letztlich auch das Einkommen so stark wie in Deutschland. Was man erbt – an Vermögen, Bildung und Netzwerken – bestimmt in hohem Maße, was man erreicht. Wer aus einer bildungsnahen, wohlhabenden Familie stammt, hat erheblich bessere Startbedingungen. Kinder aus ärmeren Haushalten dagegen tragen die doppelte Last: geringere materielle Möglichkeiten, weniger Unterstützung und häufig schlechtere Schulen in ihrem Umfeld.

Der Einfluss des elterlichen Vermögens hat sich verdoppelt

Eine neue Studie des ifo-Instituts zeigt: Der Einfluss des elterlichen Einkommens auf Bildung und späteres Einkommen der Kinder hat sich seit Ende der 1970er-Jahre innerhalb einer Generation verdoppelt. Die Ungleichheit von Löhnen und Einkommen ist in dem Zeitraum deutlich gestiegen. Auch die Chancen auf Bildung sind ungleicher geworden. Die soziale Mobilität, also die Möglichkeit, sozial aufzusteigen, ist geringer geworden. Deutschland zählt in der westlichen Welt mit den USA zu den Schlusslichtern.

Das bremst auch die Wirtschaft

Die im internationalen Vergleich ungewöhnlich geringe soziale Mobilität ist nicht nur ein Gerechtigkeitsproblem, sie bremst auch die Wirtschaft massiv. Eine Gesellschaft, die es nicht schafft, Potenziale unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Wohnort zu heben, verzichtet auf Wachstum, Innovation und Wohlstand. Talente bleiben ungenutzt, weil zu viele junge Menschen keine Chance haben, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Das ist fatal für ein Land, das auf Wissen und Qualifikation angewiesen ist. Mehr als 50.000 junge Menschen verlassen die Schule ohne einen Abschluss. Das ist nur ein Beispiel für dieses gesellschaftliche Versagen. 

Es gibt zu wenig Aufstiegschancen

Chancengleichheit bedeutet nicht, dass alle das gleiche Ziel erreichen müssen. Sie bedeutet, dass alle dieselben Startbedingungen haben sollten – die gleiche Qualität an Bildung, die gleiche gesundheitliche Versorgung, die gleiche Möglichkeit, Fehler zu machen und trotzdem voranzukommen. Doch davon sind wir weit entfernt. Schon in der frühen Kindheit entscheidet der Geldbeutel der Eltern über Qualität und Zugang zu Bildung. Im Schulsystem verstärken sich Unterschiede, anstatt sich auszugleichen. Und auch auf dem Arbeitsmarkt bleiben Aufstiegschancen oft verwehrt. 

Es geht ums Vertrauen der Jugend in die Demokratie

Wer aber früh erfährt, dass Anstrengung nicht belohnt wird, verliert Vertrauen – nicht nur in das Bildungssystem, sondern auch in die Gesellschaft und ihre Institutionen. So entstehen Resignation und Frustration, die in Politikverdrossenheit oder in der Abkehr von der Demokratie münden können. Chancengleichheit ist deshalb nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der Stabilität unserer Demokratie.

Was wir brauchen, ist ein neuer Generationenvertrag, der Chancengleichheit fest verankert. Dieser Vertrag muss das Versprechen erneuern, dass sich Leistung lohnt – unabhängig davon, in welche Familie man hineingeboren wird. Er muss die soziale Marktwirtschaft mit Leben füllen, indem er nicht nur Freiheit, sondern auch Fairness garantiert. Denn Freiheit ohne faire Chancen bleibt ein leeres Versprechen.

Investitionen in Bildung sind dringend geboten

Wir müssen investieren – in frühkindliche Betreuung, in Schulen, in Weiterbildung, in Gesundheit. Wir müssen aber auch unsere sozialen Sicherungssysteme so ausgestalten, dass sie nicht nur Risiken abfedern, sondern echte Aufstiegschancen eröffnen. Junge Menschen sind kein Kostenfaktor, sondern das größte Potenzial dieser Gesellschaft.

Deutschland kann es sich schlicht nicht leisten, weiterhin auf große Teile seiner jungen Generation zu verzichten. Chancengleichheit ist kein Luxus, den man sich in guten Zeiten gönnt, sondern die Bedingung dafür, dass Wohlstand und Demokratie in Zukunft Bestand haben. Sie ist das zentrale Versprechen, das wir der jungen Generation geben müssen.

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