Für einen neuen Generationenvertrag

Blog Marcel Fratzscher vom 8. September 2025

Die junge Generation zahlt hohe Beiträge für Rente, Gesundheit und Klimaschutz – und belastet damit ihre Autonomie. Ein fairer Deal zwischen Jung und Alt geht anders. 

84 Prozent der Deutschen – darunter auch die große Mehrheit der Babyboomer – sind überzeugt, dass es künftigen Generationen schlechter gehen wird als uns heute. Dieses Ergebnis ist mehr als nur ein schlechter Stimmungswert. Es ist ein Alarmsignal, denn es bedeutet einen Bruch mit dem Generationenvertrag, der unsere Gesellschaft seit jeher getragen hat: dem Versprechen, dass es den eigenen Kindern und Enkelkindern einmal besser gehen soll als einem selbst. Genau dieses Versprechen steht heute auf der Kippe.

Die Zukunft Deutschlands, unseres Wohlstands, unseres sozialen Friedens und unserer Sicherheit hängt entscheidend davon ab, ob es uns gelingt, einen neuen, nachhaltigen Generationenvertrag zu schließen. Ohne ein tragfähiges Gleichgewicht zwischen Alt und Jung riskieren wir nicht nur einen ökonomischen Niedergang, sondern auch eine weitere gesellschaftliche Spaltung und politische Instabilität.

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 5. September 2025 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Die Generation der Babyboomer hat viel für unsere Demokratie, den materiellen Wohlstand und die politischen Freiheiten getan. Davon konnten Millionen Menschen sogar weltweit profitieren. Doch die Erfolge der Bundesrepublik sind bedroht. Die Zukunftsängste der jungen Generation heute richten sich vor allem auf die Zerstörung des Klimas, auf Naturkatastrophen, auf Kriegsgefahren und die Schwächung unserer Demokratie – alles globale Probleme. Hinzu kommen soziale Sorgen: die Angst vor Arbeitsplatzverlusten angesichts der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung und vor einem Kollaps der Sozialsysteme. Die Möglichkeiten junger Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, hängen sehr von ihrer sozialen Herkunft ab. Viele Kinder und Jugendliche sind von Armut bedroht. 

Sorgen und Lasten der jungen Generation

Zudem kommen auf die junge Generation steigende Belastungen durch Beiträge zur Rente, Pflege und Gesundheit zu – gerade in einem Land mit stark alternder Bevölkerung wie Deutschland. Während es jungen Menschen kaum noch gelingt, zu sparen oder Wohneigentum zu erwerben, pochen viele Babyboomer auf frühen Renteneintritt und die Wahrung ihrer Besitzstände. Soziale Ungleichheiten nehmen zu, die Mittelschicht schrumpft, viele Menschen rutschen ab. Während ein Teil der Bevölkerung ihren materiellen Wohlstand ausbauen konnte, sehen sich andere mit schlechteren Bedingungen konfrontiert als ihre Eltern.

Interessen der Jungen müssen mehr im Fokus stehen

Das Finanzproblem Deutschlands verschärft die Lage: Die expliziten Staatsschulden betragen zwar "nur" gut 60 Prozent des BIP, doch die impliziten Verpflichtungen – Ansprüche auf Rente, Pflege und Gesundheit – belaufen sich auf ein Vielfaches. Über die nächsten 30 Jahre wird dadurch eine gigantische Umverteilung von Jung zu Alt stattfinden, die Investitionen in die Zukunft wie in Bildung, Infrastruktur oder Klimaschutz blockiert.

Und die altersspezifischen Zahlen zur Wahlbeteiligung verdeutlichen das Demokratiedefizit: Bei der Bundestagswahl 2025 waren 60 Prozent der Wählenden über 50 Jahre alt, aber nur 13 Prozent unter 30. 1990 lag dieses Verhältnis noch bei 43 zu 23 Prozent. Damit wiegen die Interessen der Älteren zunehmend viel stärker als die der Jüngeren – das gefährdet die Legitimität der Demokratie.

Technologische Entwicklungen drohen, außer Kontrolle zu geraten

Zugleich wird der Klimaschutz verschleppt, geopolitische Konflikte nehmen zu und technologische Entwicklungen drohen, außer Kontrolle zu geraten. Die Folgen aus dieser Gemengelage sind dramatisch: Junge und künftige Generationen sehen ihre Chancen extrem schrumpfen. Der bestehende Generationenvertrag ist außer Kraft gesetzt.

Elemente eines neuen Generationenvertrags

Die fehlende Generationengerechtigkeit gehört zu dem größten Versagen der heutigen Gesellschaft. Doch es gibt Hoffnung – auf gemeinsame Werte und ein Umsteuern. Denn die Generationen sind sich über die Grundprinzipien eines guten Lebens bemerkenswert einig. Auch die Babyboomer wollen eine gute Zukunft für ihre Kinder und Enkel. 

Auf dieser Grundlage lässt sich ein neuer Generationenvertrag aushandeln, der aber nicht die eine gegen die andere Generation ausspielen darf. Er sollte auf drei gemeinsamen Werten basieren: Autonomie, Universalismus und Humanismus.

Erstens: Autonomie bedeutet das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Dazu braucht es echte Chancengleichheit bei Bildung, Arbeit, Vorsorge und Sicherheit. Heute hängt der Bildungserfolg in Deutschland jedoch stark von der Herkunft ab – ein unhaltbarer Zustand. Massive Investitionen in Bildung, Infrastruktur und soziale Teilhabe sind notwendig. Auch die Wünsche der jungen Generation nach Flexibilität, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie sinnstiftender Arbeit müssen berücksichtigt werden.

Zweitens: Universalismus fordert die Gewährleistung eines intakten Planeten. Noch immer dominiert das Narrativ, dass wir uns Klimaschutz nicht "leisten" können. Doch das Gegenteil ist richtig: Wer jetzt nicht handelt, riskiert Deindustrialisierung und Arbeitsplatzverluste. Gerade in Deutschland hängt der Wohlstand der nächsten 20 Jahre entscheidend davon ab, dass die ökologische und technologische Transformation gelingt.

Drittens: Humanismus zielt auf gesellschaftlichen Zusammenhalt und globale Verantwortung. Der Globale Norden darf nicht länger über seine Verhältnisse leben und den Süden als billige Werkbank betrachten. Nur durch fairen Wettbewerb, partnerschaftliche Zusammenarbeit und die Stärkung globaler Institutionen lassen sich Frieden und Ausgleich sichern.

Ein Appell für Mut und Zukunftsverantwortung

Basierend auf diesen drei Werten muss die Versöhnung zwischen den Generationen zu einer Priorität von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft werden.

Mit warmen Worten ist das nicht getan. Ohne grundlegendes Umsteuern läuft die Menschheit sehenden Auges in existenzielle Bedrohungen. Es braucht konkrete, verbindliche Vereinbarungen – also einen wirklich tragfähigen Generationenvertrag, der Rechte und Pflichten festschreibt. Er erfordert Verzicht und Bescheidenheit auf allen Seiten, aber auch Investitionen und Zukunftsmut. Vor allem aber bedeutet er, dass wir unsere Ressourcen, Chancen und Freiheiten so einsetzen, dass auch kommende Generationen ein Leben in Sicherheit, Wohlstand und Freiheit führen können.

Deutschlands beste Chance auf eine gute Zukunft liegt darin, mehr in junge und künftige Generationen zu investieren. Künftige Politikmaßnahmen müssen sich an den gemeinsamen Werten ausrichten – Autonomie, Universalismus und Humanismus. Nur so lassen sich Wohlstand, sozialer Friede und Sicherheit langfristig sichern.

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