Blog Marcel Fratzscher vom 29. Dezember 2025
Die Sicherheitsdebatte konzentriert sich zu sehr auf Symptome und Sichtbares. Wer Kriminalität und ihre Mechanismen versteht, muss tiefer blicken. Drastisch tiefer
Erinnern Sie sich noch an die Stadtbild-Debatte, die Deutschland in diesem Jahr lange beschäftigt hat? Sie ist zwar verhallt. Doch sie zeigte, wie nachhaltig Narrative wirken können, selbst wenn sie auf falschen Zuschreibungen beruhen. Komplexe soziale Fragen werden allzu schnell auf sichtbare Gruppen reduziert. Dabei geht es bei Sicherheit vor allem um die tieferliegenden Ursachen und nicht um oberflächliche Eindrücke.
Kriminalität hängt nicht von der Herkunft, sondern von sozialen Bedingungen ab. Wer Statistiken liest, statt Vorurteile zu pflegen, erkennt: Kriminalität wird nicht importiert, sie ist ein soziales Phänomen. Menschen, die in Armut und ohne soziale Einbindung leben, begehen häufiger Straftaten – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe. Entscheidend sind Bildung, Einkommen und gesellschaftliche Teilhabe, nicht der Pass.
Meine DIW-Kollegin Anna Bindler weist in ihrer Analyse zur sogenannten Stadtbild-Debatte darauf hin, dass einfache Zuschreibungen irreführen. In den Städten, in denen mehr Zugewanderte leben, ist die Kriminalitätsrate nicht automatisch höher. Vielmehr spielt die soziale Struktur eine Rolle. Kriminalität konzentriert sich dort, wo Perspektivlosigkeit herrscht, wo Integration nicht gelingt und wo der Staat zu selten präsent ist – mit Schulen, Sozialarbeit und bezahlbarem Wohnraum.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 26. Dezember 2025 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Es liegt also nicht an "männlichen Migranten im Stadtbild", sondern mangelnder sozialer Integration und ungleichen Chancen. Die Forschung zeigt klar: Mit erfolgreicher Bildung, stabilen Arbeitsverhältnissen und gesellschaftlicher Akzeptanz sinkt das Risiko von Kriminalität drastisch. Pauschale Schuldzuweisungen hingegen erschweren Integration und schüren Misstrauen – sie schwächen damit genau das, was sie zu schützen vorgeben: die innere Sicherheit.
Wer Sicherheit ernst meint, muss sich auch die Zahlen zur Gewalt gegen Frauen ansehen. Laut Bundeskriminalamt wird in Deutschland jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt. Die überwältigende Mehrheit dieser Taten geschieht nicht auf der Straße, sondern im häuslichen Umfeld – durch Partner, Ex-Partner oder Familienmitglieder.
Diese Realität verschwindet in der öffentlichen Debatte oft hinter dem Bild der "unsicheren Innenstadt". Doch die größte Bedrohung für die Sicherheit von Frauen sitzt häufig am Küchentisch, nicht auf der Parkbank. Im Jahr 2023 gab es in Deutschland 360 Femizide, die meisten Opfer durch ihre Partner oder Ex-Partner. Gewalt gegen Frauen kostet diese schlimmstenfalls das Leben, den Staat jedes Jahr geschätzt 54 Milliarden Euro – an Gesundheitskosten, Produktivitätsverlusten und gesellschaftlichen Folgeschäden.
Sicherheit bedeutet, Frauen und Kinder zu schützen, ihnen Zugang zu Beratung, Schutzräumen und rechtlicher Unterstützung zu geben. Sie bedeutet, Gewalt zu verhindern, bevor sie geschieht – durch Bildung, Prävention und eine Kultur, die Gewalt nicht verharmlost.
Das Beispiel Gewalt gegen Frauen zeigt, dass unsere Sicherheitswahrnehmung oft verzerrt ist. Die Angst vor Kriminalität ist real, aber sie sagt oft mehr über unsere Wahrnehmung aus als über die objektive Lage. Studien zeigen, dass Menschen ihre Umgebung als unsicherer empfinden, wenn sie sozial belastet ist oder wenn sich das sichtbare Gesicht ihrer Nachbarschaft verändert, etwa durch Migration. Diese psychologische Dynamik wird politisch leicht instrumentalisiert.
Die Gesamtkriminalität in Deutschland generell ist seit Jahren rückläufig, auch wenn bestimmte Deliktgruppen wie Jugendgewalt oder Taschendiebstahl regional ansteigen – das belegt die Sicherheitsstatistik. Sie zeigt auch, dass Zugewanderte überproportional oft als Tatverdächtige erscheinen – aber das liegt auch daran, dass sie jünger sind, häufiger kontrolliert werden und seltener über stabile soziale Netzwerke verfügen. Wenn man Alter, Geschlecht, Einkommen und Lebenslage berücksichtigt, verschwindet der vermeintliche "Migrationseffekt" weitgehend.
Politik darf Ängste nicht ignorieren, aber sie darf sie auch nicht verstärken. Wer Sicherheitspolitik auf das äußere Erscheinungsbild reduziert, führt die Debatte in eine Sackgasse. Eine kluge Politik muss Ursachen bekämpfen – nicht Symptome. Das bedeutet, in Bildung, Integration, Wohnungsbau und soziale Arbeit zu investieren, statt Ressentiments zu bedienen.
Sicherheitsgefühl entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch Vertrauen – in die Gerechtigkeit des Staates, in die Solidarität der Gesellschaft, in die eigene Zukunft. Menschen, die das Gefühl haben, dazuzugehören, sind weniger anfällig für Gewalt, Extremismus oder Kriminalität.
Es ist verständlich, dass viele Menschen Verunsicherung empfinden, wenn sich ihr Umfeld verändert. Aber Veränderung ist kein Bedrohungsszenario – sie ist die Realität einer globalisierten Welt. Migration prägt unsere Städte, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft – und das nicht zum Schlechteren, sondern oft zum Besseren.
Sicherheit ist kein Nullsummenspiel zwischen "uns" und "den anderen". Sie entsteht dort, wo Menschen Perspektiven haben, wo sie Vertrauen in Staat und Gesellschaft entwickeln können. Die pauschale Rede vom "problematischen Stadtbild" lenkt von dieser Aufgabe ab.
Deutschland braucht eine ehrliche, faktenbasierte Debatte über Sicherheit – eine, die anerkennt, dass Kriminalität vor allem eine soziale Frage ist. Wer die Ursachen von Unsicherheit verstehen will, muss die Mechanismen von Ausgrenzung, Armut und Perspektivlosigkeit in den Blick nehmen.
Wir müssen aufhören, Menschen zu Sündenböcken zu machen, die sichtbar, aber nicht ursächlich sind. Die eigentlichen Ursachen für Gewalt liegen tiefer – in Strukturen, die wir selbst geschaffen haben und verändern können.
Themen: Kriminalität