Mit vollem Herzen gegen die Demokratie

Blog Marcel Fratzscher vom 19. Januar 2026

Die Ideologen um Donald Trump wollen die Demokratie zerstören. Ihr Vorbild: der Philosoph René Girard. Doch sie verdrehen seine Lehre ins Gegenteil.

Wie konnte ein französischer Philosoph zum Stichwortgeber einer neuen amerikanischen Rechten werden? Wer verstehen will, warum Donald Trump, sein Vize JD Vance und ein Kreis von Tech-Milliardären um Peter Thiel die westliche Welt herausfordern, muss tiefer blicken als in parteipolitische Kategorien. Ihre gemeinsame Grundlage ist eine Weltsicht, die mit den Prinzipien liberaler Demokratie bricht – gespeist aus Philosophie, Anthropologie und Religion. Im Zentrum: das Denken von René Girard.

Diese Ideen sind nicht bloß akademische Fußnoten. Sie prägen konkrete politische Strategien. Wenn Trump in seinen Reden gegen die korrupten Eliten und das "Establishment" wettert, ist das mehr als populistische Polemik: Es ist die politische Übersetzung von Girards Theorie des Sündenbocks.

Doch wie so oft bei der amerikanischen Rechten wird Girard nicht verstanden, sondern instrumentalisiert – als intellektuelle Legitimation für Oligarchie, Autoritarismus und gesellschaftliche Spaltung. Peter Thiel, Mitgründer von PayPal und Palantir, sowie Vance sind die sichtbarsten Vertreter dieser Ideologie. Und sie sind nicht allein: Investoren wie Marc Andreessen, Elon Musk oder der Vordenker Curtis Yarvin verfolgen ähnliche Ziele.

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 16. Januar 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

René Girard sah den Menschen als ein mimetisches, also nachahmendes, Wesen: Wir begehren nicht aus innerem Antrieb, sondern wir begehren, was andere begehren. Diese Nachahmung erzeugt Rivalität, diese Rivalität führt zu Konflikten, und Konflikte münden schließlich in Gewalt. Frieden entsteht für Girard nur episodisch, wenn ein Sündenbock gefunden und geopfert wird. Doch selbst dieser Frieden ist trügerisch, denn mit dem nächsten Nachahmungszyklus beginnt dieselbe Spirale von Neuem. 

Girards Anthropologie ist radikal pessimistisch, aber sie besitzt einen entscheidenden Ausweg: den Bruch mit dem Sündenbockmechanismus durch das Christentum. In der Figur Jesu sieht Girard den ersten unschuldigen Geopferten der Menschheitsgeschichte, dessen Gewaltlosigkeit die Logik der Gewalt entlarvt. Die Erkenntnis der Unschuld des Opfers ist für Girard die "spirituelle Metamorphose", die dem Menschen die Möglichkeit gibt, aus den endlosen Zyklen der Vergeltung auszubrechen. Gewaltlosigkeit kann Gewalt überwinden.

Dieser Gedanke ist für moderne politische Ordnungen wichtig, weil er die Grundlage legt für Rechtsstaat, Menschenrechte und Demokratie: Konflikte sind nicht Naturgesetz, sondern durch Institutionen zivilisierbar. Peter Thiel, der selbst Student von Girard an der Stanford University war, übernimmt diese düstere Anthropologie, ohne seinen zivilisatorischen Fortschritt anzuerkennen. Er und andere konstruieren ein Weltbild, in dem Gewalt, Konkurrenz und Feindschaft unvermeidlich sind – und in dem deshalb die Institutionen der liberalen Demokratie als schwach erscheinen.

Monopol als Rettung

Thiel radikalisiert diese Sicht, indem er Wettbewerb grundsätzlich als destruktive Kraft deutet. Er sieht im ökonomischen Wettbewerb keine produktive Dynamik, sondern eine mimetische Falle: Alle tun dasselbe, ahmen einander nach, zerstören dadurch Werte, und am Ende bleiben nur Verlierer. Sein berühmter Satz "Competition is for losers" – Wettbewerb ist etwas für Verlierer – bringt diese Weltsicht auf den Punkt. Für Thiel besteht Fortschritt nicht in fairen Märkten und regulierter Konkurrenz, sondern in der Schaffung von Monopolen, die sich dauerhaft dem Wettbewerb entziehen. Monopol sei nicht Missbrauch von Markt, sondern dessen Überwindung; nicht Gefahr für Freiheit, sondern Garant für Innovation.

Damit missversteht Thiel einen zentralen Pfeiler unseres Wirtschaftsmodells. Marktwirtschaft funktioniert und schafft Wohlstand und Fortschritt, weil Wettbewerb produktiv kanalisiert wird: durch Regeln, durch Institutionen, durch das staatliche Gewaltmonopol, das faire Chancen und Innovation garantiert und die Schwächeren schützt, so die Erkenntnisse beispielsweise der Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2024 Daron Acemoğlu, Simon Johnson und James A. Robinson.

Auch Solidarität und Wettbewerb sind keine Widersprüche, sondern bedingen einander. Eine Gesellschaft, die Menschen nicht absichert, erstickt ihre Potenziale. Eine Wirtschaft, die Monopole zulässt, erstickt Innovation. Ein Staat, der sich selbst aufgibt, macht den Weg frei für Willkür.

Dieser liberale Rahmen und die daraus resultierende Marktwirtschaft samt Kapitalismus – sofern er funktioniert und nicht, etwa von Tech-Milliardären, missbraucht wird – sind keine Einschränkung, sondern die Voraussetzung für Wohlstand. Doch Thiel betrachtet genau diesen Rahmen als Teil des Problems. Er argumentiert, die Institutionen liberaler Demokratie seien zu schwach, um die unvermeidlichen Konflikte mimetischer Rivalität zu zähmen. Und weil der Nationalstaat durch Globalisierung und technologische Monopole an Souveränität verloren hat, zieht er den fatalen Schluss, dass die Demokratie und der Staat selbst zum Problem geworden seien. So sagt er offen: "Ich glaube nicht länger, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind."

Mehr noch, er fürchtet sich vor der Entstehung eines autoritären Weltstaats. Peter Thiel sieht darin das Teuflische, den "Antichrist", der die Zerstörung von Freiheit und Fortschritt herbeiführt. Und hat es sich zu seiner persönlichen Mission gemacht, diesen Antichristen – vor allem in Form politischer "woker" und progressiver Kräfte – zu identifizieren und zu stoppen.

Die libertäre Zerstörung der Ordnung

Statt demokratischer Institutionen sollen technokratische Eliten entscheiden. Statt Regulierung sollen private Monopole herrschen. Statt sozialer Sicherheit soll individuelle Härte gelten. Das Ergebnis ist eine ideologische Umkehrung: Der Staat wird zum Feind, die Oligarchie zum Retter erklärt.

Trump, Vance und Thiel verbindet der Glaube, dass die Institutionen liberaler Ordnung – Gerichte, Medien, internationale Organisationen, unabhängige Behörden – keine Schutzschilde, sondern Hindernisse seien. Gerade die Logik der checks and balances, die Donald Trump so erbittert bekämpft, wird in dieser Sichtweise als Ausdruck von Schwäche gedeutet. Demokratie erscheint nicht als System zur Konfliktlösung, sondern als ineffiziente Arena unproduktiver Auseinandersetzungen. Der Staat soll geschwächt, nicht gestärkt werden. Nationale und globale Institutionen sollen verschwinden, nicht reformiert werden. Das Gewaltmonopol soll fragmentiert werden, nicht geordnet.

Doch eine solche Politik ist kein Weg zur Freiheit, sondern der direkte Pfad in die Autokratie. Wenn der Staat geschwächt wird, übernehmen nicht die Bürgerinnen und Bürger die Kontrolle, sondern jene, die bereits über Macht verfügen. Wer staatliche Regulierung zerstört, schafft nicht mehr Freiheit, sondern mehr Ohnmacht – für die Mehrheit, und mehr Einfluss für wenige. Das libertäre Anti-Staatsdenken führt nicht zu einer offenen Gesellschaft, sondern zu einer Oligarchie.

Der Sündenbockmechanismus

Dass Thiel und seine politischen Verbündeten Girards Sündenbocktheorie für sich nutzen, ist ironisch und zugleich gefährlich. Denn Girard beschreibt, wie Gemeinschaften ihre Konflikte dadurch lösen, dass sie Schwache oder Außenseiter zum Opfer machen. Trump nutzt diesen Mechanismus, indem er Migranten, Medien, die Wissenschaft oder politische Gegner zu Feinden erklärt. Doch Thiel treibt diese Logik auf die Spitze, indem er die Rolle des Opfers für sich selbst reklamiert. Tech-Milliardäre, die in globaler Wirtschaft und Politik enorme Macht besitzen, stilisieren sich als Entrechtete. Sie behaupten, von Regulierung bedroht zu werden, von Medien diffamiert zu sein, von demokratischen Institutionen verfolgt zu werden.

Doch hier zeigt sich der moralische Kern des Widerspruchs von Thiel und anderer Tech-Milliardäre: Ein Monopolist ist kein Opfer. Ein Politiker, der über die Macht der Präsidentschaft verfügt, ist kein Sündenbock. Ein Milliardär, der globale Märkte dominiert, ist kein entrechteter Außenseiter. Dass die öffentliche Kritik sich auf sie konzentriert, ist kein Hinweis auf ungerechte Verfolgung, sondern ein Hinweis auf ihre tatsächliche Macht. Wer als Geisterfahrer auf der Autobahn unterwegs ist, sollte nicht aus der Tatsache, dass alle anderen ihm entgegenkommen, schließen, dass die Welt gegen ihn verschworen ist.

Der US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass der resultierende Populismus nicht aus ökonomischer Not allein entsteht, sondern aus verletztem Status, aus dem Gefühl sozialer Missachtung. Trump, Vance und Thiel adressieren genau dieses Gefühl, aber sie tun es, indem sie die Institutionen angreifen, die Statuskonflikte eigentlich befrieden sollen. Fukuyamas Einsicht ist entscheidend: Demokratie ist nicht schwach, sie ist das am besten entwickelte System zur Deeskalation menschlicher Konflikte. Sie ersetzt Gewalt durch Verfahren, Rivalität durch Regeln, Identitätspolitik durch Inklusion.

Diese Ideologie destabilisiert die Welt

Thiel jedoch deutet diese Stärke als Schwäche und schlägt stattdessen eine regelbasierte technokratische Autokratie vor – eine Art moderne Arche Noah, die sich durch Innovation und Abkapselung vom Rest der Gesellschaft retten soll. Eine kleine Elite soll die Zukunft definieren und die Menschheit "vor der Apokalypse" bewahren. Diese Vision ist nicht nur elitär, sondern zutiefst antidemokratisch. Sie ersetzt die offene Gesellschaft durch eine neofeudale Ordnung, in der Eigentum, Technologie und politische Macht in der Hand weniger Individuen liegen.

Die Ideologie von Trump, Vance und Thiel führt die Welt in eine gefährliche Falle, weil sie alles zerstört, was sozialen Zusammenhalt, politische Stabilität und wirtschaftlichen Fortschritt erst möglich macht. Sie untergräbt Vertrauen, schwächt Institutionen, spaltet Gesellschaften und verschärft Konflikte. Sie ermutigt nationale Egoismen und globale Rivalitäten. Sie zerstört die Fähigkeit von Staaten, globale Probleme wie Klimawandel, Ungleichheit oder geopolitische Konflikte zu lösen – was sie nur in enger Kooperation und in einer globalen Gemeinschaft erreichen können.

Eine neue Form des Mittelalters

Wer den Menschen als mimetisches Wesen ernst nimmt, muss anerkennen, dass Konflikte immer entstehen, dass aber die Art unseres Umgangs mit ihnen entscheidend ist. Die US-amerikanische Rechte und Tech-Milliardäre um Thiel und Vance wollen Konflikte verschärfen. Die Demokratie wollen sie untergraben. Die offene Gesellschaft wollen sie überwinden. Deshalb führt der Weg der libertären Oligarchie nicht in die Zukunft, sondern in eine neue Form des Mittelalters – technologisch hochgerüstet, politisch entkernt, sozial gespalten.

Wenn wir die zentralen Probleme unserer Zeit lösen und dafür die Demokratie und die offene Gesellschaft verteidigen wollen, dann müssen wir deren Grundlage stärken: Regeln, Solidarität, globale Kooperation, institutionelle Stabilität und fairen Wettbewerb. Nur so lässt sich der mimetische Wettbewerb der Mächtigen bändigen und in produktive und demokratische Bahnen lenken. Wo sind die Kräfte und Stimmen, die sich für eine solche Welt einsetzen und sie verteidigen?

Themen: Ungleichheit

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