Blog Marcel Fratzscher vom 19. Januar 2026
Dieser Gastbeitrag von Marcel Fratzscher erschien am 19. Januar 2026 in Capital.
Die Unabhängigkeit von Zentralbanken zählt zu den zentralen institutionellen Errungenschaften der Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte. Sie schützt die Geldpolitik vor politischer Einflussnahme und sorgt für stabile Preise, für Finanzstabilität und damit für wirtschaftlichen Wohlstand. Genau diese Unabhängigkeit gerät zunehmend in Gefahr – vor allem durch politische Eingriffe in den USA, die erhebliche Folgen für Europa und die Europäische Zentralbank haben.
US-Präsident Donald Trump ist eine der größten Bedrohungen für die Unabhängigkeit der US-Notenbank seit den 1970ern. Er will sie zwingen, die Zinsen deutlich zu senken und dürfte in den kommenden Wochen einen neuen US-Notenbankchef ernennen, der diesem Wunsch nachkommt. Das US-Justizministerium hat ein Verfahren gegen den US-Notenbankchef Jerome Powell eingeleitet, was von vielen als ein Vorwand und illegitimes Druckmittel wahrgenommen wird.
Die größte Gefahr einer politisierten US-Notenbank besteht nicht primär in einzelnen Zinsschritten, sondern im Verlust von Glaubwürdigkeit. Wenn Märkte den Eindruck gewinnen, dass geldpolitische Entscheidungen nicht mehr an Inflationsrisiken, sondern an Wahlzyklen oder parteipolitischen Interessen ausgerichtet werden, geraten die Inflationserwartungen ins Wanken. Die Folge wären höhere Preisaufschläge, steigende langfristige Zinsen und wachsende Unsicherheit – Gift für Investitionen und Wachstum. Besonders hart träfe dies Haushalte mit niedrigen Einkommen, die Inflation weder durch Vermögenswerte noch durch Einkommenszuwächse abfedern können.
Hinzu kommt die Gefahr wachsender Finanzinstabilität. Eine zu lockere Geldpolitik in einem Umfeld hoher Verschuldung und steigender geopolitischer Risiken erhöht die Wahrscheinlichkeit von Vermögenspreisblasen, plötzlichen Korrekturen und systemischen Krisen. Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt: Finanzkrisen entstehen nicht durch einzelne Fehler, sondern durch die schleichende Kombination aus billiger Liquidität, politischem Druck und schlechter Regulierung.
Ein weiterer Effekt ist der teilweise Verlust der Dominanz des US-Dollars als globale Leitwährung. Euro oder Renminbi werden davon kaum profitieren – ihnen fehlen die institutionellen Voraussetzungen. Stattdessen könnte ein Teil der Nachfrage in private, digitale Währungen ausweichen. Das würde staatliche Kontrolle über Finanzströme schwächen, Regulierung erschweren und demokratische Steuerungsfähigkeit untergraben. Es wäre ein Machtgewinn privater Akteure auf Kosten öffentlicher Institutionen.
Für Europa ist diese Entwicklung besonders heikel. Die EZB ist zwar formal unabhängig, aber ökonomisch nicht isoliert. Senken die USA politisch motiviert die Zinsen, steigt der Euro, europäische Exporte werden teurer und das ohnehin schwache Wachstum gerät weiter ins Stocken. Gleichzeitig entstünde politischer und marktwirtschaftlicher Druck auf die EZB, diesem Kurs zu folgen – selbst wenn die Inflationsrisiken in Europa einen anderen geldpolitischen Kurs nahelegen.
Damit steckt die EZB in einem klassischen Dilemma: Hält sie an einer restriktiveren Linie fest, riskiert sie Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Lockert sie zu früh, drohen neue Inflationsschübe. Beides ist gefährlich. Die Herausforderung für 2026 wird deshalb darin bestehen, die geldpolitische Kohärenz in einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft zu bewahren.
Diese Fragmentierung zeigt sich auch beim Produktivitätswachstum. Während die USA derzeit von einem technologiegetriebenen Schub – insbesondere durch Künstliche Intelligenz – profitieren, bleibt dieser Effekt in Europa bislang begrenzt. Anders als in den 1990er Jahren, als der Produktivitätsschub breiter wirkte, ist die Dynamik heute ungleich verteilt. Das verstärkt wirtschaftliche Divergenzen und erschwert eine abgestimmte Geldpolitik.
Langfristig verschärft sich zudem die Gefahr einer globalen Schuldenkrise. Steigende Staatsverschuldung, höhere Risikoprämien und wachsende geopolitische Unsicherheit könnten in den kommenden Jahren eine neue Phase finanzieller Instabilität einleiten – nicht als plötzlicher Crash, sondern als schleichende Erosion der Finanzierungsfähigkeit vieler Staaten.
Die Lehre daraus ist klar: Zentralbanken können diese Herausforderungen nicht allein bewältigen. Sie brauchen verantwortungsvolles politisches Handeln – nicht in Form von Einflussnahme, sondern in Form von glaubwürdiger Fiskalpolitik, stabiler Institutionen und eines klaren Bekenntnisses zur Unabhängigkeit der Geldpolitik. Wer diese Unabhängigkeit schwächt, untergräbt nicht nur die Stabilität der Märkte, sondern auch das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger. Das ist eine der wichtigen Lehren nicht nur für die USA, sondern auch für Europa. Denn auch die EZB ist immer wieder politischen Attacken ausgesetzt. Es gibt nicht wenige, die die EZB gerne für ihre Zwecke instrumentalisieren möchten.
2026 wird deshalb kein gewöhnliches Jahr für die Geldpolitik. Es wird ein Jahr, in dem sich entscheidet, ob Geldpolitik weiterhin als stabilisierende Kraft wirkt – oder ob sie selbst zum Teil des Problems wird. Für Europa bedeutet das: Die EZB muss standhaft bleiben, auch wenn der Druck von außen wächst. Nicht aus Starrsinn, sondern um genau das zu bewahren, was in einer unsicheren Welt am wertvollsten ist: Vertrauen, Stabilität und Verlässlichkeit.
Themen: Europa , Geldpolitik