Klimaschutz rettet die Freiheit künftiger Generationen

Blog Marcel Fratzscher vom 21. Oktober 2019

Klimaschutz, das schränkt uns nur ein, da wird unsere individuelle Freiheit beschnitten, sagen Gegner. Dabei ist es der Klimawandel, der Wohlstand und Freiheit reduziert.

Der ehemalige Unionsfraktionschef Friedrich Merz spitzte vor Kurzem die Bedenken der Klimaschutzgegnerinnen und -gegner in der Formulierung zu: "Es geht gegen unsere freiheitliche Lebensweise, um die Zerstörung der marktwirtschaftlichen Ordnung." Beschäftigen wir uns also einmal nicht mit der Ausgestaltung des Klimaschutzes und all seiner technischen und verwirrenden Details, sondern widmen uns der Frage, wessen Freiheit Vorrang haben soll.

Kolumne

Dieser Beitrag ist am 18. Oktober in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Viele Gegnerinnen und Gegner der Fridays-for-Future-Bewegung fühlen sich von deren Forderungen gegängelt und in ihrer individuellen Freiheit beschnitten. Denn diese – und auch das Klimapaket der Bundesregierung – verlangen eine grundlegende Veränderung im Verhalten von Konsumenten und Unternehmen. In der Konsequenz droht eine Einschränkung der Mobilität, weil Fliegen und Autofahren sehr viel teurer würde, aber auch Fahrverbote verhängt werden können. Aber ist eine solche Politik tatsächlich eine Beschneidung unserer individuellen Freiheiten und schadet damit unserer liberalen Demokratie? Oder schafft sie nicht vielmehr Freiheit dort, wo uns die Zerstörung von Umwelt, Klima und Biodiversität zunehmend beschränkt?

Bei der Diskussion um den Klimaschutz kommt ein Aspekt häufig viel zu kurz: Effektiver Klimaschutz verursacht im Ganzen und auf lange Sicht keine zusätzlichen Kosten, sondern reduziert sie, und schützt das, was die große Mehrheit der Menschen als ein lebenswertes Leben bezeichnet. Unsere Industriegesellschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten massiv die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Kosten in die Höhe getrieben: Der Feinstaub des Verbrennungsmotors verursacht viele Erkrankungen und vorzeitige Tode durch Atemwegserkrankungen. Hunderte Arten von Pflanzen und Tieren werden jedes Jahr unwiderruflich durch den vom Menschen verursachten Klimawandel ausgelöscht. Naturkatastrophen kosten viele Menschenleben und verursachen einen hohen wirtschaftlichen Schaden. Selbst die Stabilität des Finanzsystems steht zunehmend auf der Kippe, da viele Unternehmen sich auf diesen rapiden Wandel nicht vorbereiten können.

Kurzum, der von Menschen verursachte Klimawandel reduziert Wohlstand, Glück, Lebenszufriedenheit, Gesundheit, also grundlegende Dinge, die für die überwältigende Mehrheit der Menschen wichtiger ist als das eigene Auto.

Die Macht des Faktischen lässt keine andere Wahl

"Freie Fahrt für freie Bürger", lautet das schmissige Argument der Gegnerinnen und Gegner einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen. Dies wird jedoch in Zukunft für immer weniger Bürgerinnen und Bürger gelten. Denn die Freiheit des Individuums muss zwar in einer Demokratie mit das höchste Gut sein. Diese Freiheit hört jedoch dort auf, wo sie die Freiheit anderer Menschen beschneidet. Der britische Philosoph Isaiah Berlin beschrieb diesen Konflikt, indem er zwischen den zwei Konzepten der positiven Freiheit und der negativen Freiheit unterschied. Hat mein Verhalten also einen Einfluss auf Umwelt und Klima und beschneidet damit die Gesundheit, Jobs oder wirtschaftliche Zukunft anderer, dann müssen Politik und Gesellschaft diesen Konflikt individueller Freiheiten auflösen.

Nun stellen viele Kritikerinnen und Kritiker des Klimaschutzes zu Recht die Frage, warum so grundlegende Änderungen erforderlich sein sollen. Wieso sollen wir Menschen unser Verhalten der vergangenen Jahrzehnte nun abrupt ändern? Wenn unser Konsumverhalten und letztlich unsere Freiheit, sei es beim Autofahren oder beim Energieverbrauch, jahrzehntelang toleriert und akzeptiert waren, weshalb soll dies nun auf einmal falsch sein?

Die Antwort liegt vor allem in der wissenschaftlichen Erkenntnis: Es besteht seit einigen Jahren kein seriöser Zweifel mehr an der Tatsache, dass der Mensch für den größten Teil des Klimawandels verantwortlich ist. Unstrittig ist auch, dass der Klimawandel schon heute hohe Kosten verursacht und diese Kosten in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit katastrophale Ausmaße annehmen werden.
Kluge Maßnahmen zum Klimaschutz vermeiden somit wirtschaftliche, soziale und politische Kosten. Sie schützen oder schaffen gar mehr Freiheit für die Bürgerinnen und Bürger, indem sie das Verhalten anderer in Bezug auf Natur und Umwelt beschränken und regulieren.

"Wenn die Fakten sich verändern, dann ändere ich meine Meinung. Was tun Sie, Sir?", fragte der britische Ökonom John Maynard Keynes vor fast 100 Jahren. Genau das trifft heute auf die wissenschaftliche Evidenz zu Klima und Umwelt zu. Diese Tatsachen kann die Politik nicht länger ignorieren. In dieser Realität liegt die Macht der Fridays-for-Future-Bewegung: Anders als andere Bewegungen geht es ihr nicht um Widerstand, Protest und Blockade. Sondern sie beruft sich auf die Wissenschaft und hat konkrete und meist auch konstruktive Forderungen, die man nicht als egoistisch und polarisierend abtun kann. Denn der Schutz von Klima und Umwelt betrifft alle und insbesondere künftige, heute noch nicht geborene Generationen. Die Macht des Faktischen macht diese Bewegung so überzeugend. Und es geht ihr um den Schutz der Freiheit auch künftiger Generationen.