Warum sind nur in Deutschland die Benzinpreise so explodiert?

Medienbeitrag vom 11. März 2026

Die Spritpreise sind hierzulande doppelt so stark gestiegen wie im EU-Schnitt. Woran das liegt, ob illegale Deals eine Rolle spielen, warum ein Tankrabatt wenig bringt. Bei den steigenden Preisen an den Tankstellen müssten Wettbewerbshüter jetzt genau hinschauen, meint Tomaso Duso. Der Chef der Monopolkommission erklärt, wie die Politik den Markt besser regulieren könnte.

Der Krieg zwischen Israel und dem Iran lässt die Rohstoffpreise steigen, und prompt wird in Deutschlandder Sprit an den Tankstellen teurer. Das regt viele auf, ist aber nicht zwangsläufig ein Fall von Marktversagen. Entscheidend ist: Wie stark wird der Preisschock an die Verbraucher weitergegeben? Die Einschränkung der Schifffahrt durch die Straße von Hormus hat den Rohölpreis inzwischen auf über 90 Dollar pro Barrel getrieben. Wie die deutschen   Spritpreise darauf reagiert haben, lässt sich erst am kommenden Donnerstag ablesen – dann veröffentlicht die Europäische Kommission ihre wöchentlichen Daten zu Benzin, Diesel und Heizöl in den einzelnen EU-Staaten. Doch   schon die Wochen zuvor gaben Anlass zur Frage, ob die Preisweitergabe in Deutschland fair verläuft. In der letzten erfassten Woche vom 23. Februar bis 2. März 2026 schwankte der Preis für Rohöl der Sorte Brent an den   Weltmärkten zwischen 70 und 78 Dollar pro Barrel (etwa 159 Liter). Das ist ein moderates Plus, aber noch kein außergewöhnlicher Schock. 

Dieser Gastbeitrag von Tomaso Duso erschien am 11. März 2026 in der ZEIT. 

An den deutschen Tankstellen hat sich Benzin in diesem Zeitraum allerdings um 3,5 Prozent und Diesel um 4,6 Prozent verteuert. Auffallend dabei ist: Die Preise sind damit hierzulande doppelt so stark gestiegen wie im EU-Schnitt von 1,5 und 1,8 Prozent. Unter den 27 EU-Staaten sind die Preise demnach nur in Finnland noch stärker gestiegen. In allen anderen großen Volkswirtschaften – Frankreich, Belgien,die Niederlande – hat sich Sprit weniger stark verteuert als in Deutschland. Dabei zählt die Bundesrepublik ohnehin zu den teuersten Kraftstoffmärkten in der EU. In der Regel liegen die Benzinpreise hier rund 20 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Der hohe Rohölpreis allein erklärt also nicht, warum deutsche Autofahrer derzeit so viel mehr zahlen müssen.

Bereits bei Raffininerien und Großhandel beginnt die Steigerung

Ein naheliegender Einwand lautet: Deutschland hat höhere Steuern. Das stimmt. Rund 64 Prozent des Endverbraucherpreises bei Benzin bzw. 56 Prozent bei Diesel entfallen auf Steuern und Abgaben, darunter Energiesteuer,  Mehrwertsteuer und die CO2-Abgabe. Allein die Energiesteuer beträgt 65,4 Cent je Liter Benzin und 47,0 Cent je Liter Diesel. Diese Abgaben erklären das allgemein hohe Preisniveau für Sprit in Deutschland. Sie erklären aber nicht, warum die Preise in Deutschland schneller steigen als anderswo. Im Gegenteil: Die hohen, weitgehend fixen Abgaben pro Liter müssten Preisschocks eher dämpfen als verstärken. Wenn der Spritpreis an der Tankstelle dennoch überdurchschnittlich steigt, spricht das für eine besondere Entwicklung auf dem vorgelagerten Markt, also bereits bei den Raffinerien und im Großhandel. Spätestens seit der abgeschlossenen Sektoruntersuchung des Bundeskartellamts wissen wir, dass es dort am ehesten zu Wettbewerbsproblemen kommen kann. Die Margen der Tankstellen bleiben trotz steigender Preise hingegen bemerkenswert stabil.

Preise steigen schnell, fallen aber nur leicht

Geprägt wird der Markt von fünf großen Konzernen, nämlich BP/Aral, Shell, TotalEnergies, Exxon-Mobil/Esso und Rosneft. Sie sind gleichzeitig Raffinierer, Großhändler und Tankstellenbetreiber. Entsprechend groß ist ihr Einfluss. Hinzu kommt, dass der Markt für Sprit sehr intransparent ist. Da mischen private Preisagenturen mit und die Konzerne beliefern sich zum Teil auch noch gegenseitig mit Kraftstoffen. Letzteres senkt zwar Transportkosten, schafft aber gegenseitige Abhängigkeiten. Außerdem kommen die Konzerne dadurch leicht an wettbewerblich sensible Informationen ihrer Konkurrenten. Und es macht neuen, unabhängigen Anbietern schwer, in den Markt hereinzukommen.

Aus wettbewerbspolitischer Sicht stellen sich daher zwei Fragen: Steigen die Kraftstoffpreise stärker als die Rohstoffpreise, insbesondere bei den Raffinerien und im Großhandel? Und wie verhalten sich die Preise, wenn die Kosten wieder sinken? Denn wir kennen das Phänomen: Die Preise steigen schnell, fallen später aber nur leicht. 

Dieses Muster könnte auf eine illegale Absprache hindeuten, muss es aber nicht. Es ist im Zweifel einfach das klassische Problem eines Oligopols. Die Unternehmen müssen sich nicht explizit absprechen, um sich wie ein Kartell zu verhalten. Genau deshalb reichen kartellrechtliche Missbrauchsverfahren im Zweifel auch nicht aus. Sie setzen einen nachweisbaren Verstoß voraus, während das eigentliche Problem struktureller Natur ist. 

Kartellrecht funktioniert nicht auf Knopfdruck

Vor diesem Hintergrund kommt es entscheidend darauf an, auch die Marktstrukturen und Preisbildungsprozesse eng zu überwachen. Zum einen beobachtet das Bundeskartellamt die Rohmargen über seine Markttransparenzstelle kontinuierlich. Darüber hinaus hat das Amt ein Verfahren eröffnet, um mögliche ”erhebliche und dauerhafte Wettbewerbsstörungen” im Kraftstoffgroßhandel zu prüfen. Das sind die richtigen Instrumente, und das Amt nutzt sie. Wo das Verfahren aktuell steht, ist öffentlich nicht vollständig dokumentiert.

Das zeigt auch schon das Grundproblem: Kartellrecht ist nicht schnell und funktioniert nicht auf Knopfdruck, wie Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, zu Recht vor wenigen Tagen angemerkt hat. Wenn überhaupt, kann ein solches Verfahren dazu beitragen, uns für die nächste Krise besser aufzustellen. Den Bürger*innen das Gegenteil zu versprechen, wäre unehrlich. 

Weder Tankrabatt oder Übergewinnsteuer sind eine Lösung

Was also tun? Die Politik diskutiert über einen Tankrabatt. Doch das wäre keine Lösung. Das zeigt die Erfahrung aus dem Jahr 2022. Der Rabatt kostete den Staat 3,4 Milliarden Euro, und ein Teil davon kam je nach Schätzung nicht bei den Verbraucher*innen an, sondern versickerte in den Margen der Mineralölindustrie. Hinzu kommt ein grundsätzliches Argument: Preisspitzen setzen auch Anreize, auf ein E-Auto umzusteigen oder öfter die öffentlichen Verkehrsmittel zu nehmen. Ein Tankrabatt würde daher die nötige Transformation ausbremsen. Zumal von solch einem Instrument vor allem diejenigen profitieren, die viel fahren und große Autos haben – also tendenziell einkommensstärkere Haushalte.

Wenn eine Entlastung politisch notwendig ist, sollte sie gezielt erfolgen: Direkte Transfers an einkommensschwache Haushalte sind sowohl gerechter als auch fiskalisch effizienter. Alternativ wird gerne eine Übergewinnsteuer gefordert. Der Staat sollte also die übermäßigen Gewinne der Mineralölkonzerne abschöpfen. Doch in der Praxis ist es gar nicht so einfach zu definieren, was noch normale Gewinne sind und was nicht. Die Feststellung eines Missbrauchs ist Aufgabe kartellrechtlicher Verfahren – und nur wenn ein solcher Missbrauch nachgewiesen ist, lässt sich dagegen vorgehen. Das ist keine Angelegenheit der Steuerpolitik. 

Preisänderungen auf einmal täglich begrenzen

Starre Preisdeckel, wie sie Kroatien und Ungarn eingeführt haben, sind ebenfalls keine Lösung: Sie greifen tief in den Marktmechanismus ein und erzeugen bekannte Nebenwirkungen wie Engpässe und Qualitätsprobleme. Sinnvoller könnte das österreichische Modell sein: Preisänderungen werden auf einmal täglich begrenzt, Senkungen bleiben jederzeit möglich. So werden Verbraucher*innen vor abrupten Preissprüngen geschützt, ohne
den Wettbewerb auszuhebeln. Ein weiterer sinnvoller Vorschlag könnte sein, dass Apps nicht alle Tankstellen im Umkreis anzeigen, sondern nur die günstigsten Tankstellen.

Mittelfristig wäre es sinnvoll, die Marktstrukturen selbst zu verändern: mehr Transparenz im Großhandelsmarkt, eine kritische Überprüfung der gegenseitigen Lieferverflechtungen zwischen den großen Konzernen und ihrer gleichzeitigen Kontrolle über Raffinerien, Großhandel und Tankstellennetze sowie eine Stärkung unabhängiger Marktteilnehmer. Diese Maßnahmen greifen nicht über Nacht – aber sie würden uns auf die nächste Krise vorbereiten.

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