Es gibt bessere Wege, Vermögen zu besteuern

Blog Marcel Fratzscher vom 16. März 2026

Die Reichen stärker besteuern? Klingt fair und könnte Milliarden einbringen. Doch eine Vermögensteuer ist nicht effizient, Immobilien lassen sich besser besteuern. 

Deutschland steht vor einer gewaltigen finanzpolitischen Herausforderung: Bildung, Innovation, Klimaschutz, Infrastruktur und sozialer Zusammenhalt erfordern Milliarden. Gleichzeitig schrumpft der Spielraum des Staates – Schuldenbremse und demografischer Wandel begrenzen den Handlungsspielraum. Schon in den kommenden Jahren droht der Bundesregierung eine Haushaltslücke von 30 Milliarden Euro und mehr pro Jahr.

Vor diesem Hintergrund klingt die Forderung nach einer Wiedereinführung der Vermögensteuer auf den ersten Blick naheliegend – und gerecht: Vermögen sind in Deutschland stark konzentriert und in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewachsen. Warum also nicht dort ansetzen, wo besonders viel ist?

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 13. März 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Tatsächlich zeigt eine aktuelle Studie des DIW Berlin: Eine Vermögensteuer könnte theoretisch erhebliche zusätzliche Einnahmen generieren. Je nach Ausgestaltung wären zweistellige Milliardenbeträge pro Jahr möglich. Mit diesen Mitteln ließen sich viele finanzielle Lücken schließen und dringend notwendige Zukunftsinvestitionen stemmen. Wer nur auf diese Rechnung blickt, könnte zu dem Schluss kommen, dass Deutschland auf diese Einnahmequelle nicht länger verzichten sollte.

Doch diese Rechnung greift zu kurz. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie viel eine Vermögensteuer auf dem Papier erzielen könnte, sondern wie viel sie in der Realität einbringt – und zu welchem Preis. Genau hier liegt das Problem. Deutschland ist eine offene Volkswirtschaft mit hoher Kapitalmobilität. Finanzvermögen lässt sich heute viel leichter ins Ausland verlagern als Arbeit oder Konsum: Ein Arbeitsplatz und die meisten Ausgaben bleiben am Wohnort, ein Depot dagegen kann in wenigen Klicks den Standort wechseln.

Vermögen kann schnell den Ort wechseln

Die internationale Erfahrung zeigt: Rein nationale Vermögensteuern lösen oft spürbare Ausweichreaktionen aus – von Steuervermeidung über Gestaltungen bis hin zur Verlagerung von Vermögen und teils auch des Wohnsitzes ins Ausland. Die Folge sind hohe Verwaltungs- und Kontrollkosten, häufige Rechtsstreitigkeiten und am Ende deutlich geringere Einnahmen, als die Politik zunächst erwartet. 

Auch die deutsche Geschichte liefert dafür Beispiele. Die Vermögensteuer wurde ausgesetzt, weil ihre Bewertung komplex, ihre Erhebung ineffizient, ihre Wirkung umstritten war. Globalisierung und Finanzinnovationen haben diese strukturellen Probleme eher verschärft als gelöst. Eine Vermögensteuer kann daher nur funktionieren, wenn Staaten sie international koordinieren – ähnlich wie bei der globalen Mindestbesteuerung von Unternehmensgewinnen, die die G20 vor einigen Jahren beschlossen haben. 

Warum eine Vermögenssteuer meist schlecht funktioniert

Eine Besteuerung der Privatvermögen von Milliardären und anderen Hochvermögenden von zwei Prozent, wie der französische Ökonom Gabriel Zucman vorgeschlagen hat, wäre durchaus sinnvoll. Mein Kollege Stefan Bach hat berechnet, dass eine zweiprozentige Vermögenssteuer auf alle Menschen in Deutschland, die mehr als 100 Millionen Euro besitzen, dem Staat jedes Jahr knapp 17 Milliarden Euro an zusätzlichen Steuereinnahmen bringen würde. Aber solange ein solcher internationaler Rahmen fehlt, bleibt die Vermögensteuer national ein stumpfes Schwert.

Hinzu kommt: Eine schlecht funktionierende Vermögensteuer kann mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften. Wenn mobile Vermögen abwandern, sinkt nicht nur das Steueraufkommen, sondern auch die Investitionsbasis im Inland. Gerade in einer Phase, in der Deutschland dringend private Investitionen für Transformation und Innovation benötigt, wäre das kontraproduktiv. 

Der internationale Vergleich lohnt sich

All dies bedeutet jedoch keineswegs, dass Deutschland vermögensbezogene Steuern grundsätzlich meiden sollte. Im Gegenteil. Kaum ein Land in der Welt besteuert Arbeit so stark und Vermögen so gering wie Deutschland. Das ist nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen problematisch, sondern auch ökonomisch ineffizient. 

Hohe Abgaben auf Arbeit verteuern Beschäftigung, dämpfen Leistungsanreize und belasten vor allem mittlere Einkommen. Niedrige Abgaben auf Vermögen begünstigen dagegen die Konzentration von Reichtum und können soziale Ungleichheit verstärken.

Der internationale Vergleich zeigt, dass es auch anders geht. Länder wie Frankreich, Großbritannien oder die USA erzielen zwischen drei und vier Prozent ihrer Wirtschaftsleistung an Einnahmen aus vermögensbezogenen Steuern – deutlich mehr als Deutschland, das ungefähr ein Prozent der Wirtschaftsleistung an vermögensbezogenen Steuern einnimmt. 

Vermögensbezogene Steuern, die Unternehmen nicht schädigen

Entscheidend ist dabei: Diese anderen Länder setzen nicht primär auf umfassende Vermögensteuern, sondern vor allem auf eine konsequente Besteuerung von Immobilien über die Grundsteuer sowie auf die Besteuerung von Immobiliengewinnen, weitgehend ohne Ausnahmen.

Hier liegt auch für Deutschland ein sinnvoller Weg. Immobilien können nicht einfach ins Ausland verlagert werden. Eine starke, regelmäßig aktualisierte Grundsteuer sowie eine konsequente Besteuerung von Wertsteigerungen bei Immobilien würden stabile Einnahmen generieren, ohne Kapitalflucht auszulösen. Gleichzeitig würden sie spekulative Anreize im Immobilienmarkt dämpfen und zur effizienteren Nutzung von Boden und Immobilien beitragen – ein knappes Gut, insbesondere in Städten.

Die Lehre aus anderen Ländern ist eindeutig: Deutlich höhere vermögensbezogene Steuern sind möglich, ohne Unternehmen zu schädigen oder die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu reduzieren – wenn sie richtig ausgestaltet sind. Eine Reform der Grundsteuer und der Immobilienbesteuerung wäre administrativ einfacher, ökonomisch effizienter und sozial gerechter als die Wiedereinführung einer nationalen Vermögenssteuer.

Die Vermögensteuer bleibt damit eine politische, aber vor allem symbolische Versuchung. Wer es ernst meint mit mehr Effizienz und mehr Zukunftsinvestitionen, sollte weniger über neue Steuern reden, die schlecht funktionieren, und mehr über jene, die bislang viel zu zaghaft genutzt werden. Mit mehr Mut und den richtigen Instrumenten kann die Besteuerung von Vermögen besser gelingen.

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