Blog Marcel Fratzscher vom 23. März 2026
Wie der Staat wirtschaftspolitisch auf den Iran-Krieg reagieren muss – und was er lassen sollte
Es wird immer wahrscheinlicher, dass nicht nur der Irankrieg und das damit verbundene Leid in der Region anhalten und sich verschärfen. Auch die wirtschaftlichen Kosten dürften weltweit deutlich zunehmen – vor allem für die ärmsten Länder im globalen Süden, aber zunehmend auch für reiche Länder wie Deutschland. Die Politik hat verstanden, dass sie mit ihrer Wirtschaftspolitik reagieren muss, um den Schaden zu begrenzen und die langfristige Resilienz zu verbessern.
Das am 19. März im Bundestag diskutierte Kraftstoffmaßnahmenpaket ist jedoch eher symbolisch. Wir können viel aus der Energiekrise nach Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 lernen. Aber es scheint, als würden Teile von Wirtschaft und Politik die falschen Lehren ziehen.
Dieser Gastbeitrag von Marcel Fratzscher erschien am 23. März 2026 im Tagesspiegel.
Die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung sollte sich auf vier Maßnahmen fokussieren.
Erstens braucht es direkte finanzielle Transfers wie eine einmalige Energiekostenpauschale, ähnlich wie 2022. Das ist zwar teuer, hat aber den Vorteil, dass die Maßnahme schnell umgesetzt werden kann und vor allem Menschen mit wenig Einkommen und Ersparnissen sofort Unterstützung bekommen. Die Politik sollte dabei unbedingt Abstand nehmen von allen Versuchen, die Energiepreise künstlich zu
senken. Das mag zunächst hart und sozial unfair klingen, wäre aber kontraproduktiv. Der Irankrieg und die Schließung der Straße von Hormus bedeuten letztlich, dass es zu wenig Angebot von Öl und Gas gibt – und somit die Nachfrage sinken muss. Eine Subvention fossiler Energieträger durch einen Tankrabatt, eine Erhöhung des Industriestrompreises, Steuersenkungen oder eine Erhöhung der Pendlerpauschale – alles Maßnahmen, die gefordert werden – wären nicht nur falsch, sondern wirtschaftlich
schädlich.
Denn ein Tankrabatt etwa führt dazu, dass die Nachfrage nach Benzin und Diesel nicht so stark sinkt, wie es notwendig wäre, damit ausreichend Angebot vorhanden ist. Die Folge: Die Preise müssten an anderer Stelle noch stärker steigen, damit die Nachfrage dort sinken kann. Wenn also die Autofahrer*innen ihr Fahrverhalten und damit ihre Nachfrage nach Benzin und Diesel nicht einschränken, müssen andere Menschen in der Gesellschaft das tun.
Und das trifft Menschen mit wenig Einkommen besonders hart. Ein Tankrabatt wäre somit nichts anderes als eine Umverteilung von arm zu reich. Eine direkte Transferzahlung dagegen würde Personen, die auf ihr Auto angewiesen sind, finanziell kompensieren, anderen aber Anreize geben, ihr Auto weniger zu nutzen und somit die Nachfrage zu reduzieren.
Zweitens sollte die Bundesregierung die Notstandsklausel der Schuldenbremse aktivieren – wenn sich keine Entspannung bei den Energiekosten abzeichnet. Viele mögen diese erneute Ausnahme von der Schuldenbremse kritisieren. Aber wir sollten uns bewusst machen, was passiert, wenn die Bundesregierung das nicht tut: Sie wird Ausgaben vor allem bei den öffentlichen Investitionen kürzen und Steuern erhöhen müssen, was gerade in diesen wirtschaftlich ohnehin schwierigen Zeiten die deutsche Wirtschaft
hart treffen und viele Arbeitsplätze und Wohlstand kosten würde.
Drittens müssen auch Arbeitgeber und -nehmer Verantwortung übernehmen. Steigen Gewinnmargen und Löhne stark an, bleibt der EZB wie 2022 nichts anderes übrig, als die Zinsen zu erhöhen und damit die Wirtschaft empfindlich abzubremsen. Das heißt konkret: Die Bundesregierung muss die Marktmacht der Mineralölkonzerne bekämpfen und sollte eine Übergewinnsteuer einführen. Sie muss zudem verhindern, dass Unternehmen anderer Branchen die Krise nutzen, um ihre Preise exzessiv zu erhöhen.
Viertens muss die Politik umgehend die Weichen stellen, um langfristig die Resilienz der Wirtschaft gegenüber solchen externen Schocks zu stärken und die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu reduzieren. Das erfordert einen deutlich schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien und eine Beschleunigung der Wärmewende. Die Bundesregierung sollte unbedingt vermeiden, die Klimaschutzziele und die Bepreisung von CO2-Emissionen abzuschwächen. Das würde nicht nur den Klimaschutz ausbremsen, sondern langfristig zu höheren Energiekosten, einer stärkeren Deindustrialisierung und einem größeren Wohlstandsverlust führen.
Die Bundesregierung hat alle Instrumente, um schnell und effektiv auf diese Energiekrise zu reagieren und sollte sich nicht von Lobbyinteressen leiten lassen.
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