Die unsichtbare Macht der Fossilokratie, die die Welt beherrscht

Medienbeitrag vom 20. Januar 2026

Fossilokratie bestimmt Kriege, Preise und Macht: Öl, Gas und Kohle prägen Politik weltweit. Autoritäre Regime werden toleriert, Demokratie wird geopolitischen Interessen untergeordnet. Ein Blick auf die unsichtbare Logik, die unsere Welt steuert – und wie wir sie überwinden können.

Dieser Gastbeitrag von Claudia Kemfert ist am 14. Januar 2026 in Focus online erschienen. 

Die Angst geht um in Europa. Angst vor steigenden Preisen, vor einem Verlust des Wohlstands, den wir lange als selbstverständlich erachtet haben, und vor einem Krieg, den gerade wir Deutschen nie wieder erleben wollten.

Wie Öl, Gas und Kohle globale Krisen antreiben

Es lohnt sich, genauer hinzusehen. Denn wer die Zusammenhänge erkennt, gewinnt Handlungsmacht. Die scheinbar fragmentierten Krisen der Gegenwart folgen einer gemeinsamen Logik. Es ist die Logik eines politischen Systems, in dem Macht, Sicherheit und geopolitischer Einfluss wesentlich durch den Zugriff auf Kohle, Öl und Gas bestimmt werden. Ich nenne dieses System Fossilokratie.

Fossilokratie beschreibt keine Verschwörung, sondern eine strukturelle Ordnung. Staaten handeln nicht primär entlang demokratischer Werte, völkerrechtlicher Normen oder langfristiger Stabilität, sondern entlang fossiler Abhängigkeiten. Energie wird zur Machtressource, fossile Rohstoffe zur strategischen Währung.

Besonders deutlich zeigt sich diese Logik am Beispiel Venezuelas. Jahrzehntelang wurde das Land wegen autoritärer Entwicklungen, massiver Menschenrechtsverletzungen und demokratischer Defizite politisch isoliert und mit harten Sanktionen belegt. Der offizielle Anspruch war klar: Schutz von Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten.

Doch diese Prinzipien geraten ins Wanken, sobald geopolitische Energieinteressen ins Spiel kommen. In den vergangenen Monaten haben die USA ihre Sanktionspolitik gegenüber Venezuela schrittweise gelockert , ausgerechnet wegen des Zugriffs auf Öl. US-Unternehmen erhielten wieder begrenzte Förder- und Exportrechte, um Engpässe auf den globalen Energiemärkten zu lindern. Die politische Botschaft ist eindeutig: Wo fossile Ressourcen strategisch relevant sind, werden moralische Maßstäbe flexibel.

Diese Kehrtwende ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck der Fossilokratie. Außenpolitik folgt nicht primär demokratischen Werten, sondern der Logik fossiler Abhängigkeiten. Autoritäre Strukturen werden toleriert, solange sie Energie liefern oder geopolitische Stabilität versprechen. Menschenrechte geraten dabei zur Verhandlungsmasse.

Dass Öl Politik beeinflusst, ist nicht neu. Neu ist die Schamlosigkeit, mit der diese Interessen heute vertreten werden. Unter Donald Trump wurde diese Logik offen enttabuisiert. „Drill, baby, drill“ war nicht nur ein Wahlkampfslogan, sondern politisches Programm: massive Förderung fossiler Energien, systematische Blockade von Klimaschutz, Abwertung multilateraler Abkommen. Internationale Klimapolitik galt nicht mehr als globale Verantwortung, sondern als wirtschaftliches Hindernis.

Erneuerbare vs. fossile Energie

Die internationale Klimaarchitektur wurde nicht nur geschwächt, sondern bewusst delegitimiert. Klimaschutz erschien als Bedrohung nationaler Interessen, nicht als Voraussetzung für Sicherheit und Wohlstand.

Diese Offenheit markiert einen Wendepunkt. Fossile Interessen werden nicht länger kaschiert, sondern offensiv vertreten. Die Botschaft lautet: Ja, wir setzen auf Öl, Gas und Kohle. Ja, wir ordnen alles andere unter. Und: Was wollt ihr dagegen tun?

Diese Logik zeigt sich auch in Argentinien. Präsident Javier Milei hat das Umweltressort radikal zusammengestrichen, den Klimawandel öffentlich infrage gestellt und Klimaschutz als „sozialistische Agenda“ diffamiert. Gleichzeitig setzt seine Regierung auf den massiven Ausbau fossiler Infrastruktur, darunter milliardenschwere LNG-Projekte und umfassende Investitionsanreize für Öl- und Gasförderung. Extraktive Rohstoffpolitik wird zur wirtschaftlichen Heilslehre erklärt.

Während Milei einen „Klimaschutz ohne Klimaalarmismus“ propagiert, brennt Patagonien. Im Januar 2026 stehen erneut Tausende Hektar Wald in Flammen. Die bittere Ironie: Ein Land, das die Klimakrise politisch relativiert, erlebt ihre Folgen mit voller Wucht.

Auch im Iran wirken die Mechanismen der Fossilokratie. Proteste, Repression und politische Instabilität sind nicht nur menschenrechtliche Katastrophen, sondern zugleich Risiken für die globale Ölversorgung. Schon die Aussicht auf Produktionsausfälle lässt Preise steigen, Märkte reagieren nervös, geopolitische Allianzen verschieben sich.

Hier zeigt sich die doppelte Abhängigkeit der Fossilokratie: Autoritäre Regime stabilisieren sich über fossile Einnahmen, während globale Märkte an ihrer politischen Stabilität hängen. Reformprozesse werden international nicht nach ihrem demokratischen Gehalt bewertet, sondern nach ihrem Einfluss auf Energieflüsse.

Russland, Ukraine und die militärische Logik der Fossilokratie

Der fossile Kern des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist unübersehbar. Fossile Infrastrukturen werden zu militärischen Zielen, Energiepreise zu geopolitischen Waffen, Versorgungssicherheit zur Frage nationaler Verteidigung. Öl, Gas und Kohle finanzieren den Militärapparat und sichern außenpolitischen Einfluss – als teures Druckmittel gegenüber Europa oder als billiges Lockangebot für andere Staaten.

Auch Grönland gehört in dieses Bild. Dass eine Region, die besonders stark unter der Erderhitzung leidet, zunehmend zum Objekt neuer Rohstoff- und Sicherheitsinteressen wird, folgt der brutalen Logik der Fossilokratie. Mit dem Klimawandel wird die Arktis zugänglicher, Ressourcen rücken in Reichweite, strategische Lagen gewinnen an Bedeutung.

Der Klimawandel öffnet Räume für jene Ressourcen, die ihn verursacht haben.

Fossilokratie bezeichnet damit eine Machtstruktur, in der politische Entscheidungen systematisch von fossilen Interessen geprägt oder blockiert werden. Sie ist eingebettet in Pfadabhängigkeiten: Bestehende Infrastrukturen, Geschäftsmodelle und Denkweisen behindern Innovation und Transformation – selbst dann, wenn die ökologischen und gesellschaftlichen Kosten längst evident sind.

Denn es geht um Besitzstandswahrung. Oder klarer: um die Verteidigung ökonomischer und politischer Privilegien auf Kosten des Gemeinwohls und zukünftiger Generationen. Früher ruhte Wohlstand auf billiger fossiler Energie. Heute externalisieren wir die Kosten – Klimafolgen, Krisen, Konflikte – auf die Allgemeinheit.

Wie wir die Fossilen überwinden

Doch es gibt einen Ausweg. Wer die Fossilokratie überwinden will, muss sich von fossilen Energien verabschieden. Eine dezentrale Energiewende, getragen von Bürgerenergie und lokalen Genossenschaften, durchschlägt den gordischen Knoten. Sie entzieht autokratischen Regimen ihre Einnahmen, reduziert geopolitische Erpressbarkeit und schafft wirtschaftliche Resilienz.

Lokale Energiegenossenschaften erzeugen Strom aus Wind und Sonne, speichern ihn und versorgen Nachbarschaften – demokratisch organisiert, wirtschaftlich tragfähig, widerstandsfähig gegen Krisen. Das stärkt Wohlstand, Sicherheit und Demokratie, weil Macht von wenigen Förderstaaten auf viele Produzenten verteilt wird.

Die Fossilokratie ist keine Verschwörung. Sie ist eine Struktur – und damit veränderbar. Wer fossile Abhängigkeiten abbaut, entzieht Kriegen, Erpressung und Populismus den Boden. Der Weg führt durch Dezentralität hin zu einer Ordnung, in der Energie dient, statt zu herrschen.

Der Klimawandel ist dann nicht länger nur eine Krise. Er ist der Weckruf, die Fossilokratie endlich hinter uns zu lassen.

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