DIW Wochenbericht 20 / 2026, S. 312
Lorenz Meister, Lukas Menkhoff
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Deutschland gilt nicht gerade als Land der Aktionäre. Weniger Haushalte investieren in Aktien, als aus ökonomischer Sicht angemessen wäre. Wie die Bundesbank jüngst festgestellt hat, betragen die Bankeinlagen eines durchschnittlichen Haushalts das Doppelte der Wertpapieranlagen (also Aktien, Renten, Fonds und ETF). Während der Coronakrise hat die Aktienkultur aber einen Sprung nach oben gemacht. So ist der Anteil der Aktienbesitzer unter der Gesamtbevölkerung von 15,2 Prozent auf 17,5 Prozent gestiegen. Um das Jahr 2020 herum stiegen gleichzeitig sowohl die Arbeit von zu Hause als auch die Aktienmarktteilnahme.
Das Soziökonomische Panel (SOEP) des DIW Berlin erfasst in einer jährlichen repräsentativen Befragung die Haushalte in Deutschland mit ihren Merkmalen und Einstellungen. Umfassende Informationen liegen insbesondere für „Haushaltsvorstände“ vor, meist die Person, die Fragen beantwortet. Konzentriert man sich auf berufstätige Haushaltsvorstände, dann hat diese Gruppe in der Corona-Zeit verstärkt auf Aktien gesetzt, der Anteil der Besitzenden ist von 28 Prozent auf 35 Prozent gestiegen, und damit um 25 Prozent. Dieser Anstieg ist noch mal deutlich höher als der in der Gesamtbevölkerung (rund 15 Prozent). Ein Drittel dieses Anstiegs kann auf die Nutzung von Homeoffice zurückgeführt werden.
Das ist bemerkenswert, weil sich die Teilnahme am Aktienmarkt normalerweise nur langsam verändert. Sie hängt von Faktoren wie Einkommen, Vermögen, Bildung, Finanzwissen, Risikobereitschaft und Zugangskosten ab. All dies ändert sich in der Regel nicht sprunghaft innerhalb eines Jahres. Berücksichtigt man diese und weitere Einflüsse, dann bleibt für das Jahr 2020 ein erheblicher und statistisch belastbarer Zusammenhang zwischen Homeoffice und höherer Aktienmarktteilnahme bestehen. Der naheliegende Mechanismus ist Zeitverwendung. Wer von zu Hause aus arbeitet, spart Pendelzeit und gewinnt vor allem mehr Freiheit darüber, wann private Dinge erledigt werden. Allerdings profitieren Eltern mit jüngeren Kindern gerade nicht davon, denn mit der Pflicht zum Homeoffice im Jahr 2020 waren häufig auch Kitas oder Schulen geschlossen. Dazu passt, dass wir eine erhöhte Aktienmarktteilnahme vor allem bei Haushalten ohne Kinder beobachten.
Nicht nur das Homeoffice hat sich 2020 in größerem Maß durchgesetzt, sondern die meisten Menschen hatten mehr Zeit zu Hause, die sie vielleicht auch für Informationen über Aktien genutzt haben. Hinzu kommt der starke Kurseinbruch mit der Coronakrise und der folgende schnelle Anstieg der Aktienkurse, der verlockend gewesen sein mag.
Ein anderer neuer Faktor in dieser Zeit war der Eintritt von Neobrokern in den deutschen Markt. Niedrigere Transaktionskosten – wie bei Neobrokern – erleichtern die Anlage am Aktienmarkt, und genau dieser Effekt ist im Jahr 2020 eingetreten. Allerdings kann es sein, dass bisher unberücksichtigte Faktoren gleichzeitig auf Homeoffice und Aktienmarktteilnahme gewirkt haben. Deshalb haben wir zusätzlich nicht nur die tatsächliche Homeoffice-Nutzung im Jahr 2020 betrachtet, sondern auch die schon 2018 bestehende Homeoffice-Eignung einzelner Wirtschaftssektoren. Auch hier zeigt sich ein Zusammenhang mit höherer Aktienmarktteilnahme.
Interessanterweise hat Homeoffice besonders beim unteren Viertel der Einkommensbezieher zu einer erstmaligen Aktienmarktteilnahme geführt. Dies ist bemerkenswert, weil bisher vor allem Haushalte mit höherem Einkommen und Vermögen von den durchschnittlichen hohen Aktienerträgen profitiert haben, was die Schere zwischen Arm und Reich eher vergrößert hat. Ein breiterer Zugang zum Aktienmarkt könnte diese Dynamik zumindest abmildern. Tatsächlich machen preiswertes Internetbanking in Verbindung mit breit streuenden Fonds (ETF) die Aktienanlage gerade auch für weniger wohlhabende Haushalte so einfach wie nie zuvor. Man muss sich nur die Zeit nehmen, damit anzufangen.
Der Beitrag ist am 4. Mai in einer längeren Version in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.
Themen: Verbraucher, Gesundheit, Finanzmärkte, Bildung, Arbeit und Beschäftigung
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-20-3
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