Blog Marcel Fratzscher vom 26. Mai 2026
KI wird Arbeitsplätze kosten, aber auch neue schaffen. Das Problem: die Verteilung. Es profitieren die Jungen, die Frauen, die Geringverdiener – oder eben genau nicht.
Was wird künstliche Intelligenz mit unseren Arbeitsplätzen machen? Die Ängste sind groß. Doch wer genau hinschaut, kommt zu einem differenzierteren Bild: KI wird unseren Arbeitsmarkt zwar grundlegend verändern, aber wir werden wohl viele Entscheidungen noch immer selbst in der Hand haben. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass KI zumindest in den nächsten fünf Jahren in Deutschland nicht nur Jobs ersetzt, sondern viele neue schaffen wird und bestehende Tätigkeiten produktiver macht. Ob daraus eine Chance wird, hängt von uns ab: Nutzen wir KI klug, kann sie Wohlstand mehren; lassen wir sie ungebremst wirken, droht sie Ungleichheit zu verschärfen und für viele zum Risiko zu werden.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 22. Mai 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Zunächst einmal ist die Unsicherheit über die Auswirkungen von KI auf unser Leben enorm. Vieles ist noch ungewiss, deshalb ist es umso wichtiger, dass wir uns schon jetzt damit befassen und kluge Entscheidungen treffen. Zudem sprechen wir nicht von einer einzigen Technologie. Was wir heute erleben – generative KI wie ChatGPT, die Texte, Videos oder Softwarecodes generiert – ist nur die erste Welle. Ihr folgen weitere: KI-Agenten, die eigenständig komplexe Arbeitsprozesse steuern; Roboter, die mit KI-Verstand physische Aufgaben übernehmen – und womöglich irgendwann eine allgemeine künstliche Intelligenz. Jede dieser Wellen wird andere gesellschaftliche Gruppen betreffen.
Die gute Nachricht ist: KI muss vorerst nicht zu Massenarbeitslosigkeit führen. Eine umfassende Studie für Deutschland, eine Szenarioanalyse des IAB, BIBB und der GWS vom November 2025, kommt zu dem Ergebnis, dass trotz KI die Gesamtzahl der Arbeitsplätze weitgehend konstant bleiben könnte – zumindest für die absehbare Zukunft. KI führe primär zu einem Umbruch – gefragt sind künftig andere Tätigkeiten und Kompetenzen und nicht weniger Arbeit. Was sich verändern wird, ist die Zusammensetzung: In manchen Bereichen werden neue Stellen geschaffen, in anderen werden Arbeitsplätze verloren gehen – rund 1,6 Millionen Stellen werden entweder auf- oder abgebaut. Das jährliche Wirtschaftswachstum könnte um 0,8 Prozentpunkte höher ausfallen, kumuliert 4,5 Billionen Euro zusätzliche Wertschöpfung in 15 Jahren. In einem Land mit über einer Million unbesetzter Stellen, einer alternden Bevölkerung mit über 13 Millionen Babyboomern, die in Rente gehen, und nur neun Millionen jungen Menschen, die anfangen zu arbeiten, könnte KI sogar zur demografischen Entlastung werden.
Doch die entscheidende Frage ist nicht, ob es insgesamt genug Jobs geben wird – sondern für wen. Und hier wird es verteilungspolitisch brisant.
Ein Wochenbericht des DIW Berlin von Virginia Sondergeld und Katharina Wrohlich zeigt ein klares Muster: Sowohl frauendominierte Berufe wie die Pflege als auch männerdominierte Tätigkeiten wie das Bauwesen gehören laut DIW‑Studie zu den Bereichen, die von der KI‑Transformation zunächst vergleichsweise wenig betroffen sind. Dort dominieren physische und zwischenmenschliche Tätigkeiten, die generative KI (noch) nicht ersetzen kann. Am stärksten betroffen sind vor allem Mischberufe wie Buchhaltung, Marketing und Finanzwesen. Unter dem Strich sind dennoch tendenziell mehr Frauen betroffen, weil sie häufiger in Büro- und Verwaltungstätigkeiten arbeiten. Die International Labour Organization (ILO) zeigt: Global sind frauendominierte Berufe fast doppelt so häufig von generativer KI bedroht wie männerdominierte.
Die zweite Verteilungsdimension betrifft die Einkommen. Die Forschung zeigt: KI trifft nicht in erster Linie Geringverdiener wie frühere Automatisierungswellen, sondern vor allem die Mitte. Eine OECD-übergreifende Studie zeigt, dass höhere KI-Adoption bei Beschäftigten im oberen Einkommensquintil mit Lohngewinnen einhergeht, während Beschäftigte in der Mitte leichte Lohnverluste erleiden könnten. Ungleichheit entsteht also abhängig davon, ob Menschen KI nutzen können oder von ihr ersetzt werden. KI kann viele technische Routinetätigkeiten in Bürojobs gut übernehmen, etwa Analyse, Dokumentation, Recherche oder Programmierung. Schwerer fällt ihr, was Menschen ausmacht: Empathie, Kreativität und Urteilsfähigkeit im Kontext.
Gleichzeitig profitieren manche heute weniger gut bezahlte Berufe – Pflegekräfte, Handwerker, Erzieher – davon, dass ihre Kerntätigkeiten kaum automatisierbar sind. Beschäftigte mit KI-Kenntnissen bekommen oft einen Lohnaufschlag von rund 56 Prozent. Es entsteht eine neue Form der Ungleichheit: zwischen jenen, die KI produktiv nutzen, und jenen, die das nicht können.
Die dritte und vielleicht überraschendste Dimension betrifft Qualifikation und Erfahrung. Entgegen der Annahme, Geringqualifizierte seien am stärksten bedroht, zeigt die Forschung der Stanford University auf Basis von Millionen US-Gehaltsdaten: Es sind gerade junge Akademiker, die bereits jetzt messbar betroffen sind. Beschäftigte zwischen 22 und 25 Jahren in KI-exponierten Berufen verzeichnen seit Ende 2022 einen Beschäftigungsrückgang von bis zu 16 Prozent. Gleichzeitig wächst die Beschäftigung für erfahrene Arbeitnehmer in denselben Berufen.
Der Grund: KI kann Wissen automatisieren, aber nicht Erfahrung. Was Berufseinsteiger mitbringen – formales Buchwissen aus der Ausbildung – ist genau das, was KI replizieren kann. Was sie noch nicht haben – das implizite Erfahrungswissen, das Gespür für Situationen – ist das, was KI nicht kann. Unternehmen nutzen KI, um erfahrene Mitarbeiter produktiver zu machen, und stellen weniger junge Leute ein. Die erste Stufe der Karriereleiter bröckelt, und damit der Mechanismus, durch den junge Menschen das Erfahrungswissen erwerben, das sie gegen Automatisierung schützt.
Was die Studie nicht zeigt: Auch ältere Beschäftigte sind verletzlich. Ihre Anpassungsfähigkeit an neue Technologien ist geringer, Umschulungen rechnen sich über eine kürzere verbleibende Berufszeit weniger, und Unternehmen investieren weniger in die Weiterbildung von Beschäftigten kurz vor der Rente. Es entsteht eine Insider-Outsider-Spaltung: Wer einen guten Job hat und KI produktiv einsetzt, profitiert. Wer draußen steht – ob jung und unerfahren oder älter und weniger anpassungsfähig – hat es schwerer denn je.
Soweit das positive Szenario für die nächsten fünf Jahre. Es muss uns jedoch bewusst sein, dass langfristig der fortlaufende technologische Fortschritt im Bereich der KI fast jeden Menschen im Arbeitsleben ersetzbar machen könnte. Es ist kein Zufall, dass Tech-Milliardäre wie Elon Musk oder Mark Zuckerberg sich seit vielen Jahren für die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) aussprechen. Denn vielen der Tech-Milliardäre ist klar, dass einige wenige – und nicht der Staat – über die Technologien entscheiden und auch die wirtschaftlichen und finanziellen Früchte ernten werden. Mit der Frage, welche Rolle KI für unsere Demokratie entwickelt, hat sich eine frühere Kolumne beschäftigt.
Die KI-Revolution ist keine Naturkatastrophe. Sie ist ein Werkzeug, dessen Wirkung von unseren Entscheidungen abhängt. Über die nächsten zehn Jahre sind deshalb drei Dinge entscheidend.
Erstens: Kompetenzen. Dabei wird es vor allem auf die Fähigkeit ankommen, mit KI zu arbeiten oder das zu tun, was KI (noch) nicht kann und nicht auf formale Abschlüsse. Das erfordert eine Reform unseres Bildungssystems – weg von statischem Wissen, hin zu Kreativität, kritischem Denken und der Mentalität des lebenslangen Lernens. Zweitens: Flexibilität. Beschäftigte brauchen Unterstützung, sich im Berufsleben mehrfach neu zu orientieren. Das bedeutet bessere Weiterbildungsansprüche, gerade für Ältere und Geringqualifizierte, und eine Arbeitsmarktpolitik, die Übergänge erleichtert.
Und drittens: Regeln. Wir brauchen einen Rahmen, der sicherstellt, dass die Produktivitätsgewinne verteilt werden, etwa durch klare Regeln und eine faire Besteuerung. Das ist besonders wichtig für stark gefährdete Berufe, weil die Automatisierung ihre Bedeutung sowie ihr Einkommen erheblich sinken lässt. Der Rechtswissenschaftler Josef Drexl fordert deshalb zum Beispiel die Einführung eines Beteiligungsanspruchs für Kreative, um sie an den Erlösen aus KI-Nutzungen zu beteiligen und ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern. Auch wenn viele dies nicht hören mögen: Enge staatliche Kontrolle wird essenziell sein. Dazu gehört auch, dass wir uns von KI-Anbietern unabhängig machen müssen, die sich nicht in unserem rechtsstaatlichen Handlungsfeld befinden. Stattdessen sollten europäische KI-Anwendungen gezielt gefördert werden.
Themen: Arbeit und Beschäftigung , Gender , Ungleichheit