Medienbeitrag vom 24. Juni 2026
Die Rente mit 70 ist eine soziale Frage, die alle Generationen betrifft. Und gleichzeitig eine der wichtigsten wirtschaftlichen Fragen für Deutschland in den kommenden 20 Jahren. Eine faire Rente mit 70 wäre die sozialste Rentenreform, weil sie die junge Generation entlastet und Spielräume schafft, Altersarmut, Erwerbsminderung und Krankheit im Alter besser abzusichern. Sie wäre zudem ein enormes Wachstumsprogramm für Deutschland. Daher sind die Vorschläge der Rentenkommission, die Altersgrenze durch die Koppelung an die Lebenserwartung erst in Jahrzehnten auf 70 anzuheben, eine verpasste Chance.
Eine längere Lebensarbeitszeit ist nicht per se unsozial: Die Alternative zu einer längeren Lebensarbeitszeit wären höhere Beiträge der Beschäftigten, höhere Steuern, ein niedrigeres Rentenniveau oder weniger Schutz für Menschen mit geringen Renten. All dies würde vor allem die junge Generation und Menschen mit niedrigen Einkommen treffen.
Der Gastbeitrag von Marcel Fratzscher erschien am 23. Juni 2026 in der Frankfurter Rundschau.
Was in der Debatte bisher jedoch zu kurz kommt: Eine faire Rente mit 70 hätte auch enormen wirtschaftlichen Nutzen. Sie würde die Beschäftigung erhöhen, die Fachkräftelücke deutlich reduzieren, wichtiges Wissen länger im Arbeitsmarkt halten und Deutschland als Wirtschaftsstandort stärken. Es geht also auch um Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand.
Deutschland steht vor einer dramatischen demografischen Zeitenwende. Über die kommenden zehn Jahre werden fünf Millionen Beschäftigte mehr in Rente gehen, als junge Menschen neu in den Arbeitsmarkt kommen. Für viele kleine und mittlere Unternehmen wird die Frage, ob sie ältere Beschäftigte länger halten und besser einsetzen können, zur Existenzfrage. Ohne eine stärkere Mobilisierung von Menschen im Alter von 60 bis 70 Jahren wird Deutschland viele offene Stellen nicht besetzen, viele Aufträge nicht erfüllen und viele Investitionen nicht realisieren können.
Die Größenordnung ist enorm. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt, wie stark das Erwerbspersonenpotenzial durch die Alterung unter Druck gerät. Selbst bei steigender Erwerbsquote von Frauen und Älteren und einer jährlichen Nettozuwanderung von 100.000 Personen würde das Arbeitskräfteangebot langfristig deutlich sinken. Nur eine sehr hohe Nettozuwanderung könnte diesen Rückgang weitgehend stoppen. Das bedeutet: Deutschland kann den Fachkräftemangel nicht allein durch Zuwanderung und eine stärkere Erwerbstätigkeit von Frauen lösen.
Die wirtschaftlichen Effekte, wenn ältere Beschäftigte länger im Arbeitsmarkt bleiben, wären groß. Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters um nur ein Jahr könnte nach plausiblen Schätzungen mehrere Hunderttausend zusätzliche Erwerbstätige mobilisieren. In Vollzeitäquivalenten könnten dies 200.000 bis 450.000 zusätzliche Arbeitskräfte sein. Das entspräche einer zusätzlichen Wirtschaftsleistung von grob 20 bis 45 Milliarden Euro pro Jahr. Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters von 67 auf 70 Jahre bis Ende der 2030er Jahre könnte sogar 0,6 bis 1,2 Millionen zusätzliche Vollzeitäquivalente schaffen und die Wirtschaftsleistung um 55 bis 115 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen. Eine aktuelle OECD-Studie zur Anhebung des gesetzlichen Rentenalters zeigt, dass höhere Altersgrenzen die Beschäftigung Älterer messbar erhöhen, auch wenn die Effekte je nach Land, Arbeitsmarkt und Ausweichmöglichkeiten unterschiedlich stark ausfallen.
Noch größer wäre der Effekt, wenn eine Rente mit 70 mit der Abschaffung pauschaler Frühverrentungen verbunden würde, vor allem der Rente nach 45 Beitragsjahren, so wie jetzt auch von der Rentenkommission teilweise vorgeschlagen. Denn es reicht nicht, die Regelaltersgrenze zu erhöhen, wenn gleichzeitig viele Möglichkeiten bestehen bleiben, deutlich früher aus dem Arbeitsmarkt auszuscheiden. Frühverrentungen mögen für den Einzelnen attraktiv sein. Die Gesellschaft kommen sie teuer zu stehen. Sie reduzieren Arbeitsleistung, verschärfen den Fachkräftemangel und belasten die Rentenkassen doppelt: durch weniger Beiträge und längere Rentenbezugszeiten. Eine Analyse der Deutschen Bundesbank zu Renteneintritt, Abschlägen und Zuschlägen zeigt, dass die heutigen Abschläge einen früheren Renteneintritt für viele Versicherte finanziell attraktiv machen und damit die Rentenkasse belasten.
Eine Rente mit 70 ohne eine Reform der Frühverrentung wäre deshalb nur eine halbe Reform. Eine Rente mit 70 plus eine klare Begrenzung pauschaler Frühverrentungen wären dagegen ein echter Strukturwandel. Der wirtschaftliche Effekt könnte dann deutlich größer sein. Dies würde finanzielle Spielräume schaffen, um diejenigen besser abzusichern, die wirklich nicht länger arbeiten können: Menschen mit Erwerbsminderung, gesundheitlichen Einschränkungen, niedrigen Einkommen oder körperlich und psychisch belastenden Berufen.
Am stärksten wäre der Effekt jedoch, wenn eine dritte Reform hinzukäme: mehr Freiheit und Autonomie für ältere Beschäftigte. Menschen sollten selbst stärker entscheiden können, ob und wie lange sie über das Renteneintrittsalter hinaus beim Arbeitgeber beschäftigt bleiben wollen. Heute endet Arbeit oft nicht deshalb, weil Menschen nicht mehr können oder wollen, sondern weil Arbeitsverträge, betriebliche Routinen und Vorurteile gegen ältere Beschäftigte ein Weiterarbeiten erschweren. Wer mit 67 weiterarbeiten möchte, sollte nicht auf die Gnade des Arbeitgebers angewiesen sein.
Eine solche Reform würde die Logik umdrehen. Nicht der Austritt aus dem Arbeitsmarkt wäre der Normalfall, sondern die Möglichkeit des Bleibens. Beschäftigte könnten sagen: Ich möchte noch ein Jahr, zwei Jahre oder drei Jahre weiterarbeiten – vielleicht in Teilzeit, mit anderen Aufgaben, mit weniger Führungsverantwortung oder mit mehr Flexibilität. Viele würden dies tun, nicht nur wegen des Geldes, sondern auch wegen Sinn, Anerkennung, sozialer Kontakte und Selbstbestimmung. Der OECD Employment Outlook 2025 zeigt, dass die Beschäftigung Älterer stark von Gesundheit, Qualifikation, Weiterbildung und altersgerechten Arbeitsplätzen abhängt. Genau deshalb braucht es nicht nur ein höheres Rentenalter, sondern auch bessere Bedingungen, damit Menschen länger arbeiten können und wollen.
Das Potenzial ist riesig. Es geht bei der Beschäftigung älterer Menschen nicht nur um mehr Arbeitsstunden. Es geht vor allem um Wissen. Viele ältere Beschäftigte haben Erfahrungen, Kundenkontakte, Prozesswissen und Urteilsvermögen, das jüngere Beschäftigte noch nicht haben können. Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen steckt ein großer Teil des Erfolgs nicht in Maschinen oder Patenten, sondern in den Köpfen erfahrener Beschäftigter. Wenn dieses Wissen abrupt verloren geht, verliert ein Unternehmen mehr als nur Arbeitszeit. Es verliert Kompetenz, Stabilität und Vertrauen.
Eine längere Beschäftigung älterer Menschen würde deshalb auch den Wissenstransfer verbessern. Ziel einer Rente mit 70 sollte nicht sein, Menschen einfach drei Jahre länger dasselbe tun zu lassen. Ziel muss sein, den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand besser zu gestalten: mit Teilzeit, Mentoring, Weiterbildung, altersgerechten Arbeitsplätzen und einem klugen Zusammenspiel von älteren und jüngeren Beschäftigten.
Die ältere Generation kann Wissen weitergeben, jüngere Beschäftigte können neue Technologien und Arbeitsweisen einbringen. Genau daraus entsteht Produktivität.
Natürlich darf eine Rente mit 70 nicht blind und pauschal sein. Nicht alle Menschen können länger arbeiten. Wer körperlich schwer gearbeitet hat, krank oder erwerbsgemindert ist, wer ein geringes Einkommen und eine geringere Lebenserwartung hat, braucht besseren Schutz.
Eine faire Rente mit 70 wäre deshalb auch ein Standortprogramm. Sie würde Unternehmen helfen, Fachkräftelücken zu schließen, Arbeitskosten zu stabilisieren und Investitionen planbarer zu machen. Sie würde den Sozialstaat entlasten und gleichzeitig höhere Beiträge und Steuern vermeiden helfen. Sie würde älteren Menschen mehr Freiheit geben und jüngeren Menschen mehr Fairness. Sie würde Deutschland zeigen: Wir nehmen die Alterung der Gesellschaft ernst und reagieren nicht mit Symbolpolitik, sondern mit einer echten Strukturreform.