Diese Rentenreform ist eine verpasste Chance

Blog Marcel Fratzscher vom 29. Juni 2026

Längere Arbeitszeit und kapitalgedeckte Rente sind an sich keine schlechten Ideen. Doch die Rentenkommission verpasst es, die echten Gerechtigkeitsprobleme anzugehen.

Die Reformvorschläge der Rentenkommission gehen zwar in die richtige Richtung, es fehlen aber Mut und Konsequenz, denn sie ändern auf absehbare Zeit nichts Grundlegendes an den drei größten Problemen unseres Rentensystems: der hohen Altersarmut, der zu starken Belastung junger Generationen und der Schieflage bei der Gerechtigkeit. Die Reformvorschläge könnten bestehende Ungleichheiten sogar noch weiter verschärfen, denn sie treffen nicht die soziale Realität.

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 19. Juni 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Es gibt eine Reihe richtiger Elemente. Dazu gehört, das Renteneintrittsalter zu erhöhen und eine kapitalgedeckte Rente einzuführen. Es ist auch sinnvoll, die Frühverrentung zu begrenzen und einen nicht mehr so starken Anstieg der Rentenzahlungen in der Zukunft zu ermöglichen.

Aber vieles davon soll viel zu langsam umgesetzt werden. So bleiben etwa Frühverrentungen weiterhin möglich – viele Menschen werden davon auch in Zukunft Gebrauch machen. Zusammen mit der sehr langsamen Erhöhung des Renteneintrittsalters wird dies kaum helfen, den Fachkräftemangel in Deutschland zu reduzieren oder die junge Generation spürbar zu entlasten.

Die größte Schwäche der Vorschläge betrifft aber die Verteilung: zwischen Jung und Alt, zwischen Arm und Reich, zwischen Frauen und Männern, zwischen Menschen mit geringen Lebenseinkommen und Menschen mit hohen Vermögen, zwischen normalen Angestellten und Beamten. Viele werden die Vorschläge deshalb nicht nur als unzureichend, sondern auch als ungerecht empfinden. 

Die gesetzliche Rente könnte stärker umverteilen

Hinzu kommt: Eine Reform des Äquivalenzprinzips, also des Prinzips, dass sich die Höhe der Leistungen grundsätzlich nach der Höhe und Dauer der eingezahlten Beiträge richtet, fehlt in den Vorschlägen gänzlich, genauso wie andere konkrete Maßnahmen, um Menschen mit geringen Lebenseinkommen im Alter besser abzusichern. Das ist eine große verpasste Chance. Gerade Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, langen Phasen von Teilzeit, Sorgearbeit oder niedrigen Löhnen brauchen einen besseren Schutz.

Sie verhindert höhere Beiträge

Denn unsere gesetzliche Rente ist heute nicht so gerecht, wie viele glauben. Sie folgt dem Grundsatz: Wer mehr einzahlt, bekommt mehr heraus. Das klingt auf den ersten Blick fair. In der Realität führt es aber zu einer problematischen Umverteilung. Menschen mit niedrigen Einkommen haben eine geringere Lebenserwartung und beziehen deshalb im Durchschnitt viel kürzer Rente als Menschen mit hohen Einkommen. Deshalb bekommen sie für jeden eingezahlten Euro deutlich weniger Rente als Menschen mit hohen Einkommen, wie Studien von Kolleg*innen am DIW Berlin zeigen.

Anstieg des Renteneintrittalters kommt zu langsam

Dazu kommt: Das Äquivalenzprinzip ist ein Überbleibsel eines vergangenen Jahrhunderts. Es passt nicht mehr zu einer Gesellschaft, in der Lebenserwartung, Gesundheit, Arbeitsbelastung, Vermögen und Erwerbschancen so ungleich verteilt sind. Viele andere westliche Länder berücksichtigen solche Unterschiede stärker. Deutschland dagegen tut so, als sei ein eingezahlter Euro für alle gleich viel wert – obwohl Menschen mit niedrigen Einkommen im Durchschnitt deutlich kürzer von ihrer Rente profitieren.

Der Vorschlag zur Erhöhung des Renteneintrittsalters ist eher Symbolpolitik. Der Anstieg soll erst nach 2031 und nur sehr langsam erfolgen. Wer die junge Generation wirklich entlasten will, muss jedoch früher und konsequenter handeln. Das Problem ist nicht, dass die Kommission eine Erhöhung des Renteneintrittsalters vorschlägt. Das Problem ist, dass sie dies zu spät, zu langsam und ohne ausreichenden sozialen Schutz für Menschen mit niedrigen Einkommen, schlechter Gesundheit und belastenden Berufen tut.

Kapitalrente grundsätzlich richtig

Die Einführung eines kapitalgedeckten Elements in der Rente ist grundsätzlich richtig. Deutschland sollte die Chancen des Kapitalmarkts stärker für die Alterssicherung nutzen. Aber auch hier wird die Reform zunächst die Kosten steigern und Beschäftigte sowie Unternehmen zusätzlich belasten. Zugleich könnten sich die Fehler der Riester-Reformen der frühen 2000er-Jahre wiederholen, wenn das Ganze für die Finanzindustrie geöffnet wird. Entscheidend sind niedrige Kosten, Transparenz, eine breite Beteiligung und eine klare öffentliche Kontrolle. 

Altersarmut bleibt ein ungelöstes Problem

Aber selbst dann hat der Vorschlag das Potenzial, Ungleichheiten eher zu verschärfen. Profitieren könnten vor allem private Versicherungen und Menschen mit stabilen, langen Erwerbsbiografien und höheren Einkommen. Menschen mit Zeiten der Arbeitslosigkeit, Krankheit, längeren Phasen von Sorgearbeit oder niedrigen Löhnen werden dagegen deutlich weniger profitieren – wenn überhaupt. Kurzfristig bedeutet die Kapitalrente vor allem einen weiteren Anstieg der Beiträge. Erst langfristig kann sie einen Beitrag zur Stabilisierung leisten – und auch nur dann, wenn sie gut, kostengünstig und solidarisch organisiert wird. Der Wirtschaftsweise Martin Werding hat in seinen Arbeiten zur demografischen Schieflage der Sozialversicherungen zu Recht darauf hingewiesen, dass ohne Reformen die Belastungen für die junge Generation deutlich steigen werden. Aber eine kapitalgedeckte Säule darf nicht zur neuen Quelle sozialer Spaltung werden.

Altersarmut bleibt ein großes Problem

Eine verpasste Chance ist auch, dass Beamte nicht konsequent in die gesetzliche Rentenversicherung integriert werden sollen. Eine solche Integration wäre zwar kein Allheilmittel, aber sie wäre ein wichtiges Signal der Fairness. Die Argumentation der Kommission zeigt ein gewisses politisches Denken und Handeln: Kurzfristig mag ein Beschneiden der Privilegien der Beamten dem Staat sicherlich kaum Geld sparen, langfristig könnte dies aber einen signifikanten Beitrag zur Stabilisierung leisten. Eine breitere Finanzierungsbasis hätte für mehr gesellschaftliche Akzeptanz gesorgt.

Die empfohlenen Reformen werden zudem nichts Grundlegendes an der hohen und wohl weiter steigenden Altersarmut ändern. Nach aktuellen Zahlen von Destatis waren 2025 in Deutschland 19,5 Prozent der Menschen ab 65 Jahren armutsgefährdet; die Quote liegt damit deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Rund 764.000 Menschen im Rentenalter bezogen Ende 2025 Grundsicherung im Alter – ein neuer Höchststand. Hinzu kommt verdeckte Altersarmut: Viele Menschen, die Anspruch auf Unterstützung hätten, beantragen sie aus Scham, Unwissenheit oder wegen bürokratischer Hürden nicht.

Altersarmut ist sehr weiblich

Besonders betroffen sind Frauen. Altersarmut ist in Deutschland weiterhin stark weiblich. Frauen haben häufiger unterbrochene Erwerbsbiografien, arbeiten häufiger in Teilzeit, übernehmen mehr Sorgearbeit und haben geringere Rentenansprüche. Eine DIW-Studie zeigt, dass die Rentenansprüche von Frauen mit steigender Kinderzahl deutlich hinter denen von Männern zurückbleiben. Eine der wirksamsten Rentenreformen wäre deshalb, Frauen mehr vollzeitnahe Erwerbsarbeit zu ermöglichen: durch bessere Kinderbetreuung, mehr Ganztagsangebote, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und den Abbau von Fehlanreizen im Steuer- und Transfersystem.

Auch Alleinerziehende, Menschen mit Erwerbsminderung, Menschen in körperlich oder psychisch belastenden Berufen, Langzeitarbeitslose und Menschen mit Migrationsgeschichte könnten durch die Vorschläge benachteiligt werden. Sie alle haben häufig niedrigere Lebenseinkommen, weniger Vermögen, geringere private Vorsorge und weniger Möglichkeiten, einfach länger zu arbeiten. Sie brauchen eine bessere Absicherung!

Jetzt nachbessern!

Nun muss die Politik Entscheidungen treffen. Sie sollte die Vorschläge nachbessern: Die Grundrente muss gestärkt und armutsfester gemacht werden. Große Einkommen und Vermögen im Alter müssen stärker berücksichtigt werden. Menschen mit Erwerbsminderung und in belastenden Berufen brauchen einen besseren Schutz. Und die Finanzierung der Rente sollte auf nachhaltigere und gerechtere Füße gestellt werden.

Die richtige Einordnung lautet: Längeres Arbeiten und Kapitaldeckung können Teil einer sozial gerechten Rentenreform sein. Ich habe bereits argumentiert, dass eine längere Lebensarbeitszeit sogar die sozialste Rentenreform sein kann, wenn sie Spielräume schafft, um Altersarmut wirksamer zu bekämpfen.

Aber längeres Arbeiten und Kapitaldeckung sind nur dann sozial, wenn sie mit drei Dingen verbunden werden: einer armutsfesteren Grundrente, einem besseren Schutz für Erwerbsgeminderte und Menschen in belastenden Berufen sowie einer stärkeren Finanzierung über hohe Einkommen und Vermögen, vor allem der Boomer-Generation. Ohne diese Ergänzungen droht die Reform nicht weniger, sondern mehr Ungleichheit im Alter zu schaffen.

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