Pressemitteilung vom 28. Oktober 2026
Tatsächliche Einkommen stiegen 2002 bis 2022 stärker als die zum Zurechtkommen benötigten Einkommen – Anteil der Befragten mit subjektiver Einkommenslücke sinkt auf rund 20 Prozent – Arbeitslose Sozialleistungsbeziehende bleiben aber unverändert häufig betroffen
Die Einkommen in Deutschland sind zwischen 2002 und 2022 nominal um 67 Prozent gestiegen. Das Einkommen, das Menschen nach eigener Einschätzung mindestens zum Zurechtkommen benötigen, legte hingegen deutlich weniger um 39 Prozent zu. Für immer weniger Menschen klaffte damit eine Lücke zwischen tatsächlichem und als notwendig empfundenem Einkommen. Unter arbeitslosen Sozialleistungsbeziehenden waren über den ganzen Zeitraum jedoch fast drei Viertel betroffen. Das sind die zentralen Ergebnisse einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) basierend auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP).
„Die Einkommenssituation hat sich nach Einschätzung vieler Menschen verbessert. Besonders positiv ist die Entwicklung bei Geringverdienenden“, resümiert Sabine Zinn, SOEP-Direktorin und Studienautorin.
Mehr als 22.000 SOEP-Teilnehmende haben seit 2002 im Abstand von fünf Jahren auf die Fragen geantwortet: Wie hoch ist ihr monatliches Haushaltseinkommen und wie viel Geld braucht ihr Haushalt unbedingt, um zurechtzukommen? Die Analyse reicht bis 2022 und bildet die Auswirkungen der anschließenden starken Preissteigerungen noch nicht ab.
Das tatsächliche Nettoäquivalenzeinkommen stieg nominal von rund 1.470 Euro im Jahr 2002 auf 2.460 Euro im Jahr 2022. Das subjektiv notwendige Einkommen erhöhte sich im selben Zeitraum von rund 1.190 auf 1.660 Euro. Der Anteil der Menschen mit Einkommenslücke sank in diesem Zeitraum von 28,3 Prozent auf 19,8 Prozent. Nach diesem subjektiven Maß nahm also die Einkommensarmut in Deutschland ab. Die klassische relative Armutsmessung weist dagegen langfristig einen Anstieg aus: Der Anteil armutsgefährdeter Personen hat laut SOEP-Daten von elf Prozent im Jahr 2002 auf 17 Prozent im Jahr 2019 zugenommen und stagniert seitdem.
„Relative und subjektive Einkommensarmut haben sich teilweise auseinanderentwickelt“, erläutert Studienautor Jürgen Schupp. „Einkommensarme Menschen haben gegenüber der Mitte der Gesellschaft nicht aufgeholt. Gleichzeitig reicht das Einkommen für mehr Menschen aus, um zumindest das Einkommensniveau zu erreichen, das sie selbst für notwendig halten.“
Unter arbeitslosen Sozialleistungsbeziehenden verfügten 2022 rund 74 Prozent über weniger Einkommen, als sie selbst für notwendig hielten. Dieser Anteil blieb im Beobachtungszeitraum nahezu unverändert hoch. Unter Erwerbstätigen im untersten Einkommensviertel sank er hingegen durch die Einführung des Mindestlohns 2015 deutlich und lag 2022 bei rund 48 Prozent.
Die Ergebnisse sind für die Debatte über die Grundsicherung relevant, deren Regelsätze derzeit neu berechnet werden. Subjektive Einschätzungen können die statistischen Grundlagen der Bedarfsmessung ergänzen und helfen, die Lebenswirklichkeit der Betroffenen besser einzubeziehen. „Eine ausreichende Grundsicherung ist nicht nur für die unmittelbar Betroffenen wichtig“, sagt Studienautorin Sabine Zinn „Ein regelmäßig an die tatsächlichen Lebensbedingungen angepasstes Existenzminimum kann auch dazu beitragen, soziale und gesundheitliche Folgekosten zu begrenzen.“
Themen: Ungleichheit , Verteilung