Die gefährliche Abhängigkeit vom Öl

Blog Marcel Fratzscher vom 20. September 2019

Ein Klimapaket reicht nicht aus, um Deutschland stärker von fossilen Brennstoffen zu lösen. Weltweite Konflikte können der hiesigen Wirtschaft erheblich schaden.

Der Angriff auf die saudi-arabischen Ölfelder sorgt für Unruhe und schürt Ängste. Nicht nur die Sorge vor einer weiteren Eskalation im Nahen Osten treibt die Menschen um, sondern auch die Frage nach Konsequenzen für Deutschland: Werden wir durch höhere Benzin- und Konsumentenpreise zur Kasse gebeten? Und könnte ein Anstieg der Ölpreise die ohnehin gerade fragile Weltwirtschaft in eine Rezession treiben? Allein der Konflikt zwischen dem Iran und Saudi-Arabien führt uns einmal mehr vor Augen, wie abhängig Deutschland nicht nur von der Weltwirtschaft, sondern auch von fossilen Brennstoffen bleibt. Dieses Problem wird voraussichtlich auch das Klimapaket nicht ändern. Denn es geht nach bisherigem Stand trotz guter Ansätze nicht weit genug, um diese Abhängigkeit zu reduzieren und Deutschlands Energiepolitik mehr Autonomie zu verleihen.

Kolumne

Dieser Beitrag ist am 20. September in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Der Angriff auf Saudi-Arabien löst zu Recht große Befürchtungen aus. Immerhin ist das Land der weltweit größte Exporteur von Erdöl. 20 Prozent aller weltweiten Reserven liegen dort. Selbst der durch die Angriffe bewirkte "kleine" Rückgang von fünf Prozent der weltweiten Produktion hat bereits spürbare Auswirkungen auf die Ölpreise und die Weltwirtschaft. Ein Unternehmen mag eine Verzögerung seiner Investitionen in Maschinen oder Software für einige Monate verkraften können. Aber auf die stetige Zulieferung von Energie kann es nicht verzichten.

Die Ölpreise stiegen als Reaktion auf die Angriffe zunächst kurzfristig um 15 Prozent. Dies ist erst einmal kein Grund zur Panik, da Ölpreise häufig recht stark schwanken und die meisten Unternehmen sich über Kontrakte gegen solch kurzfristige Ausschläge abgesichert haben. Auch die deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher sollten davon erst einmal wenig zu spüren bekommen. Der Benzinpreis besteht zum größten Teil aus Steuern und auch die Heizölpreise dürften kaum ausschlagen.

Die größere Sorge ist vielmehr, dass dieser Angriff der Beginn einer militärischen und politischen Eskalation im Nahen Osten ist, der die Weltwirtschaft in eine Rezession treiben würde. Bereits jetzt schwächeln die Weltwirtschaft und vor allem die deutsche Wirtschaft und sie sind darüber hinaus einer Vielzahl von nicht zu unterschätzenden Risiken ausgesetzt: Die von Donald Trump initiierten Handelskonflikte haben in den letzten beiden Jahren das Vertrauen vieler Unternehmen zerstört und zu einem Einbruch des Welthandels um fast zehn Prozent geführt. China wehrt sich, auch indem es nun einen Währungskonflikt vom Zaun gebrochen hat, was zu einer deutlichen Aufwertung des Euro und damit weniger Exporten aus Europa führen könnte. Zudem droht ein harter Brexit, der nicht nur die britische, sondern auch die deutsche Wirtschaft noch härter als bisher treffen könnte. Italien bleibt ein unsicherer Kantonist und ein erneutes Aufflammen der Eurokrise ist bei einem nach wie vor schwachen Bankensektor nicht unwahrscheinlich. Hinzu kommt die steigende Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA.

Exportorientierung wird zum Bumerang

Ein perfekter Sturm könnte über die Weltwirtschaft hinwegfegen, wenn eine Reihe dieser Risiken gleichzeitig Realität wird. Ein Anstieg der Energiepreise könnte der sprichwörtlich letzte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt und die Weltwirtschaft in eine Abwärtsspirale zwingt. Deutschland ist davon durch seine enorm hohe Abhängigkeit von Exporten viel stärker betroffen als die meisten anderen Länder. Diese Exportorientierung, die es der deutschen Wirtschaft in guten Zeiten ermöglicht, vom stärkeren Wachstum in China und anderen Schwellenländern überproportional zu profitieren, entwickelt sich nun zum Bumerang und zu einem Risiko in schlechten Zeiten.

Deutschland kann und muss sich in Zukunft stärker vor solchen Risiken schützen. Dazu gehört vor allem auch, die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten zu reduzieren. Zwar importiert Deutschland nicht mal zwei Prozent seines Öls aus Saudi-Arabien, ist aber dafür umso mehr von Russland abhängig, also von einem ebenso politisch unsicheren Land, aus dem rund ein Drittel der Ölimporte stammt.

Ein Klimapaket der Bundesregierung hätte eine gute Gelegenheit sein können, diese offene Flanke zu schließen. Trotz – nach bisherigem Stand – vieler sinnvoller Ansätze und dem Willen, die Klimaziele bis 2030 endlich zu erreichen, wird dieses Paket wohl die Abhängigkeit von fossilen Energiequellen und Importen aus Ländern wie Russland auf absehbare Zeit nicht ausreichend reduzieren.

Gerade dies wäre aber wichtig und notwendig gewesen, um die wirtschaftliche Stabilität Deutschlands und Europas zu verbessern und nicht zum Spielball der globalen Mächte zu werden. Schade, dass die Politik bisher nicht mehr Mut bewiesen hat, um die Energiewende und den Umstieg auf erneuerbare Energien noch entschiedener voranzutreiben – und sich damit von der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen stärker zu lösen.