Der Westen hat vom Osten gelernt

Blog Marcel Fratzscher vom 5. Oktober 2020

Die Wiedervereinigung war nie nur eine einseitige Integration. Auch die Menschen im Westen haben profitiert und sich angepasst – zum Beispiel beim Thema Familie.

30 Jahre nach der Wiedervereinigung fragen sich viele, wie die vergangenen drei Jahrzehnte Ostdeutschland und die Ostdeutschen verändert haben. Sie haben den Menschen in Ostdeutschland Freiheit gebracht und auch ihr Leben in vielerlei Hinsicht gewandelt. Dabei haben sie wirtschaftlich, sozial und politisch vom Westen profitieren können. Zu häufig wird jedoch vergessen, dass die Menschen in Westdeutschland genauso von ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern im Osten gelernt und dadurch auch grundlegende Veränderungen erfahren haben.

Dieser Beitrag ist am 1. Oktober 2020 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Die Wiedervereinigung war nie nur eine einseitige Integration und Anpassung von Ostdeutschland an Westdeutschland. Durch das Zusammenwachsen beider Teile Deutschlands ist eine neue, eine andere Gesellschaft entstanden. Genauso wie die Migration von Menschen aus dem Ausland über Jahrzehnte hinweg unsere Gesellschaft verändert hat, so hat sich die deutsche Gesellschaft durch die Wiedervereinigung gewandelt, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in Bezug auf Normen und Werte.

Zwei völlig unterschiedliche Familienmodelle

Ein Beispiel ist das Bild der Familie in Ost und West. So hat das sogenannte Alleinernährermodell die Gesellschaft Westdeutschlands in den Jahrzehnten vor der Wiedervereinigung geprägt, bei dem die Väter gearbeitet haben und die Mütter für Kinder und Haushalt verantwortlich waren. Für viele Mütter war es logistisch fast unmöglich zu arbeiten, da nur für wenige Berufe Arbeit in Teilzeit angeboten wurde. Zudem gab es fast keine Ganztagsbetreuung in Kitas und Schulen, sodass die Mehrheit der Frauen mit der Geburt des ersten Kindes praktisch für immer aus dem Arbeitsmarkt verdrängt wurde. Das vielleicht heute für viele schockierendste Merkmal dieser Zeit des extremen Patriarchats war das Recht der Ehemänner, den Job ihrer Frau kündigen zu können. Noch bis in die 1970er Jahre durften Frauen nur einem Beruf nachgehen, wenn dies "mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar" war. Haushalt und Kinder waren ganz klar Frauensache. Wie dies mit dem Grundsatz der Gleichstellung von Mann und Frau im Grundgesetz jemals vereinbar gewesen sein soll, bleibt wohl jedem Nichtjuristen bis heute unverständlich.

Mit der Wiedervereinigung trafen zwei völlig unterschiedliche Modelle aufeinander, denn im Gegensatz zu Westdeutschland waren die Familien im Osten viel partnerschaftlicher ausgerichtet. Die große Mehrheit der Frauen war berufstätig und eine gute Infrastruktur für die Kinderbetreuung hatte hohe Priorität. Diese beiden Familienmodelle haben sich über die vergangenen drei Jahrzehnte angenähert. Interessant zu beobachten war, dass sich das westdeutsche Familienmodell viel stärker dem ostdeutschen angepasst hat als umgekehrt – wie eine neue Studie des DIW Berlin zeigt. So waren Anfang der 1990er Jahre mehr als 70 Prozent der ostdeutschen Mütter mit dem jüngsten Kind unter elf Jahren berufstätig. Im Vergleich dazu betrug die Zahl im Westen weniger als 50 Prozent. Auch bei Frauen ohne kleine Kinder hat die Erwerbstätigkeit im Westen stark zugenommen und sich der im Osten angenähert.

Nun kann man über Werte und Normen intensiv streiten, und ob ein Alleinernährer- oder Zweiernährermodell bevorzugt wird, muss jeder für sich selbst entscheiden. Eines hat sich aber in den vergangenen drei Jahrzehnten für Mütter vor allem in Westdeutschland deutlich verbessert: Sie haben mehr Freiheit, die für sie bevorzugte Option zu wählen. Möglichkeiten für Beschäftigungen in Teilzeit und Angebote für Kinderbetreuung wurden deutlich erhöht und flexibler gestaltet. Allerdings arbeiten sowohl im Osten als auch im Westen immer mehr Frauen in Teilzeit. Für viele ist dies die bevorzugte Option. Trotzdem bleibt diese Freiheit für viele Mütter nach wie vor beschränkt. Viele von ihnen möchten mehr Stunden arbeiten, wegen fehlender Qualität oder Angebot von Ganztagsplätzen bei Kita und Schulen können sie dies jedoch nicht.

Mehr Wahlfreiheit für Mütter

Auch Kinder haben durch das größere Angebot vor allem bei der frühkindlichen Bildung klar profitiert. Denn deutlich mehr Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren nehmen in Westdeutschland ein Kitaangebot in Anspruch. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass viele Kinder in ihrer Entwicklung von einem solchen Kitabesuch profitieren und dadurch bessere Chancen in ihrer Schulbildung erhalten.

© DIW Berlin

Dabei hinkt bei den Wertvorstellungen die Einstellung von Männern zur Erwerbstätigkeit von Müttern deutlich hinterher, vor allem in Westdeutschland. Zwar befürworten mittlerweile mehr als 60 Prozent der westdeutschen Männer eine Erwerbstätigkeit von Müttern, dies ist jedoch deutlich weniger als die knapp 80 Prozent der Männer in Ostdeutschland. Und vor allem gibt es nach wie vor eine signifikante Lücke zwischen Männern und Frauen in Westdeutschland, was die Akzeptanz der Erwerbstätigkeit von Müttern betrifft. Es gibt also noch einen weiten Weg zur Angleichung zwischen West und Ost und zwischen Männern und Frauen.

Eine zweite Studie des DIW Berlin zeigt, dass die Anpassung von Normen und Werten in Westdeutschland auch kausal durch die Wiedervereinigung mitbestimmt wurde. So haben sich Einstellungen zu Gleichstellung und Erwerbstätigkeit von Müttern vor allem in solchen westdeutschen Regionen schneller denen im Osten angepasst, die nach der Wiedervereinigung einen besonders hohen Zuzug von Menschen aus Ostdeutschland hatten. Dies deutet an, dass der gesellschaftliche Dialog mit ihren neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern zu einem Umdenken vieler Menschen in Westdeutschland beigetragen hat.

Die Wiedervereinigung hat nicht nur den Menschen in Ostdeutschland, sondern auch vielen in Westdeutschland neue Freiheiten eröffnet, die sie vorher nicht hatten. Dies betrifft vor allem Frauen und Mütter in Westdeutschland und deren Kinder, die durch einen Wertewandel und eine höhere Toleranz für unterschiedliche und individuellere Familienmodelle neue Freiheiten gewonnen haben. Der Weg hin zu einer wirklichen Gleichstellung, zu Chancengleichheit und einer vollen Toleranz unterschiedlicher Familienmodelle ist aber noch weit. Die Wiedervereinigung und das Zusammenwachsen beider Teile Deutschlands hat diesen Prozess jedoch beschleunigt, bei dem vor allem der Westen vom Osten lernen und profitieren konnte.