Neue Hinweise auf Scheinpräsenz der Finanzindustrie in Offshore-Zentren

Pressemitteilung vom 21. Oktober 2020

Innovativer Forschungsansatz liefert mithilfe von Sturm- und Satellitendaten neue Erkenntnisse zu Offshore-Finanzplätzen – Dienstleistungen werden höchstwahrscheinlich größtenteils nicht lokal auf Offshore-Finanzplätzen erbracht – Regulierung internationaler Finanzdienstleistungen sollte sich auf Aktivitäten an deren tatsächlichem Erbringungsort konzentrieren

Unternehmen, Investoren und Privatpersonen nutzen Schattenfinanzplätze wie die Bahamas, Aruba oder Barbados vor allem, um Steuern zu vermeiden. Die Finanzindustrie ermöglicht dieses Verhalten durch entsprechende Dienstleistungen und profitiert dabei ebenso vom niedrigen Maß an Regulierung an diesen Orten. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) kommt nun zu dem Schluss, dass Offshore-Finanzdienstleistungen gar nicht auf den Schattenfinanzplätzen selbst, sondern außerhalb erbracht werden. Somit ist die Finanzindustrie dort nur scheinbar präsent.

„Wenn Finanzdienstleistungen tatsächlich nur auf dem Papier offshore stattfinden, aber in Wirklichkeit in den globalen Finanzzentren London, New York, Tokio oder Frankfurt ausgeführt werden, laufen internationale Regulierungsbemühungen Gefahr einen unnötigen Umweg zu nehmen“, sagt Studienautor Jakob Miethe. Daher profitiert die Finanzindustrie möglicherweise nicht nur von den Vorteilen in den Offshore-Zentren, sondern auch davon, dass die Regierungen reicher Länder darauf verzichten, auf Handlungen in ihren Hoheitsgebieten zu reagieren.

© DIW Berlin

Hurrikane beeinträchtigen Offshore-Finanzplätze, aber nicht deren Finanzaktivitäten

Um den tatsächlichen Erbringungsort von Finanzdienstleistungen zu identifizieren, untersucht die Studie, wie sich Unwetterereignisse auf Offshore-Finanzplätze und die dortigen Finanzaktivitäten ausgewirkt haben. Schwere Wirbelstürme, wie die Karibik-Hurrikane Irma und Maria im Jahr 2017, beeinträchtigen das alltägliche Leben auf den betroffenen Inseln stark, etwa durch Überschwemmungen, Stromausfälle oder Evakuierungen. Ein Indikator für das durch den Sturm verursachte Ausmaß der Verwerfungen ist der Rückgang der Nachtlichtintensität, der sich durch Satellitenbilder der NASA nachvollziehen lässt. Für die in der DIW-Studie betrachteten 56 Inseln und Inselgruppen im Atlantischen, Pazifischen und Indischen Ozean, von denen 27 als Offshore-Finanzplätze gelten, fällt im Anschluss an ein extremes Sturmereignis die nächtliche Beleuchtung in den betroffenen Regionen statistisch signifikant geringer aus. Dieser Rückgang beträgt in den neun Monaten nach dem Sturm rund 20 Prozent. Dies gilt sowohl für Inseln, die als Offshore-Finanzplätze bekannt sind, als auch für Inseln, die nicht als solche gelten.

„Der Ort des Geschehens ist von zentraler Bedeutung für die Regulierung und Verfolgung von Finanzaktivitäten.“ Jakob Miethe

Ein anderes Bild ergibt sich bei den Finanzaktivitäten. Während in der Gruppe der nicht als Schattenfinanzplätze geltenden Inseln die Finanzaktivitäten nach schweren Unwettern deutlich zurückgehen, ist dies bei Offshore-Finanzplätzen nicht der Fall, wie in der Studie ausgewertete Daten der Internationalen Bank für Zahlungsausgleich (BIZ) belegen. „Wenn Unwetter einen nachweisbaren Effekt auf lokale Gegebenheiten haben, ist es unwahrscheinlich, dass der lokale Finanzsektor dadurch überhaupt keine Beeinträchtigung erfährt,“ so Miethe „Dies lässt sich dadurch erklären, dass diese Dienstleistungen in Wirklichkeit nicht auf den betroffenen Inseln erbracht werden und es sich um Scheinpräsenzen handelt.“

Regulierung sollte am Ort des Geschehens ansetzen

Wenn die Finanzindustrie nicht auf den Inseln agiert, unterläuft dies auch den bisher verfolgten Regulierungsansatz, potentielle Straftaten mithilfe lokaler Behörden aufzuklären. „Der Ort des Geschehens ist von zentraler Bedeutung für die Regulierung und Verfolgung von Finanzaktivitäten“, so Miethe. Bisher wurde vor allem daran gearbeitet, Informationsabfragen auf Schattenfinanzplätzen zu erleichtern. Laut Miethe ergibt dies aber nur Sinn, wenn die betreffenden Dienstleistungen auch tatsächlich vor Ort erbracht werden: „Hier nimmt die Regulierung von Offshore-Finanzdienstleistungen Umwege.“

Eine Alternative sind Regulierungsansätze, die direkt auf Finanzinstitutionen abzielen. So könnten auch Deutschland oder die EU ähnlich wie die USA nicht kooperationsbereiten Finanzdienstleistern mit einem Ausschluss von ihrem Kapitalmarkt drohen. Durch direkten Druck gelang es den USA, 84 Schweizer Banken zu einer Herausgabe vorher verdeckter Positionen amerikanischer Staatsangehöriger zu bewegen.

Links

  • Studie im DIW Wochenbericht 43/2020
  • Studie im DIW Weekly Report 43+44+45/2020 (in englischer Sprache)
  • Infografik in hoher Auflösung (JPG, 0.73 MB)
  • Interview mit Jakob Miethe
  • O-Ton von Jakob Miethe
    Die Regulierung von Offshore-Finanzdienstleistungen geht schwierige Umwege - Interview mit Jakob Miethe
Bastian Tittor

Kommunikationsmanager Wissenschaftsplattform Sustainable Finance in der Abteilung Kommunikation