Solidarität schlägt Sozialdarwinismus

Blog Marcel Fratzscher vom 8. Januar 2021

Altruismus und Kooperation nehmen in großen Krisen zu – so auch in der Corona-Pandemie. Jetzt ist wichtig, das gemeinsame Gefühl der Verbundenheit nicht zu verspielen.

Die Verlängerung des harten Lockdowns und die zusätzlichen Beschränkungen von Bewegungsfreiheit und anderen Grundrechten stellen Deutschland vor eine Zerreißprobe. Wie wird die deutsche Gesellschaft diese schwierigste Phase der Pandemie, die vielleicht größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg, überstehen? Wird sie die Gesellschaft spalten und weitere Konflikte auslösen, oder werden Solidarität und Gemeinschaftssinn sich durchsetzen?

Dieser Beitrag ist am 7. Januar 2021 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.

Deutschland hat in gesundheitlicher und ökonomischer Hinsicht diese Pandemie bisher besser gemeistert als viele vergleichbare Länder. Dies verdanken wir nicht nur starken staatlichen Institutionen, sondern vor allem dem hohen Maß an Solidarität. Selbst die wirtschaftlich am stärksten betroffenen Menschen, wie Soloselbstständige, junge Familien oder Kurzarbeiter, haben bisher meist die Beschränkungen akzeptiert – trotz enormer finanzieller Belastungen und Einschränkungen. Wir sehen aber gerade jetzt bei der strittigen Debatte um die Verschärfung der Maßnahmen, wie fragil diese Solidarität ist.

Dieses gestärkte Bewusstsein der Gemeinschaft, dieses Wir-Gefühl, ist ein wichtiges Resultat der Krise. Die Zivilgesellschaft hat durch die Pandemie an Bedeutung gewonnen. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Identifikation mit gemeinsamen Werten und Zielen hat gerade in der Krise zu einer starken Zunahme an Solidarität geführt. Der Soziologe Heinz Bude erklärt dies damit, dass das von allen geteilte Gefühl der Verwundbarkeit die Empathie und Solidarität stärkt.

Solidarische Gesellschaften kommen besser durch Krisen

Unsere Gesellschaft täte gut daran, sich dieser Stärke bewusst zu sein, denn eine zweite Erkenntnis ist, dass Gesellschaften, die einen hohen Wert auf Gemeinschaft und den Schutz ihrer schwächsten Mitglieder legen – neben Deutschland zum Beispiel auch Südkorea –, bisher erfolgreicher durch die Pandemie gekommen sind als andere. Wissenschaftliche Studien, so zum Beispiel des Disaster Research Center an der University of Delaware, die unter anderem die gesellschaftlichen Folgen von mehr als 700 Naturkatastrophen und anderen Krisen auswerten, zeigen, dass vor allem Gesellschaften, die einen hohen Wert auf Gemeinschaft, Zusammenhalt und Kooperation legen, solche Krisen deutlich besser meistern als Gesellschaften, die eher individualistisch agieren.

Solidarität schlägt Sozialdarwinismus

Häufig heißt es, Krisen würden das wahre Wesen der Menschen und ihrer Gesellschaft hervorbringen. Viele befürchten, dass sie zu mehr Egoismus und Individualismus und weniger Gemeinschaft, Solidarität und Kooperation führen. Die Studien zeigen jedoch, dass in den meisten Krisen Altruismus und Kooperation deutlich zunehmen und gleichzeitig entscheidend für deren erfolgreiche Bewältigung sind. Diese Studien werden häufig als Beleg dafür herangezogen, dass sich der Sozialdarwinismus – der Erfolg des Stärkeren – in Krisen nicht unbedingt bewährt, sondern viel eher die starke Gemeinschaft auf Grundlage von Solidarität – im Sinne des russischen Naturforschers Pjotr Kropotkin.

Die Kernthese von Kropotkin ist, dass politische Ideologien zwar großen Einfluss auf gesellschaftliche Werte ausüben, dass sich in Krisenzeiten jedoch der menschliche Impuls und dessen Bedürfnis nach Solidarität durchsetzt. Außer in Extrembedingungen würde keine Gesellschaft jemals einen Teil ihrer Mitglieder opfern. Deshalb konnte in dieser Pandemie eine Strategie der Herdenimmunität durch gegenseitiges, unkontrolliertes Infizieren letztlich nirgends den Rückhalt irgendeiner Gesellschaft erhalten. Kaum jemand war bereit, ältere und vorerkrankte Menschen zu opfern, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen.

Solidarität lässt sich nicht erzwingen

Kropotkins These besagt, dass nicht eine Gesellschaft von Individualisten, sondern eine Gemeinschaft, die viel Wert auf Solidarität und Zusammenhalt legt, letztlich bessere Chancen hat, Krisen erfolgreich zu bewältigen. Gleichzeitig widerlegt dies auch die These, dass autokratische Regime wie in China solche Krisen zwingendermaßen besser bewältigen können, weil sie mehr Macht über die Bevölkerung ausüben können. Ein Staat wird seinen Bürgerinnen und Bürgern nur bedingt und zeitlich begrenzt drastische Maßnahmen aufzwingen können, welche die Mehrheit nicht unterstützen. Zwar mögen Angst und die Androhung von Strafen das von der Politik erwünschte Verhalten für eine Zeit lang erzwingen. Aber wahrscheinlicher ist es, dass sich Bürgerinnen und Bürger früher oder später gegen rigide Maßnahmen, die sie als nicht legitim wahrnehmen, zur Wehr setzen und damit auch anfänglich vermeintliche Erfolge bei der Bekämpfung der Pandemie gefährden.

Wird die Solidarität anhalten?

Auch Deutschland hat diesen Zusammenhalt mehrfach erlebt, sei es durch die Unterstützung der USA und europäischer Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg, oder die beeindruckende Solidarität innerhalb Deutschlands nach dem Fall der Mauer im November 1989 oder während der Flüchtlingskrise ab August 2015. In allen Fällen gab es in weiten Teilen der Gesellschaft mehr Kooperation und einen stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt, eine höhere Bereitschaft der finanziell Starken, auch den Schwächeren zu helfen und gemeinsame Lösungen zu finden. Allerdings zeigen beide Beispiele auch, dass die anfängliche Solidarität später zu einer sozialen Polarisierung führen kann, wenn diese Prozesse nicht breit und inklusiv gestaltet werden.

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