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Die Pflegeversicherung als Umverteilung von unten nach oben

Blog Marcel Fratzscher vom 21. Februar 2022

Unsere Sozialsysteme zeigen nicht immer die gewünschte Wirkung: Bisweilen verteilen sie von unten nach oben, von arm zu reich, von Benachteiligten zu Privilegierten. Unsere Sozialsysteme scheren zu häufig alle Menschen über einen Kamm und ignorieren wichtige Unterschiede. Eine Studie des DIW Berlin zeigt nun: Dies gilt auch für die gesetzliche Pflegeversicherung

Denn Menschen mit geringen Einkommen und einer höheren Arbeitsbelastung werden nicht nur deutlich häufiger, sondern auch deutlich früher pflegebedürftig als Menschen mit höheren Einkommen und einer geringeren körperlichen und psychischen Arbeitsbelastung.

Dabei hatten meine Kolleginnen und Kollegen am DIW Berlin schon in einer früheren Studie gezeigt, dass Menschen mit geringen Arbeitseinkommen eine bis zu sechs Jahre geringere Lebenserwartung als Beamtinnen und Beamte sowie andere Menschen mit höheren Einkommen haben. Somit verteilt auch die gesetzliche Rentenversicherung von unten nach oben, von Arm zu Reich. Denn jeder eingezahlte Euro erwirbt in der gesetzlichen Rentenversicherung den gleichen Anspruch an monatlichen Rentenzahlungen, unabhängig von der Höhe des Stundenlohns und des Monatseinkommens. Wenn also Menschen mit geringen Einkommen über einen kürzeren Zeitraum Rente beziehen, finanzieren sie implizit die Renten der Besserverdienenden mit, die eine längere Lebenserwartung haben.

Dieser Beitrag erschien erstmals am 19. Februar 2022 bei Zeit Online in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Die aktuelle Studie zur Pflegeversicherung zeigt nun, dass dieses Problem auch für die Pflege besteht. Für Menschen mit geringen Einkommen ist es nicht nur deutlich wahrscheinlicher, pflegebedürftig zu werden. Sie sind im Durchschnitt auch sechs Jahre früher auf Pflege angewiesen als Beamtinnen und Besserverdienende. Betroffen sind aber viele. 2,6 Millionen Menschen in Deutschland über 65 Jahre – das sind 14 Prozent dieser Altersgruppe – benötigen ambulante Pflegeleistungen. Und Pflegebedürftige, die bereits stationär in Heimen untergebracht sind, werden hier gar nicht berücksichtigt. 

Auch körperliche und psychische Belastungen sind Gründe

Zudem werden vor allem Menschen in solchen Berufsgruppen deutlich häufiger pflegebedürftig, die einer hohen körperlichen und psychischen Arbeitsbelastung ausgesetzt sind. Betroffen sind also nicht nur Ältere, die schon im Ruhestand sind, sondern auch eine erhebliche Zahl von Menschen, die noch nicht im Rentenalter sind, aber wegen der vielen Belastungen erwerbsunfähig werden.

Kosten an der Beteiligung sind so höher

Hinzu kommt, dass sich Bedürftige auch in der gesetzlichen Pflegeversicherung zum Teil mit einem erheblichen Eigenbeitrag an den Kosten beteiligen müssen. Im Schnitt beträgt die private Zuzahlung für einen Platz im Pflegeheim 2100 Euro im Monat.

Menschen mit geringen Einkommen und hoher Arbeitsbelastung werden somit doppelt benachteiligt: Sie werden häufiger und früher pflegebedürftig und müssen absolut sowie relativ zu ihrem Einkommen mehr Geld aufbringen, um sich an den Pflegekosten zu beteiligen.

Nun mögen Kritiker anmerken, dass die Pflegebedürftigkeit auch vom eigenen Lebensstil abhängt und Menschen mit geringen Einkommen möglicherweise häufiger rauchen oder Alkohol konsumieren. So zu argumentieren, ist jedoch zynisch. Die starke Beziehung zwischen Arbeitsbelastung und Pflegebedürftigkeit zeigt sehr wohl, dass ein erheblicher Teil der Pflegebedürftigkeit nicht auf eigenes Verschulden oder ungesunden Lebensstil zurückzuführen ist, sondern auf die Arbeit, die diese Menschen für unsere Gesellschaft leisten.

Reform der Pflegeversicherung ist überfällig

Die neue Bundesregierung muss daher dringend die Pflegeversicherung reformieren. Dazu sind verschiedene Elemente erforderlich. Als erstes muss die Prävention verbessert werden. Wer einen körperlich anstrengenden oder psychisch belastenden Job hat, muss entlastet werden, um seine Gesundheit schützen zu können. Dies ist leichter gesagt als getan und wird auch nur langfristig eine Wirkung entfalten können, um die Ungleichheit im Pflegesystem zu reduzieren.

Zweitens brauchen wir eine Bürgerversicherung, die eine Verbindung zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung herstellt. Hierdurch könnte der Eigenbeitrag vieler Pflegebedürftiger mit geringen Einkommen reduziert und auf mehr Schultern verteilt werden. Auch eine bessere Qualitätssicherung und Standards für Menschen in der gesetzlichen Versicherung und mit geringen finanziellen Mitteln sind unabdingbar für eine solche Reform.

Auch pflegende Angehörige müssen besser unterstützt werden

Drittens sollte eine Reform der Pflegeversicherung auch die mehr als zwei Millionen Menschen besser unterstützen, die als pflegende Angehörige informell den größten Teil der Pflege in Deutschland leisten. Die Mehrheit von ihnen sind Frauen. Sie sind dadurch selbst belastet und können häufig weniger oder gar nicht einer bezahlten Erwerbstätigkeit nachgehen, verzichten also auf Einkommen. Auch dies betrifft Familien mit geringen Einkommen besonders stark. Es ist also höchste Zeit, dass die neue Bundesregierung Reformen der Pflegeversicherung auf den Weg bringt, die deutlich über die der vorangegangenen hinausgehen.

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