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Wir stehen vor einem Jahrzehnt erhöhter Inflation – und das ist gar nicht so schlecht

Blog Marcel Fratzscher vom 20. Juni 2022

Wir sollten uns mittelfristig auf Preissteigerungen von bis zu vier Prozent einstellen. Die gute Nachricht: Bei der notwendigen Transformation könnte das sogar helfen.

Mit aktuell mehr als acht Prozent ist die hohe Inflation nicht nur in der Euro-Zone zum Problem geworden. Dabei dürften die aktuellen Preissteigerungen nicht einmal die größte Herausforderung sein – sie sind vor allem das Resultat zeitlich begrenzter Faktoren wie Russlands Krieg gegen die Ukraine, der Pandemie und unterbrochener Lieferketten.


Dieser Beitrag erschien erstmals am 17. Juni 2022 als Gastbeitrag im Handelsblatt.

Die ungleich größere und deutlich unterschätzte Herausforderung ist eine andere: Tiefgreifende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft könnten dazu führen, dass unsere bisherige Definition von Preisstabilität längere Zeit unerfüllbar bleiben wird.

Deshalb sollten die Europäische Zentralbank (EZB) und andere Notenbanken jetzt die notwendigen Vorkehrungen treffen, um in einer längeren Phase erhöhter Inflationsraten handlungsfähig zu bleiben. Fast alle Wirtschaftsprognosen gehen nach einer viel zu hohen Inflation 2022 und 2023 von einer dann folgenden Normalisierung auf einem Niveau aus, dass sich in der Euro-Zone um die zwei Prozent bewegt, was dem avisierten Ziel der Preisstabilität entspräche.

Wie bei allen Vorhersagen handelt es sich um Szenarien, also „Wenn-dann“-Analysen, basierend auf Annahmen und Daten aus der Vergangenheit.

Die Inflationsprognosen der letzten zehn Jahre waren allerdings überwiegend zu optimistisch – sie sagten für den Euro-Raum eine schnelle Rückkehr zu einer Inflation von zwei Prozent voraus, obwohl die Preissteigerung fast durchgehend niedriger ausfiel. 2021 zeigte sich dann ein umgekehrtes Bild: Die Prognosen unterschätzten die stark steigende Inflation.

Es gibt gute Gründe dafür, dass wir in den kommenden fünf bis zehn Jahren nicht wieder auf ein Inflationsniveau um die zwei Prozent zurückkehren werden. Ausschlaggebend dafür sind drei sich abzeichnende Mega-Trends, die durch den Krieg, Corona und gestörte Lieferketten nur weiter verstärkt werden.

Eine De-Globalisierung wäre katastrophal für den Wohlstand

Ein erster Mega-Trend ist der Wandel der Globalisierung. Pandemie und Krieg zeigen überdeutlich die Unzulänglichkeit von „Just-in-time“-Prozessen und Lieferketten, die sich an möglichst niedrigen Kosten bei möglichst hoher Effizienz orientieren – und in Krisenzeiten kläglich scheitern.

Politik und Wirtschaft müssen jetzt entscheiden, ob an ihre Stelle eine De-Globalisierung, also eine teilweise Rückabwicklung der globalen Arbeitsteilung treten soll, oder eine „Just-in-case“-Globalisierung, sprich eine resilientere, diversere Struktur globaler Lieferketten.

Eine De-Globalisierung wäre sozial, politisch und wirtschaftlich katastrophal, weil sie Armut verschärfen, Wohlstand zerstören und geopolitische Konflikte anheizen dürfte. Wie die De-Globalisierung würde aber auch eine „Just-in-case“-Globalisierung viele Jahre zu höheren Kosten und steigenden Inflationsraten führen – vor allem in offenen Volkswirtschaften wie der deutschen. Denn auch eine „Justin- case“-Globalisierung verlangt von Unternehmen massive Investitionen und die Verlagerung von Produktionsstätten.

Die ökologische Transformation dürfte als zweiter Mega-Trend zu einer anhaltend hohen Inflation in Europa beitragen, denn sie zwingt Unternehmen zu massiven Investitionen, um nicht mehr auf fossiler Energiebasis produzieren zu müssen. Die gesamte Volkswirtschaft muss sich von fossilen Energieträgern lösen, davon wird jedes Unternehmen betroffen sein, allen voran in der Industrie. Pandemie und Krieg verdeutlichen, dass diese Transformation viel schneller als bisher gehen muss; der größte Teil muss in zehn Jahren abgeschlossen sein.

Das Problem der weltweit steigenden Staatsverschuldung

Dementsprechend ist ein starker Anstieg öffentlicher und privater Investitionen zu erwarten, was zu Engpässen in vielen Bereichen und damit zu einer höheren Inflation führen dürfte.

Diese strukturell höhere Inflation dürfte durch einen dritten Mega-Trend weiter befeuert werden: den Rohstoff-Superzyklus. Schon jetzt führt beispielsweise der Umstieg auf Elektromobilität zu einem starken Preisanstieg von Rohstoffen, bei denen die Produktion nicht mit der Nachfrage Schritt halten kann.

Hinzu kommt: China und Russland kontrollieren direkt oder indirekt einen großen Teil der für die Transformation notwendigen Rohstoffe wie etwa Seltene Erden – und haben damit ein Machtinstrument beziehungsweise eine Waffe in der Hand, die sie, wie jetzt im Krieg gegen die Ukraine, einsetzen können. All dies dürfte die Preissteigerungen bei Rohstoffen und damit bei fast allen Gütern und Dienstleistungen weiter anfachen.

Nicht wenige Experten sehen zwei weitere Megatrends – die demografische Alterung im Westen und in China sowie die weltweit steigende Staatsverschuldung – als zusätzliche Inflationstreiber.

Die Ökonomen Charles Goodhart und Manoj Pradhan etwa halten die demografische Entwicklung für den größten Preistreiber. Die zunehmende Alterung der Gesellschaft senkt einerseits das Produktionskapital relativ zur Nachfrage, andererseits tendiert ein knapperes Arbeitsangebot dazu, die Löhne steigen zu lassen.

Zusammengenommen laufen diese Megatrends auch im Euro-Raum auf strukturell erhöhte Inflationsraten hinaus. Wir sollten uns deshalb zumindest für die nächsten fünf bis zehn Jahre von einem Inflationsziel um die zwei Prozent verabschieden – und uns besser auf Raten von drei bis vier Prozent einstellen.


Erfolgreiche Geldpolitik ist auch bei höherer Inflation möglich

Die gute Nachricht: Ein solches Inflationsniveau müsste wirtschaftlich gar nicht schädlich sein, es könnte im Gegenteil sogar die wirtschaftliche und ökologische Transformation unterstützen, da diese eine Anpassung relativer Preise erfordert.

Und da fallende Preise volkswirtschaftlich eher schädlich sind, fördert eine leicht erhöhte Inflation den Anpassungsprozess und begrenzt die Schäden.

Hinzu kommt: Es gibt zwar einen breiten Konsens, dass die Bundesbank es über mehr als vier Jahrzehnte exzellent verstanden hat, die Preisstabilität in Deutschland zu sichern. Weniger bekannt ist aber, dass in der D-Mark-Zeit die durchschnittliche Inflationsrate bei 3,2 Prozent lag. Das beweist: Erfolgreiche Geldpolitik ist auch bei einer etwas höheren Inflationsrate möglich.

Allerdings müssten die EZB und andere Zentralbanken ihre Strategien anpassen, um der neuen Realität Rechnung zu tragen. Die US-Notenbank Federal Reserve hat sich mit ihrer überarbeiteten Strategie mehr Gestaltungsraum verschafft. Die auf ein enges Inflationsziel von zwei Prozent fokussierte neue Strategie der EZB dagegen lässt sich kaum mit einer dauerhaft erhöhten Inflation in Einklang bringen. Die Zentralbanker in Frankfurt könnten daher eher früher als später gezwungen sein, ihre Strategie neu zu justieren.

Pandemie und Krieg sind nicht nur Auslöser eines kurzfristig starken Inflationsschubs, sie wirken auch als Beschleuniger der wirtschaftlichen, digitalen und ökologischen Transformation. Diese Umbrüche dürften mittel- und langfristig zu einer strukturell höheren Inflation führen. Darauf sollten sich Wirtschaft und Geldpolitik rechtzeitig vorbereiten.

Werden die Rahmenbedingungen richtig gesetzt, ist eine erhöhte Inflationsrate von drei bis vier Prozent nicht zwangsweise ein Problem, sie kann vielmehr den Anpassungsprozess positiv flankieren.

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