Soziale Medien: „Sachlicher Austausch wird immer schwerer“

Wie gelingt Wissenschaftskommunikation über soziale Medien im Zeitalter von Hate Speech? Claudia Kemfert und Marcel Fratzscher geben dazu in der neuen Folge des Podcasts Wirtschaft bewegt – 100 Jahre DIW Berlin eine Einschätzung.

O-Ton von Marcel Fratzscher
Claudia Kemfert

Umgang mit Wissenschaftsfeindlichkeit und Hate Speech - Marcel Fratzscher und Claudia Kemfert im Podcast

Was einst lebendige und offene Debattenräume bot, ist heute für viele Forschende ein Ort ständiger Angriffe. Marcel Fratzscher beschreibt diese Entwicklung im Podcast mit klaren Worten: „Sachlicher Austausch wird immer schwerer.“ Claudia Kemfert erinnert daran, dass die sozialen Medien einst niedrigschwellige wissenschaftliche Kommunikation ermöglichten – ohne Medienfilter, direkt aus der Forschung heraus. Heute hingegen dominieren Troll-Armeen, orchestrierte Kampagnen und gezielte Desinformation den Austausch. Gerade auf X – ehemals Twitter -, so betonen beide, sei konstruktive Kommunikation kaum noch möglich.

Angriffsziel Wissenschaft: Wenn Hate Speech zum Alltag wird

Claudia Kemfert und Marcel Fratzscher sind sich einig: Persönliche Anfeindungen sind kein Randphänomen, sondern gehören inzwischen zum Alltag öffentlicher Wissenschaftskommunikation. Und nicht alle Forschenden sind gleichermaßen betroffen. Kemfert betont: „Frauen sind signifikant häufiger sexualisierten und herabwürdigenden Angriffen ausgesetzt als Männer.“

Claudia Kemfert und Marcel Fratzscher bei der Podcastaufzeichnung zum Thema Hate Speech und Wissenschaftsfeindlichkeit.
© DIW Berlin

Hasskampagnen treffen besonders stark jene Wissenschaftsbereiche, die gesellschaftlich relevant sind – etwa Klima- und Energiepolitik, Verteilungsfragen oder die Rentendebatte. Beim DIW Berlin betrifft das nahezu alle großen Forschungsfelder.

Warum Forschende trotzdem nicht schweigen

Trotz dieser Belastungen sehen Kemfert und Fratzscher eine zentrale Verantwortung: Wissenschaft müsse öffentlich präsent bleiben, verständlich erklären und Falschinformationen entschieden entgegentreten. Die Rolle der Leibniz-Gemeinschaft spielt dabei eine besondere Funktion. Marcel Fratzscher bringt es auf den Punkt: „Unser Auftrag, unsere DNA als Leibniz-Institut, ist genau dieser Wissenstransfer.“

Nicht nur politische Entscheidungsträger*innen, sondern auch die breite Öffentlichkeit müssten verstehen, was Forschung bedeutet und welchen gesellschaftlichen Wert sie hat. Deshalb sei ein Rückzug aus schwierigen digitalen Räumen keine Option, erklären Fratzscher und Kemfert im Podcast.

Schutz, Vernetzung und Ausbildung: Was Wissenschaft jetzt braucht

Damit dieser Auftrag erfüllt werden kann, braucht es Unterstützung – institutionell, politisch und gesellschaftlich. Am DIW Berlin gibt es bereits Anlaufstellen und Trainingsangebote, die jungen Wissenschaftler*innen dabei helfen sollen, sich sicherer in sozialen Medien zu bewegen. Gleichzeitig betonen beide Gesprächspartner die Bedeutung von Netzwerken – innerhalb des Instituts, aber auch innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft und darüber hinaus.

Auf gesellschaftlicher Ebene sehen die beiden dringend Reformbedarf: Plattformen müssten stärker reguliert, Algorithmen transparenter werden und rechtliche Rahmenbedingungen müssten besser greifen, um Hassrede und Identitätsmissbrauch zu verhindern.

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