Andrea Nahles über industrielle Transformation: „Ist mein Arbeitsplatz KI-sicher?“

Vor 25 Jahren lud das DIW Berlin erstmals zum Mittagsempfang bei der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitk (VfS). Seitdem ist er eine feste Größe bei der Tagung. In diesem Jahr hielt Andrea Nahles, Vorständin der Bundesagentur für Arbeit eine Keynote über die Implikationen der industriellen Transformation für den Arbeitsmarkt. Das Brown Bag Panel, in dem Teilnehmende neben dem Mittagssnack auch geistigen Input bekommen, wurde von Alexander Kritikos, Vorstandsmitglied im DIW Berlin, moderiert. Die VfS-Jahrestagung fand in diesem Jahr unter dem Schwerpunktthema Industriepolitik statt.

Andrea Nahles gab einen Einblick in die Arbeit der Bundesagentur für Arbeit und erklärte, wie die Arbeitsagentur mit der industriellen Transformation umgehen will.
© DIW Berlin

Im August 2025 waren mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos. Die Arbeitslosenquote lag bei 6,4 Prozent.infoAgentur für Arbeit: Arbeitslosenquote & Arbeitslosenzahlen 2025, abrufbar unter: https://www.arbeitsagentur.de/news/arbeitsmarkt  „Diese drei Millionen haben mir persönlich wehgetan, aber sie sind kein katastrophaler Wert“, erklärte Nahles beim DIW-Mittagsempfang. Mit Blick auf beispielsweise die Hartz-Reformen 2005 berichtete Nahles: „Da hab ich schon ganz anderes erlebt.“ Im Jahr 2005 waren insgesamt knapp 4,9 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos.infoVergl. Bundeszentrale für politische Bildung (2025): Arbeitslose und Arbeitslosenquote, abrufbar unter: https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61718/arbeitslose-und-arbeitslosenquote/  Die Arbeitslosenquote lag in diesem Jahr bei 11,7 Prozent.infoVergl. Destatis Registrierte Arbeitslose, Arbeitslosenquote nach Geschlecht Deutschland, abrufbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Konjunkturindikatoren/Lange-Reihen/Arbeitsmarkt/lrarb002ga.html  Eine gute Arbeitsmarktzahl brachte Nahles auch mit zum DIW-Mittagsempfang: 34,84 Millionen. So viele sozialversichert Beschäftigte gab es zum Stichtag 30. Juni 2024.infoDestatis: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort am 30.06. des Jahres1 für Frauen, Männer, insgesamt darunter Ausländer/-innen2 für die Jahre 1999 bis 2024, abrufbar unter https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Erwerbstaetigkeit/Tabellen/insgesamt.html  So hoch lag dieser Wert noch nie. „Auch das ist ein Zeichen dafür, dass unser Arbeitsmarkt sehr robust ist“, sagt die Vorständin der Bundesarbeitsagentur.

Demografie und Qualifikation als Herausforderung

Was sie nachdenklich stimme, sei, dass die Qualifizierung nicht zu den Arbeitslosen passe. Ein erster Blick auf die Zahlen zeigt, gerade bei qualifizierten Tätigkeiten, die Anzahl der Menschen, die in Frage kommen, gering sind. Während bei Helfenden Tätigkeiten auf eine freie Stelle 13 Arbeitslose kämen, seien es bei Fachkräften nur zwei Arbeitslose pro freie Stelle und bei Expert*innen nur drei. „Wir schaffen es derzeit nicht, den Arbeitskräftebedarf der deutschen Wirtschaft abzudecken“, resümierte Nahles. Das liege aber keinesfalls daran, dass die Menschen faul seien, wie immer wieder behauptet werde. Nahles sah zwei entscheidende Faktoren, die beachtet werden müssten: Die Demografie und die Qualifikation. Daher müssten Menschen möglichst lange im Arbeitsmarkt gehalten werden. „Ich möchte für ein Altersarbeits-Management in den Betrieben werben“, sagte Nahles. Dadurch könnten Menschen länger in den Betrieben gehalten werden. Sie sprach sich außerdem für ein Klima aus, in dem möglichst viele Menschen auf dem Bildungsweg und bei der Qualifizierung mitgenommen werden würden. Auch bei Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, müsste genau hingeschaut werden, woran das liegt und wie die Jugendlichen unterstützt werden könnten.

„Arbeitsmarktdrehscheibe“ als präventive Arbeitsmarktpolitik

Nahles berichtet auch aus der Praxis: Bei der industriellen Transformation komme es vermehrt zur Schließung von Produktionsstätten. In der Agentur für Arbeit hätte man daher ein Modell entwickelt, dass sich „Arbeitsmarktdrehscheibe“ nennt. Die Idee: Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, werden direkt in Unternehmen in einem Radius von 50 bis 60 Kilometern vermittelt. Das sei Nahles zufolge der Radius, in dem Menschen bereit sind, sich für einen Job zu bewegen. Die Arbeitsagentur vermittele aber auch europaweit, wenn die Menschen dafür bereit wären.

Mit der „Arbeitsmarktdrehscheibe“ will die Arbeitsagentur präventiv arbeiten, erklärt Andrea Nahles beim VfS-Mittagsempfang.
© Adobe/Dennis

Das Neue an der „Arbeitsmarktdrehscheibe“: Es ist eine präventive Arbeitsmarktpolitik, die Mitarbeitenden der Arbeitsagenturen würden schon aktiv, bevor die Menschen arbeitslos werden. Das sei erst seit 2020 möglich. „Bis dahin mussten wir warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist“, berichtet Nahles. Diese rechtlichen Veränderungen seien entscheidend für die anstehende Transformation. Solche Projekte gebe es derzeit an dreißig Standorten in Deutschland. Teil dieser Arbeit sei es auch, die Arbeitskräfte weiter zu qualifizieren, wenn sie das benötigten. Neu sei das Instrument Qualifizierungsgeld, eine Art Kurzarbeitergeld für die Zeit der Qualifizierung, das bei 67 Prozent für Menschen mit Familien und bei 60 Prozent des letzten Einkommens bei Alleinstehenden liegt.

Die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit berichtete aber auch von Problemen in diesen Transformationsprozessen: „Es gibt eine Art Wettbewerb zwischen Arbeitsmarktdrehscheibe und Transfergesellschaft.“ Das bedeutet konkret: Wenn etwa ein Standort geschlossen wird und die Tarifparteien dazu eine Einigung schließen, beinhalten diese oft, dass die ehemaligen Arbeitnehmer*innen möglichst lange Transferleistungen durch den Arbeitgeber bekommen, meist sogar möglichst nah an die Rente heran. Die Arbeitsagentur würde sich das aber anders wünschen: Dass diese Menschen möglich schnell weiterqualifiziert werden und sie möglichst schnell in Arbeitsplätze vermittelt werden, in denen sie gebraucht werden. „Da müssen wir manchmal noch Überzeugungsarbeit leisten“, berichtet Nahles.

Alexander Kritikos, Vorstandsmitglied im DIW Berlin, moderierte die Veranstaltung mit Andrea Nahles.
© DIW Berlin

Anforderung durch KI und Digitalisierung

Auch Künstliche Intelligenz und Digitalisierung bilden neue Herausforderungen in der Vermittlung in den Arbeitsmarkt. Teilweise seien ganze Tätigkeitsprofile davon betroffen, dass Teile von ihnen von KI ersetzt werden könnten. Das beträfe auch hochqualifizierte Tätigkeitsprofile, die bisher als sicher galten. „Heute müssen sich viel mehr Leute fragen: Ist mein Arbeitsplatz KI-sicher?“, so Nahles. Hier gehe es darum, die Berufsprofile anzupassen.

„Für uns ist wichtig, dass wir die Menschen in Arbeit halten, entweder wie bei der Drehscheibe in anderen Unternehmen in einer Region oder auch durch die Anpassung von Stellenprofilen, so dass die Menschen in den Unternehmen bleiben können“, beschreibt Nahles das Herangehen der Arbeitsagentur.

„Ist mein Arbeitsplatz KI-sicher?“. Nahles empfiehlt, dass sich Arbeitnehmer*innen diese Frage stellen. Berufsprofile müssten entsprechend angepasst werden.
© Adobe/otello-stpdc

Der Verein für Socialpolitik (VfS)

Der Verein für Socialpolitik (VfS) ist eine der ältesten und größten wirtschaftswissenschaftlichen Fachvereinigungen der Welt. 1873 gegründet, beschäftigen sich im VfS Wirtschaftswissenschaftler*innen vor allem mit wirtschaftspolitischen und sozialpolitischen Fragestellungen. Ein besonderes Anliegen des Vereins ist es, internationale Beziehungen und die Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu fördern.infoVergl. VfS: abrufbar unter: Geschichte des Vereins, abrufbar unter: https://www.socialpolitik.de/de/history  Dafür findet unter anderem jedes Jahr eine Tagung statt. Bereits seit fünfundzwanzig Jahren lädt das DIW Berlin zu einem Mittagsempfang bei dieser Jahrestagung ein, bei dem bedeutende Expert*innen über Herausforderungen der Zeit sprechen. Auf der langen Liste der bisherigen Speaker*innen stehen neben dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, der 2012 über die Agenda 2010 sprach, auch Walter Riester und Bert Rürup, die 2016 in einer Podiumsdiskussion über die Frage sprachen „Ist unsere Rente sicher?“, sowie Sabine Lautenschläger, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, die 2014 über „Geldpolitik und Bankenunion“ einen Vortrag hielt.

Autorin: Lena Högemann

 

100 JAHRE DIW BERLIN IN FÜNF EPOCHEN

keyboard_arrow_up