DIW Wochenbericht 35 / 2025, S. 543-553
Valeriia Heidemann, Sabine Zinn
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Zwischen 2014 und 2022 wurden rund 200 000 Kinder von Geflüchteten in Deutschland geboren. Dieser Bericht untersucht, wie sich Fluchterfahrung auf die Gesundheit und Entwicklung von in Deutschland geborenen Kindern Geflüchteter auswirkt. Eine Analyse auf Basis repräsentativer Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und der Daten der IAB-BAMF-SOEP-Befragung Geflüchteter zeigt: Bei Geburt – hinsichtlich Geburtsgewicht, -länge, Kaiserschnitthäufigkeit und Stillverhalten – bestehen keine signifikanten Unterschiede zwischen Kindern geflüchteter Mütter und anderen Kindern. Anders sieht es im Kleinkindalter aus: Kinder Geflüchteter schneiden in den Bereichen Sprache, Motorik und sozialer Entwicklung schwächer ab. Dies lässt sich weitgehend auf Unterschiede in der mentalen Gesundheit und Bildung der Mutter, ihrem Erwerbsstatus sowie dem Zugang zu institutioneller Betreuung zurückführen. Außerdem zeigt sich, dass die Kinder geflüchteter und migrantischer Mütter häufiger übergewichtig sind als die Kinder von Müttern ohne Migrationsgeschichte. Bei Kindern Geflüchteter verliert dieser Unterschied jedoch an Bedeutung, sobald Faktoren wie der Bildungshintergrund und Erwerbstätigkeit der Mütter berücksichtigt werden. Die Ergebnisse zeigen: Nicht die Fluchterfahrung selbst, sondern soziale und strukturelle Lebensbedingungen der Mütter beeinflussen die kindliche Entwicklung. Daraus lässt sich ableiten, dass Investitionen in Bildung, Erwerbsintegration und frühkindliche Betreuung geflüchteter Familien wichtige Ansatzpunkte für gesundheitliche Chancengleichheit und gesellschaftliche Teilhabe darstellen.
Zwischen 2014 und 2022 wurden rund 200000 Kinder von GeflüchtetenAls geflüchtete Mütter werden Frauen bezeichnet, die selbst Fluchterfahrungen gemacht haben oder im Rahmen des Familiennachzugs zu einem geflüchteten Partner nach Deutschland eingereist sind. Als Mütter mit Migrationsgeschichte gelten Frauen, die nicht in Deutschland geboren wurden und keine Fluchterfahrung gemacht haben. Frauen, die selbst und deren beide Eltern in Deutschland geboren wurden, werden als Personen ohne Migrationsgeschichte definiert. in Deutschland geboren – das entspricht etwa drei bis vier Prozent aller Geburten in diesem Zeitraum.Dieser Wert basiert auf Hochrechnungen aus der IAB-BAMF-SOEP-Befragung Geflüchteter, laut der seit 2014/15 rund 200.000 Kinder von geflüchteten Eltern in Deutschland geboren wurden. Im selben Zeitraum kamen insgesamt etwa 5,7 Millionen Kinder zur Welt. Vgl. auf der Website des Statistischen Bundesamt s (online verfügbar, abgerufen am 20.08.2025. Dies gilt für alle Quellen, sofern nicht anders vermerkt). Daraus ergibt sich ein Anteil von etwa 3,5 Prozent aller Geburten, bei denen mindestens ein Elternteil Fluchterfahrung hatte. Viele dieser Kinder werden hier aufwachsen, eingeschult und Teil der Gesellschaft. Ihre Entwicklung betrifft nicht nur die Familien selbst, sondern die Gesellschaft als Ganzes.
Laut UN-KinderrechtskonventionDeutschland hat die UN-Kinderrechtskonvention 1992 ratifiziert (online verfügbar). hat jedes Kind ein Recht auf Gesundheit und einen Lebensstandard, der seine Entwicklung sichert. Eine gesunde frühe Entwicklung ist eine Voraussetzung für ein leistungsfähiges, sozial integriertes Erwachsenenleben. Daraus ergibt sich ein Auftrag an die Politik und die Gesundheits-, Sozial- und Bildungssysteme: Sie müssen strukturelle Bedingungen für ein gesundes Aufwachsen aller Kinder sichern – und dabei auch besondere Bedarfe spezifischer Gruppen nicht aus dem Blick verlieren.
Kinder geflüchteter Mütter haben ein erhöhtes Risiko, unter belastenden Bedingungen geboren zu werden und aufzuwachsen – selbst wenn ihre Mütter bereits zum Zeitpunkt der Empfängnis in Deutschland lebten. Risikofaktoren sind unter anderem die Unsicherheit in der Aufenthaltssituation, prekäre Wohn- und Einkommensverhältnisse, Schwierigkeiten bei der Navigation innerhalb des Gesundheitssystems, sprachliche Barrieren, ein geringes Bildungsniveau oder fehlende soziale Netzwerke.WHO (2018): Report on the health of refugees and migrants in the WHO European Region (online verfügbar). Hinzu kommen systematische Hürden beim Zugang zu Integrationskursen, die Frauen benachteiligen.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2021): Hürden beim Zugang zum Integrationskurs: Alltagserfahrungen geflüchteter Frauen mit Kleinkindern. BAMF-Kurzanalyse 03|2021 (online verfügbar). Psychische Belastungen wie posttraumatische Belastungsstörungen oder depressive Symptome – meist verursacht durch Krieg, Flucht oder VertreibungYuriy Nesterko et al. (2020): Post-traumatic stress disorder and its predictors in recently resettled Syrian refugees in Germany: A cross-sectional study. BMC Psychiatry, 20(1), 1–10. – können sich ebenfalls negativ auf die Gesundheit und Entwicklung der Kinder auswirken.
Die gesundheitlichen Rahmenbedingungen geflüchteter Kinder unterscheidet sich nicht nur vom Durchschnitt der Gesamtbevölkerung, sondern zeigen auch Parallelen zu anderen vulnerablen Gruppen, wie Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten oder bildungsfernen Familien oder Kindern aus Familien mit Migrationsgeschichte ohne Fluchterfahrung. Solche Vergleiche helfen, fluchtspezifische von allgemein prekären Einflüssen zu unterscheiden.
Dieser Bericht untersucht, wie sich Fluchterfahrung auf die Gesundheit und Entwicklung von in Deutschland geborenen Kindern auswirkt. Im Fokus stehen körperliche Merkmale bei Geburt, Kaiserschnitthäufigkeit, Sprach- und Alltagskompetenzen und motorische und soziale Fähigkeiten in den ersten Lebensjahren (zwei bis vier Jahre) sowie die Gewichtsentwicklung (Body-Mass-Index/BMI in zwei Gruppen: im Alter von eins bis fünf Jahren und sechs bis zehn Jahren). Grundlage sind Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 2016 bis 2023 und die darin integrierte IAB-SOEP-MigrationsstichprobeHerbert Brücker et al. (2014): The new IAB-SOEP Migration Sample: an introduction into the methodology and the contents. SOEP Survey Paper 216, Series C (online verfügbar); Jan Goebel et al. (2025): Socio-Economic Panel (SOEP), data from 1984-2023, (SOEP-Core, v40, EU Edition). Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) (online verfügbar). sowie die integrierte IAB-BAMF-SOEP-Befragung von GeflüchtetenHerbert Brücker et al. (2025): Exploring integration and migration dynamics: the research potentials of a large-scale longitudinal household study of refugees in Germany. European Sociological Review (online verfügbar)., die zwischen 2013 und 2020 nach Deutschland kamen. Diese DatengrundlageDie Analysen basieren auf Survey-Daten aus den Jahren 2016 bis 2023 und nutzen ein Querschnittsdesign. Für die Beschreibung der Neugeborenenmerkmale wurden alle Mutter-Kind-Paare einbezogen, bei denen die Kinder zwischen 2014 und 2022 in Deutschland geboren wurden und Angaben zu den relevanten Merkmalen vorlagen. Für die Analyse der frühkindlichen Entwicklung wurden alle in Deutschland geborenen Kinder berücksichtigt, die zwischen 2014 und 2022 im Alter von zwei bis vier Jahren waren und für die ein von den Eltern ausgefüllter, altersentsprechender Fragebogen vorlag. Da die untersuchten Eltern ab 2013 nach Deutschland kamen, treten die frühesten Kinder in dieser Altersgruppe in den Daten erst ab 2015/2016 auf. Für die Berechnung des BMI wurden alle Beobachtungen zu Kindern ab eins bis zehn Jahren einbezogen. erlaubt einen differenzierten Vergleich der Lebensrealitäten und Entwicklungschancen von Kindern geflüchteter Mütter mit Kindern von Müttern mit und ohne Migrationsgeschichte – und eine evidenzbasierte Einordnung in einen breiteren gesellschaftlichen Zusammenhang.
Obwohl der rechtliche Rahmen grundlegende medizinische Leistungen für geflüchtete Mütter und ihre Kinder vorsieht (Kasten 1), bestehen in der Praxis erhebliche Hürden. Ein zentrales Hindernis ist die Sprache. Viele geflüchtete Frauen haben auch nach mehreren Jahren in Deutschland geringe Deutschkenntnisse – bedingt durch geringere Bildung, weniger soziale Kontakt zu Deutschsprachigen und geringe Teilnahme an Integrations- und Sprachkursen.Jan Eckhardt (2024): Deutschkenntnisse von geflüchteten Frauen und Männern: Entwicklung, Unterschiede und Hintergründe. BAMF Kurzanalyse 01|2024 (online verfügbar). Gleichzeitig ist es naheliegend und üblich, dass das Gesundheitssystem primär auf die Sprache und Bedürfnisse der Mehrheitsbevölkerung ausgerichtet ist. Fehlende Angebote erhöhen das Risiko unvollständiger oder nicht verstandener medizinscher Aufklärung. Manche Frauen suchen deshalb verspätet oder gar keine medizinische Hilfe.Julia Henry, Christian Beruf und Thomas Fischer (2020): Access to health care for pregnant Arabic-speaking refugee women and mothers in Germany. Qualitative health research, 30(3), 437–447.
Die gesundheitliche Versorgung von geflüchteten Schwangeren, Müttern und ihren in Deutschland geborenen Kindern ist rechtlich im Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) geregelt. Nach § 4 AsylbLG besteht ein Anspruch auf medizinische Hilfe bei akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen sowie auf Schutzimpfungen und Vorsorgeuntersuchungen. Für werdende Mütter und Wöchnerinnen ist zusätzlich die Versorgung mit ärztlicher und pflegerischer Hilfe, Hebammenleistungen sowie Heil- und Arzneimitteln vorgesehen.
Auch nach der Geburt unterliegen die Kinder dem AsylbLG, sofern kein anderer Aufenthaltsstatus besteht. In den ersten Lebensjahren – seit einer Gesetzesänderung im Februar 2024 bis zu 36 Monate lang, zuvor bis zu 18 Monate – haben sie Anspruch auf medizinische Basisleistungen, wie sie in § 4 geregelt sind. Darüber hinaus können im Einzelfall „sonstige Leistungen“ (§ 6 AsylbLG) beantragt werden, wenn sie zur Sicherung der Gesundheit unerlässlich sind. Zuständig für die Entscheidung über solche Anträge sind in der Regel die örtlichen Sozialämter beziehungsweise Sozialbehörden der Kommunen oder Landkreise, in denen die betroffenen Personen leben.
Diese Regelung ist jedoch nicht abschließend definiert und lässt den Behörden erheblichen Ermessensspielraum bei der Frage, ob eine beantragte Leistung als medizinisch „unerlässlich“ gilt. In der Praxis führt dies zu regional sehr unterschiedlichen Bewilligungspraktiken, fehlender Transparenz und teils erheblichen Verzögerungen. Anträge müssen schriftlich gestellt und medizinisch begründet werden – häufig mit ärztlichem Attest. Der Entscheidungsprozess kann mehrere Wochen dauern und setzt meist voraus, dass Betroffene durch Sozialdienste, Beratungsstellen oder ehrenamtliche Unterstützende begleitet werden. Gerade in akuten gesundheitlichen Situationen stellt dies eine erhebliche Hürde für geflüchtete Familien dar, deren Versorgung dadurch gefährdet sein kann.
Erst nach Ablauf der 18- beziehungsweise 36-Monatsfrist kann unter bestimmten Voraussetzungen der sogenannte Analogleistungsanspruch (§ 2 AsylbLG) geltend gemacht werden. Dieser entspricht in seinem Umfang den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung nach SGB V. Für Kinder mit anerkanntem Schutzstatus (zum Beispiel als Asylberechtigte oder subsidiär Schutzberechtigte) gilt dieser Anspruch sofort – sie erhalten regulären Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung. Für alle Kinder, die in diesem Bericht empirisch beleuchtet werden, besteht voller gesetzlicher Krankenversicherungsschutz.
Strukturelle Lebensbedingungen wie beengte, laute und unhygienische Unterkünfte belasten besonders während der Schwangerschaft und in der frühen Elternschaft das psychische Wohlbefinden. Weitere Belastungen sind Unsicherheiten im Asylverfahren, häufige Umzüge, finanzielle Notlagen oder konflikthafte Partnerschaften. Viele Frauen berichten infolgedessen von Schlafproblemen, chronischem Stress und Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder.Sandra Claudia Gewalt et al. (2018): Psychosocial health of asylum seeking women living in state-provided accommodation in Germany during pregnancy and early motherhood: A case study exploring the role of social determinants of health. PloS one, 13(12), e0208007.
Qualitative Studien zeigen, dass soziale Unterstützung durch Fachpersonal wie Hebammen, Ärzt*innen oder Sozialarbeiter*innen die Versorgung verbessert. Wo Kommunikation gelingt, Vertrauen entsteht und kultursensibel gearbeitet wird, berichten geflüchtete Frauen von positiven Erfahrungen im Gesundheitssystem – oft im Kontrast zu ihrem Herkunftsland.Louise Biddle et al. (2022): The patient journey of newly arrived asylum seekers and responsiveness of care: A qualitative study in Germany. PloS one, 17(6), e0270419. Auch individuelle Bewältigungsstrategien wie religiöser Glaube oder persönliche Resilienz helfen, trotz Barrieren positive Gesundheits- und Betreuungserfahrungen zu machen.Catherine Panter-Brick und Mark Eggerman (2011): Understanding culture, resilience, and mental health: The production of hope. In The social ecology of resilience: A handbook of theory and practice (pp. 369-386). New York, NY: Springer New York.
Zwischen 2016 und 2023 brachten hochgerechnet circa 114.000 geflüchtete Frauen, die zwischen Januar 2013 und Juni 2019 in Deutschland Asyl beantragt hatten, in Deutschland ein Kind zur Welt. Bei dem ersten, zweiten und weiteren Kindern waren sie im Durchschnitt geringfügig jünger als Frauen mit und ohne Migrationsgeschichte und ohne Fluchterfahrung (Abbildung 1).
Beim Bildungsstand zeigen sich deutlichere Unterschiede: Von den geflüchteten Müttern verfügten 36 Prozent über ein niedriges Bildungsniveau, 45 Prozent über ein mittleres und 19 Prozent über ein hohesDie Einteilung des Bildungsniveaus erfolgte nach der internationalen Bildungsstandardklassifikation ISCED-11. Als niedriges Bildungsniveau gelten kein oder primärer Bildungsabschluss, als mittleres Bildungsniveau ein sekundärer Bildungsabschluss und als hohes Bildungsniveau ein Bachelor-, Master- oder Doktorgrad. – gemessen zum Zeitpunkt der Geburt oder zum Zeitpunkt der Befragung zu ihren zwei- bis vierjährigen Kindern. Zum Vergleich: Bei Müttern ohne Migrationsgeschichte lag der Anteil mit niedrigem Bildungsabschluss bei drei Prozent und unter Müttern mit Migrationsgeschichte ohne Fluchterfahrung bei acht Prozent.
Auch die partnerschaftlichen Lebensverhältnisse unterscheiden sich: 79 Prozent der geflüchteten Mütter lebten mit einem Partner in Deutschland zusammen, verglichen mit 73 Prozent bei Frauen ohne Migrationsgeschichte und 81 Prozent bei Frauen mit Migrationsgeschichte ohne Fluchterfahrung. Bezüglich der Wohnsituation zeigt sich, dass zum Zeitpunkt der Geburt 22 Prozent der geflüchteten Mütter in Gemeinschaftsunterkünften lebten, während 78 Prozent bereits in Wohnungen oder Häusern untergebracht waren.
Regionale UnterschiedeGeflüchtete in Deutschland, die nicht aus der Ukraine kommen, unterliegen während des Asylverfahrens in der Regel der sogenannten Residenzpflicht, das heißt, sie dürfen den ihnen zugewiesenen Bereich – meist ein Landkreis oder Bundesland – nicht verlassen. Nach einer Anerkennung als Flüchtling oder mit subsidiärem Schutz gilt zudem eine Wohnsitzauflage nach § 12a AufenthG, die sie verpflichtet, für drei Jahre im zugewiesenen Bundesland zu wohnen, wobei Ausnahmen zum Beispiel bei Arbeitsaufnahme, Studium oder Ausbildung möglich sind. zeigen sich auch hinsichtlich des Wohnorts: Zehn Prozent der geflüchteten Mütter lebten zum Zeitpunkt der Geburt beziehungsweise der Befragung zu ihrem Kind/ihren Kindern in Ostdeutschland, 90 Prozent in Westdeutschland. Zum Vergleich: Von den Müttern ohne Migrationsgeschichte wohnten 25 Prozent im Osten und 75 Prozent im Westen der Bundesrepublik. Unter Müttern mit Migrationsgeschichte ohne Fluchterfahrung lebten zwölf Prozent in Ostdeutschland und 88 Prozent in Westdeutschland.
Auch bei den Sprachkenntnissen bestehen deutliche Unterschiede. 37 Prozent der geflüchteten Mütter bewerteten ihre Deutschkenntnisse zum Zeitpunkt der Geburt oder der Befragung als sehr gut oder gut, 32 Prozent als ausreichend und 31 Prozent als schlecht oder sehr schlecht. Zum Vergleich: In der Gruppe der Mütter mit Migrationsgeschichte ohne Fluchterfahrung schätzten 69 Prozent ihre Deutschkenntnisse als sehr gut oder gut ein, 21 Prozent als ausreichend und zehn Prozent als schlecht oder sehr schlecht.
Gesundheit kann anhand verschiedener Indikatoren gemessen werden; in diesem Bericht werden zunächst zentrale anthropometrische Werte von Neugeborenen betrachtet – wie Geburtsgewicht, -größe und Kopfumfang – sowie die Kaiserschnitthäufigkeit und das Stillverhalten der Mütter. Diese Werte helfen die Entwicklung eines Kindes zu überwachen und mögliche Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen.
Zwischen 2016 und 2023 wurden in Deutschland durchschnittlich 31 Prozent aller Geburten per Kaiserschnitt durchgeführt. Dabei waren die Unterschiede zwischen geflüchteten Müttern und Müttern ohne Migrationsgeschichte gering und statistisch nicht relevant. Daher ist auf Basis dieser Indikatoren auch nicht zu erwarten, dass sich daraus nennenswerte Unterschiede in den gesundheitlichen Startbedingungen oder den langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen für die Kinder ergeben.
Das durchschnittliche Geburtsgewicht betrug bei Neugeborenen von Frauen ohne Migrationsgeschichte 3389 Gramm, bei Kindern von geflüchteten Frauen – die zwischen Januar 2013 und Juni 2019 Asyl beantragt hatten – 3241 Gramm. Trotz dieses Unterschieds ist im Rahmen des statistischen Fehlers kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen feststellbar.
Die durchschnittliche Körperlänge bei Geburt lag in allen drei Gruppen einheitlich bei 51 cm; der Kopfumfang betrug jeweils 35 cm. Insgesamt zeigen sich keine Anzeichen für eine ungünstigere körperliche Konstitution von Neugeborenen geflüchteter Frauen im Vergleich zu den anderen Gruppen. Auswirkungen eines erschwerten Zugangs zu gesundheitlicher Versorgung lassen sich nicht erkennen. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass geflüchtete Frauen bei Geburt im Schnitt zwei Jahre jünger sind als Mütter ohne Migrationsgeschichte – ein Faktor, der potenziell kompensierend wirken kann.
Beim Stillverhalten zeigen sich ebenfalls keine relevanten Unterschiede: 72 Prozent der Mütter ohne Migrationsgeschichte stillen ihr Kind, ebenso 72 Prozent der geflüchteten Frauen und 74 Prozent der Mütter mit Migrationsgeschichte ohne Fluchthintergrund. Innerhalb des statistischen Fehlers gibt es keine Unterschiede zwischen den drei Gruppen.
Die Entwicklung motorischer, sprachlicher, alltagspraktischer und sozialer Fähigkeiten im frühen Kindesalter gilt als zentrale Voraussetzung für eine gelingende gesellschaftliche Teilhabe im späteren Leben.Jack P. Shonkoff et al. (2012): An Integrated Scientific Framework for Child Survival and Early Childhood Development. Pediatrics February 2012; 129 (online verfügbar). Kinder mit Fluchthintergrund sind jedoch häufiger belastenden Lebensbedingungen in ihrem familiären und sozialen Umfeld ausgesetzt, die eine altersgerechte Entwicklung in diesen Bereichen erschweren können.
Untersucht wurden Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren – also im Kleinkindalter. Zur Erfassung ihrer Entwicklungsstände wird die etablierte Vineland-Skala für adaptives Verhalten verwendet (Kasten 2). Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild: Bei den allgemeinen sprachlichen Fähigkeiten – also solchen, die nicht auf eine bestimmte Sprache abzielen – bestehen signifikante Unterschiede zwischen Kindern von Müttern mit Fluchterfahrung und Kindern von Müttern ohne Migrationsgeschichte; ihre durchschnittlichen Skalenwerte liegen auf einer Skala von 1 bis 3 um etwa 0,24 Skalenpunkte niedriger. Kinder mit Migrationsgeschichte ohne Fluchterfahrung unterscheiden sich hingegen nicht signifikant von Kindern ohne Migrationsgeschichte.
Zur Erfassung frühkindlicher Entwicklungsstände im SOEP wird seit 2005 eine verkürzte Version der Vineland-Skala für adaptives Verhalten eingesetzt. Die Skala richtet sich an Eltern von Kindern im Alter von zwei bis drei Jahren und dient dazu, deren Einschätzungen zum alltäglichen Verhalten und zu entwicklungsbezogenen Fähigkeiten ihrer Kinder zu erfassen. Dabei werden keine direkten Tests mit dem Kind durchgeführt. Stattdessen basiert die Erhebung auf einem standardisierten Befragungsverfahren, bei dem eine mit dem Kind vertraute Bezugsperson – in der Regel ein Elternteil – konkrete Verhaltensbeobachtungen beschreibt. Dies ermöglicht eine praxisnahe Erfassung der kindlichen Entwicklung im Kontext des alltäglichen Lebens.
Die eingesetzte Skala ist eine deutschsprachige Adaption der ursprünglichen Vineland Adaptive Behavior Scales.Sara S. Sparrow, D. A. Balla und Domenic V. Cicchetti (1984): Vineland Adaptive Behavior Scale. A revision of the Vineland Social Maturity Scale by Edbar A. Dll. Survey Form Manual. Circle Pines, Minnesota: American Guidance Service. Für den Einsatz im SOEP wurde sie auf insgesamt 20 Fragen reduziert, um sie in das Survey-Design integrieren zu können.Nicole Schmiade, C. Katharina Spieß und Wolfgang Tietze (2008): Zur Erhebung des adaptiven Verhaltens von zwei- und dreijährigen Kindern im Sozio-oekonomischen Panel (SOEP). SOEP Survey Papers 232, Series C (online verfügbar). Die Skala erfasst vier zentrale Entwicklungsbereiche (Tabelle), jeweils mit fünf Fragen. Diese sind (1) sprachliche Fähigkeiten, (2) alltagspraktische Kompetenzen, (3) motorische Fähigkeiten sowie (4) soziale Beziehungen. Die Eltern beantworten für jede Frage, ob das jeweilige Verhalten auf ihr Kind zutrifft, teilweise zutrifft oder nicht zutrifft. Die Antwortskala umfasst drei Stufen: Ja, Teilweise, Nein. Der Einstieg in den Fragenblock lautet: „Für Eltern ist es immer ein großes Erlebnis, wenn das Kind schon wieder etwas Neues kann. Bitte geben Sie an, welche Dinge das bei Ihrem Kind sind.“ Wichtig ist, dass sich die Abfrage der sprachlichen Fähigkeiten nicht auf eine bestimmte Sprache (zum Beispiel nur Deutsch) bezieht. Für die Auswertung werden jeweils Mittelwerte über die fünf Fragen eines jeden Bereichs gebildet. Diese bereichsspezifischen Mittelwerte bilden die Grundlage der in diesem Bericht dargestellten Analysen. Da die Antwortskala Werte von 1 (trifft nicht zu) bis 3 (trifft zu) umfasst, bewegen sich auch die Mittelwerte innerhalb dieses Wertebereichs – wobei höhere Werte jeweils auf höhere Entwicklungsstände hinweisen.
| (1) Sprache | (2) Alltagsfertigkeiten | (3) Bewegung | (4) Soziale Beziehungen |
|---|---|---|---|
| Spricht in ganzen Sätzen (mit vier und mehr Wörtern) | Isst selbstständig mit dem Löffel, ohne zu kleckern | Läuft Treppen vorwärts herunter | Nimmt an Spielen mit anderen Kindern teil |
| Überbringt einfache Nachrichten wie z.B. „Essen ist fertig” | Putzt sich selbst die Nase | Klettert auf Klettergerüste und andere hohe Spielgeräte | Beschäftigt sich mit Rollenspielen („tun als ob”) |
| Folgt Anweisungen, die es fünf Minuten zuvor gehört hat | Benutzt für „großes Geschäft” die Toilette | Schneidet mit einer Schere Papier durch | Zeigt eine Vorliebe für bestimmte Spielgefährten oder Freunde *innen |
| Nennt seinen Vor- und Nachnamen, wenn es danach gefragt wird | Zieht sich Hosen und Unterhosen selbst richtig herum an | Malt auf Papier erkennbare Formen | Benennt eigene Gefühle, z. B. „traurig,” „freuen,” „Angst” |
| Hört in der Regel Geschichten mindestens 15 Min. aufmerksam zu | Putzt sich selbst die Zähne | Hält Stifte richtig (nicht mit der Faust), um zu malen | Wechselt sich mit anderen beim Spielen ab, ohne darum gebeten zu werden |
Quelle: Eigene Darstellung
Im vorliegenden Bericht wird zur Einschätzung des kindlichen Ernährungsstatus ein von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickeltes Maß verwendet, das den Body-Mass-Index (BMI) alters- und geschlechtsspezifisch standardisiert. Dabei wird nicht der rohe BMI-Wert herangezogen, sondern ein sogenannter Z-Score berechnet. Dieser gibt an, wie stark der BMI eines Kindes vom Medianwert einer internationalen Referenzgruppe gleichaltriger Kinder desselben Geschlechts abweicht. Auf diese Weise kann die körperliche Entwicklung von Kindern vergleichbar eingeordnet werden – unabhängig davon, ob sie zwei, zehn oder 17 Jahre alt sind. Die Berechnung erfolgt auf Basis der offiziellen WHO-Wachstumsstandards (für Kinder unter fünf Jahren) sowie der WHO-Wachstumsreferenz (für Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 19 Jahren). Ein Z-Score von 0 bedeutet, dass der BMI des Kindes dem Median der Referenzgruppe entspricht. Positive Z-Scores deuten auf einen überdurchschnittlich hohen, negative auf einen unterdurchschnittlich niedrigen BMI hin. Zur Einordnung der Ergebnisse werden die von der WHO definierten Grenzwerte verwendet: Bei Kindern unter fünf Jahren gilt ein Z-Score über +2 als Hinweis auf Übergewicht, über +3 als Adipositas. Ein Z-Score unter –2 wird als Untergewicht klassifiziert, unter –3 als schweres Untergewicht. Bei älteren Kindern und Jugendlichen (fünf bis zehn Jahre) beginnt die Schwelle für Übergewicht bereits bei einem Z-Score von über +1, Adipositas liegt ab +2 vor, Untergewicht ab –2. Diese standardisierte Herangehensweise berücksichtigt das natürliche Wachstum und die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Entwicklungsverlauf.
Bezüglich der alltagspraktischen Fähigkeiten fallen die Unterschiede insgesamt sehr gering aus. Hier zeigt sich sogar ein tendenziell gegenläufiges Bild: Kinder geflüchteter Mütter erreichen im Durchschnitt um etwa 0,03 Punkte höhere Skalenwerte als Kinder von Müttern ohne Migrationsgeschichte. Kinder von Migrantinnen ohne Fluchterfahrung liegen mit einem Plus von rund 0,09 Punkten sogar leicht über den Werten von Kindern ohne Migrationsgeschichte. Im Bereich der sozialen Fähigkeiten hingegen erzielen Kinder geflüchteter Mütter deutlich niedrigere Werte und liegen im Durchschnitt um 0,22 Skalenpunkte unter denen von Kindern von Müttern ohne Migrationsgeschichte. Auch im Vergleich zu Kindern migrantischer Mütter ohne Fluchthintergrund fällt der Wert geringfügig niedriger aus, um knapp 0,1 Skalenpunkte. In der motorischen Entwicklung erzielen Kinder mit Fluchthintergrund – altersbereinigt – ebenso niedrigere Werte wie Kinder ohne Migrationsgeschichte sowie wie Kinder von Migrantinnen ohne Fluchterfahrung. Der Unterschied beträgt etwa 0,12 Skalenpunkte.
In einem weiteren Schritt werden verschiedene Merkmale von Mutter und Kind (zum Beispiel Migrations- und Fluchthintergrund, Alter, mentale Gesundheit, Geschlecht, Bildung, Erwerbstätigkeit) sowie Kontextmerkmale (wie Geschwister, Partnerschaft im Haushalt oder institutionelle Kinderbetreuung) als erklärende Faktoren berücksichtigt. Damit relativieren sich die zuvor beschriebenen Unterschiede weitgehend. Die multivariaten Analysen zeigen (Abbildung 2), dass insbesondere das Alter des Kindes sowie dessen Geschlecht eine zentrale Rolle spielen: Ältere Kinder und Mädchen weisen in allen Bereichen konsistent höhere Entwicklungswerte auf. Ein weiterer bedeutsamer Faktor ist die mentale Gesundheit der Mutter: Je stärker diese beeinträchtigt ist, desto ungünstiger fallen die kindlichen Entwicklungsergebnisse aus – insbesondere im sprachlichen und sozialen Bereich. Im Gegensatz dazu wirkt sich die Bildung der Mutter positiv auf die kindliche Entwicklung aus, am stärksten im sprachlichen Bereich. Eine Erwerbstätigkeit der Mutter ist darüber hinaus mit besseren Entwicklungsergebnissen verbunden, vor allem im sozialen und motorischen Bereich. Leicht positive Zusammenhänge zeigen sich zudem bei Kindern, die institutionell betreut werden – etwa durch eine Tagesmutter, in einer Kinderkrippe oder einem Kindergarten. Dies wirkt sich insbesondere auf alltagspraktische Kompetenzen positiv aus. Das Sprachniveau der Mutter im Deutschen – also wie gut sie Deutsch versteht, spricht und schreibt – hat hingegen keinen zusätzlichen Einfluss auf die kindliche Entwicklung über die berücksichtigten Merkmale hinaus.Die Analysen zum Einfluss des Sprachniveaus der Mutter sind in diesem Bericht nicht gesondert ausgewiesen. Sie basieren auf einem Vergleich, der Mütter ohne Migrationsgeschichte ausschließt, berücksichtigen jedoch – wie zuvor – sozio-demografische Merkmale und Kontextfaktoren.
Insgesamt zeigt sich, dass Kinder geflüchteter Mütter im direkten, bivariaten Vergleich in den Bereichen Sprache, soziale Beziehungen und Motorik schlechter abschneiden, während sie bei den Alltagsfähigkeiten eine leichte Tendenz zu höheren Werten aufweisen. Unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht des Kindes sowie strukturellen Merkmalen verringern sich diese Abstände deutlich: Für Kinder geflüchteter Mütter bestehen keine signifikanten Unterschiede mehr zu Kindern ohne Migrationsgeschichte. Kinder von Migrantinnen ohne Fluchterfahrung unterscheiden sich im direkten, bivariaten Vergleich nur geringfügig von Kindern ohne Migrationsgeschichte und erreichen bei den Alltagsfähigkeiten sogar leicht höhere Skalenwerte. Nach Berücksichtigung der genannten Merkmale bleiben bei ihnen Unterschiede hinsichtlich sozialer Fähigkeiten und bei den Alltagsfähigkeiten signifikant bestehen. Insgesamt deuten die Modelle darauf hin, dass die beobachteten Unterschiede weitgehend auf soziale Ressourcen und Kontextmerkmale zurückzuführen sind – nicht auf den Fluchtstatus selbst.
Neben der sprachlichen, sozialen und motorischen Entwicklung spielt auch die körperliche Verfassung von Kindern eine wichtige Rolle für ihr Wohlbefinden, ihre Gesundheit und ihre weitere Entwicklung. Eine Auswertung des Body-Mass-Index (BMI) für Kinder (Kasten 2) zeigt, dass Kinder mit Fluchthintergrund überdurchschnittlich häufig von Übergewicht betroffen sind. Auch hier werden zunächst die Unterschiede ohne erklärende Faktoren betrachtet sowie in einem zweiten Schritt die Unterschiede unter Berücksichtigung der zusätzlichen sozioökonomischen Merkmale der untersuchten Familien.
In der Altersgruppe von eins bis fünf Jahren sind zwölf Prozent der Kinder geflüchteter Mütter übergewichtig, zehn Prozent der Kinder von Migrantinnen ohne Fluchterfahrung und fünf Prozent der Kinder von Müttern ohne Migrationsgeschichte. Noch ausgeprägter ist der Unterschied bei den sechs bis zehnjährigen: Hier sind 43 Prozent der Kinder Geflüchteter und 21 Prozent der Kinder von Müttern mit Migrationsgeschichte übergewichtig, während der Anteil unter Kindern von Müttern ohne Migrationsgeschichte bei 20 Prozent liegt (Abbildung 3).
Anders verhält es sich beim Untergewicht: In der Altersgruppe der eins bis fünfjährigen sind zehn Prozent der Kinder Geflüchteter und 15 Prozent der Kinder von Migrantinnen ohne Fluchterfahrung untergewichtig, im Vergleich zu 14 Prozent bei den Kindern ohne Migrationsgeschichte. Bei den sechs bis zehnjährigen beträgt der Anteil untergewichtiger Kinder vier Prozent bei Geflüchteten, zwölf Prozent bei Kindern mit Migrationsgeschichte und elf Prozent bei Kindern ohne Migrationsgeschichte.
Berücksichtigt man – wie in den vorangegangenen Analysen – Merkmale der Mutter (zum Beispiel Bildung, Erwerbstätigkeit, Partnerschaft, mentale Gesundheit) sowie kindbezogene und kontextuelle Faktoren, relativieren sich die Unterschiede im Übergewicht zwischen Kindern Geflüchteter und Müttern ohne Migrationsgeschichte (Abbildung 4). Der zuvor sichtbare Zusammenhang zwischen Fluchthintergrund und erhöhtem Risiko für Übergewicht verliert in der multivariaten Betrachtung an statistischer Signifikanz. Anders verhält es sich bei Kindern von Migrantinnen ohne Fluchterfahrung: Hier bleibt das Übergewichtsrisiko im Vergleich zu Kindern ohne Migrationsgeschichte auch bei Berücksichtigung relevanter Einflussgrößen signifikant erhöht.
Einen besonders starken und signifikanten Einfluss zeigt der Bildungsstatus der Mutter: Kinder von Müttern mit mittlerem oder hohem Bildungsniveau haben ein signifikant geringeres Risiko für Übergewicht – dieser Zusammenhang ist einer der deutlichsten in der Analyse.
Beim Untergewicht zeigen sich insgesamt weniger ausgeprägte Unterschiede zwischen den Gruppen. Auch hier ist der Migrations- oder Fluchthintergrund nicht signifikant mit dem Risiko für Untergewicht verbunden. Auffällig ist jedoch, dass Kinder von alleinerziehenden Müttern ein signifikant höheres Risiko für Untergewicht haben als Kinder, die mit beiden ElternteilenIn den Daten kann die leibliche Mutter eindeutig identifiziert werden. Der zweite Elternteil ist als Partner der Mutter kodiert, sodass nicht zwischen leiblichem Vater und anderem Partner unterschieden werden kann. aufwachsen. Dieser Zusammenhang ist unabhängig von der Herkunft.
Das Ankommen in einem neuen Land ist für alle Migrant*innen eine große Herausforderung. Besonders schwierig wird es, wenn sie sich in einem ihnen fremden System zurechtfinden müssen – etwa im Gesundheitswesen oder bei Behörden. Für geflüchtete Frauen, die in Deutschland Kinder zur Welt bringen und großziehen, ergeben sich besondere Herausforderungen. Viele von ihnen sind ohne nennenswertes Human- oder Sozialkapital nach Deutschland gekommen. Obwohl sie Anspruch auf die volle gesetzliche Krankenversicherung haben, stoßen sie auf strukturelle Hürden, die nicht nur die Geburt selbst, sondern auch die gesundheitliche und soziale Versorgung ihrer Kinder erschweren können.
Bislang gibt es jedoch kaum belastbare empirische Daten zur gesundheitlichen und entwicklungsbezogenen Situation von Kindern Geflüchteter in Deutschland. Ziel dieses Berichts war es daher, erste Einblicke in diesen Bereich zu geben. Die Ergebnisse zur körperlichen Verfassung bei Geburt – wie Kaiserschnitthäufigkeit, Geburtsgewicht, -länge, Kopfumfang und Stillverhalten – zeigen keine signifikanten Unterschiede zwischen Kindern von geflüchteten Müttern und von Müttern mit und ohne Migrationsgeschichte. Auswirkungen eines eingeschränkten Zugangs zu gesundheitlicher Versorgung lassen sich bei Kindern von geflüchteten Müttern nicht erkennen.
Anders stellt sich die Situation jedoch in der frühen Entwicklung dar. Kinder Geflüchteter schneiden in den Bereichen Sprache, soziale Beziehungen und motorische Fähigkeiten im Alter von zwei bis vier Jahren schlechter ab als Kinder aus den anderen beiden Gruppen. Diese Unterschiede lassen sich jedoch fast vollständig aufklären – insbesondere durch die mentale Gesundheit der Mutter, ihren Bildungsstand sowie ihre Erwerbstätigkeit. Auch der Besuch einer institutionellen Betreuung (Tagesmutter, Krippe oder Kindergarten) wirkt sich positiv aus.
Ein bemerkenswerter Befund betrifft die Alltagsfähigkeiten der Kinder: Hier schneiden Kinder von Müttern mit Migrationsgeschichte – mit und ohne Fluchterfahrung – besser ab als Kinder von Müttern ohne Migrationsgeschichte. Dies könnte auf eine ausgeprägtere Selbstständigkeit der Kinder im Alltag hinweisen, etwa bei einfachen Haushaltsaufgaben wie der eigenständigen Ausführung kleiner Alltagsroutinen wie Aufräumen, Tischdecken oder beim selbstständigen Anziehen.
Hinsichtlich der körperlichen Entwicklung – gemessen am Body-Mass-Index (BMI) – zeigt sich, dass Kinder von geflüchteten Müttern und Müttern mit Migrationsgeschichte zunächst häufiger übergewichtig sind. Bei Kinder Geflüchteter verschwindet dieser Unterschied jedoch, sobald sozio-demografische und familiäre Faktoren berücksichtigt werden. Besonders die Bildung der Mutter erweist sich als entscheidend: Je höher ihr Bildungsniveau, desto geringer ist das Risiko für Übergewicht. Beim Risiko für Untergewicht fällt auf, dass vor allem Kinder alleinerziehender Mütter betroffen sind – unabhängig von der Migrationsgeschichte.
Die Ergebnisse machen deutlich: Für die gesunde geistige und körperliche Entwicklung geflüchteter Kinder spielen die familiären Ressourcen eine zentrale Rolle – genauso wie bei anderen Kindern auch. Wenn Kinder Geflüchteter unter vergleichbaren Bedingungen aufwachsen, entwickeln sie sich ebenso gut wie andere Kinder. Das bedeutet jedoch auch: Werden sie in prekären Lebensverhältnissen groß – etwa mit psychisch belasteten, bildungsfernen oder nicht erwerbstätigen Müttern – steigt das Risiko von Entwicklungsnachteilen erheblich. Diese Defizite lassen sich später kaum noch ausgleichen und können langfristig dazu führen, dass betroffene Kinder nicht in vollem Maße am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.
Um dem entgegenzuwirken, braucht es gezielte Investitionen: in die Bildung geflüchteter Mütter, ihre Integration in den Arbeitsmarkt und den frühzeitigen Zugang ihrer Kinder zu hochwertiger institutioneller Betreuung. Nur so lässt sich echte Teilhabe ermöglichen.
Themen: Migration, Gender, Familie, Bildung, Arbeit und Beschäftigung
JEL-Classification: I14;I21;I24;J13;J15
Keywords: children health, early childhood development, BMI, refugees, migrants
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2025-35-5
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