Blog Marcel Fratzscher vom 1. September 2025
Viele Ältere haben Angst vor einem verpflichtenden sozialen Jahr. Dabei wäre es für niemanden so sinnvoll wie für sie selbst. Und das ist keine Strafe.
Mein Vorschlag eines Pflichtjahres für Rentnerinnen und Rentner, insbesondere für die Babyboomer-Generation, hat heftige Kritik ausgelöst. Viele empören sich angesichts der Idee, ältere Menschen nach Eintritt in den Ruhestand noch einmal verpflichtend in den Dienst der Gesellschaft zu stellen – etwa in sozialen Einrichtungen oder bei der Bundeswehr. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Es geht nicht um Strafe, sondern um die Chance, den Generationenvertrag gemeinsam zu erneuern.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 29. August 2025 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Dabei ist wichtig zu betonen: Viele Ältere haben bereits einen großen Beitrag für unsere Gesellschaft geleistet – sei es durch Wehr- oder Zivildienst, jahrzehntelanges Arbeiten, ehrenamtliches Engagement, die Betreuung von Kindern und Enkelkindern oder die Pflege von Angehörigen. All das verdient Anerkennung und Respekt. In Anbetracht der wachsenden Belastungen für die jüngeren Generationen brauchen wir aber kreative Wege, Verantwortung gerechter zu verteilen.
Einige wollen angesichts des Ukrainekriegs die Wehrpflicht wieder einführen. Und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat vor einiger Zeit die Diskussion über ein verpflichtendes soziales Jahr neu entfacht. Beide Vorstöße zielen auf die junge Generation und wurden von vielen Politikerinnen und Politikern unterstützt. Doch ein Pflichtjahr für junge Menschen ist der falsche Ansatz. Es würde ihre Bildungswege verlängern, ihren Start ins Berufsleben verzögern und damit uns allen wirtschaftlich schaden. Es lässt zudem außer Acht, dass viele Ältere Fähigkeiten, Zeit und Lebenserfahrung einbringen können – und oft auch wollen.
Der Vorschlag eines Pflichtjahres ist Ausdruck einer tieferen Krise: der zunehmenden sozialen Polarisierung. Auf dem Papier beruht der Generationenvertrag auf Gegenseitigkeit: Die Jungen finanzieren die Rente, Pflege und Gesundheit der Älteren, während diese die Grundlagen für eine bessere Zukunft der nächsten Generation schaffen. Doch in der Realität ist dieser Vertrag längst einseitig. Wir leben in einer Illusion von Solidarität.
Die Babyboomer hinterlassen ihren Kindern und Enkelkindern eine Welt, die in vielerlei Hinsicht schlechter dasteht als zuvor. Politisch hat man nach 1990 die Friedensdividende verspielt, die militärische Abhängigkeit von den USA verstärkt und autokratische Regime wie Russland und China durch kurzsichtigen Merkantilismus gestärkt. Ökologisch verschlief man die notwendige Transformation, weil kurzfristige Profite wichtiger erschienen als Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Und gesellschaftlich beharrte man auf ein Familienmodell, ohne in eine moderne Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur zu investieren.
Gleichzeitig wurden Spitzenverdienende und Vermögende – oft Babyboomer – nicht stärker an der Finanzierung gemeinschaftlicher Aufgaben beteiligt. Stattdessen wurde die Schuldenbremse zementiert, die Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Klimaschutz massiv erschwert hat.
Heute sollen junge Menschen mehr arbeiten, länger zahlen und zugleich mit weniger Sicherheit und Perspektiven leben. Die jüngste Rentengarantie der Bundesregierung verstärkt die Umverteilung von Jung zu Alt noch einmal. Gleichzeitig erwarten viele Babyboomer, dass ihre eigene Rente weiter mit den Löhnen steigt und ihr Renteneintritt nicht später erfolgt.
Die Folge ist eine massive Schieflage. 84 Prozent der Menschen sind überzeugt, dass es künftigen Generationen schlechter gehen wird. Angesichts dessen wirkt die Forderung nach einem sozialen Pflichtjahr für junge Menschen nicht nur unangemessen, sondern geradezu zynisch. Ein solcher Zwang würde ausgerechnet diejenigen belasten, die ohnehin schon die Hauptlast der Fehler der Vergangenheit schultern müssen. Er würde ihnen zusätzliche Bürden aufladen, statt sie zu entlasten.
Ein soziales Pflichtjahr nach Renteneintritt für die Babyboomer wäre ein starkes Signal: Solidarität ist keine Einbahnstraße. Die Generation, die besonders von Wohlstand und Stabilität profitiert hat, könnte zeigen, dass sie bereit ist, Verantwortung gegenüber den Jüngeren zu übernehmen. Das würde auch den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken.
Die demografische Entwicklung spricht dafür. Der starke Anstieg der Rentnerzahlen macht unsere Sozialsysteme nicht mehr finanzierbar. Es fehlt zudem an Arbeitskräften in Pflege und Gesundheit. Rentner und Rentnerinnen müssen selbst einen größeren Beitrag leisten – finanziell und durch ihre Zeit. Ansonsten wird sich der Notstand bei Pflege und Gesundheit verschärfen.
Natürlich muss ein solches Modell Rücksicht auf Gesundheit, Lebensumstände und bisherige Leistungen nehmen. Wer körperlich oder gesundheitlich eingeschränkt ist, darf nicht verpflichtet werden. Und wer sich bereits engagiert, sollte nicht zusätzlich belastet werden – im Gegenteil: Bestehendes Engagement könnte anerkannt oder angerechnet werden.
Gleichzeitig zeigt sich: Viele Babyboomer sind bei Renteneintritt körperlich und geistig fit genug, einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Schon heute engagieren sich viele Ältere in bemerkenswerter Weise ehrenamtlich, zum Beispiel in Vereinen, Kirchengemeinden oder sozialen Initiativen. Ein verbindlicher gesellschaftlicher Rahmen würde den Kreis der Engagierten erweitern und Solidarität als selbstverständlichen Teil des Generationenvertrags verankern.
Auch ökonomisch spricht vieles für ein solches Pflichtjahr. Anders als bei einem sozialen Pflichtjahr für junge Menschen würde die Wirtschaft nicht durch fehlende Arbeitskräfte belastet, sondern vielmehr entlastet. Ältere könnten in Bereichen eingesetzt werden, in denen es heute an Personal mangelt: in der Pflege, Kitas, Schulen oder anderen Teilen der öffentlichen Daseinsvorsorge. So ließe sich der akute Personalmangel abfedern, junge Familien würden entlastet, und die Gesellschaft als Ganzes profitiert – nicht zuletzt durch mehr Dynamik und Wohlstand.
Hinzu kommt der Erfahrungsschatz der Babyboomer. Viele haben jahrzehntelange Berufserfahrung gesammelt, Krisen und Veränderungen gemeistert, die für jüngere Menschen wertvolle Orientierung bieten können. Ein Pflichtjahr würde diesen Austausch strukturieren: Ältere würden nicht nur praktisch helfen, sondern auch ihre Erfahrungen weitergeben – in Schulen, der Ausbildung oder sozialen Projekten. Dieser Beitrag ginge weit über ökonomischen Nutzen hinaus, denn er würde die junge Generation befähigen, die großen Herausforderungen ihrer Zeit besser zu bewältigen.
Verantwortung statt Bevormundung.
So verstanden wäre ein Pflichtjahr für die Babyboomer keine Strafe, sondern eine Chance, Solidarität neu zu leben. Es könnte den Generationenvertrag erneuern und zeigen, dass Verantwortung nicht nur von den Jungen eingefordert werden darf.
Natürlich ist ein Pflichtjahr für Ältere kein Allheilmittel. Es ersetzt nicht die dringend notwendigen Reformen bei Steuern, den Sozialsystemen oder Bildung. Aber es wäre ein wichtiges Zeichen der Solidarität.
Die Empörung über den Vorschlag zeigt, wie schwer es uns fällt, Solidarität neu zu denken. Viele Babyboomer verstehen ein Pflichtjahr als Zumutung. In Wahrheit wäre es eine Chance für die Älteren, etwas weiterzugeben und für die Jüngeren, mehr Unterstützung zu erfahren. Es wäre außerdem die Chance für die Gesellschaft, den Generationenvertrag zu erneuern.
Themen: Arbeit und Beschäftigung , Rente und Vorsorge , Ungleichheit