Wie gespalten ist Deutschland wirklich?

Blog Marcel Fratzscher vom 27. Oktober 2025

Die Polarisierung in Deutschland wird oft übertrieben dargestellt. Trotzdem gibt es echte Bedrohungen für den Gesellschaftszusammenhalt. Wir müssen sie ehrlich angehen.

Deutschland ist nicht gespalten – zumindest nicht so, wie es oft behauptet wird. Die tatsächlichen Unterschiede in Einstellungen und Lebensrealitäten sind geringer, als viele meinen. Das jedenfalls ist das Ergebnis einer Studie von 2023 der Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser. Demnach sei die gesellschaftliche Polarisierung in Deutschland in vielen Bereichen recht gering. Was uns trennt, sei weniger die soziale Wirklichkeit als die aufgeheizte Rhetorik darüber.

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 24. Oktober 2025 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Ist die Polarisierung also nur ein politisches Narrativ? Eine Scheindebatte, die von anderen Problemen ablenkt?

Laut der Studie herrscht bei vielen gesellschaftlichen Fragen überraschend breiter Konsens. Über Parteigrenzen und soziale Milieus hinweg seien sich die meisten einig: Die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen sei zu groß, Deutschland müsse mehr für den Klimaschutz tun, und Zuwanderung bereichere das kulturelle Leben.

Die Studie argumentiert auf Grundlage solcher Werte und Einstellungen: Die soziale Polarisierung in Deutschland sei deutlich geringer, als sie generell wahrgenommen werde. Die verstärkte Wahrnehmung resultiere aus der Emotionalisierung bestimmter Themen wie Gendern, Ernährung oder E-Mobilität.

Bestimmte Reizthemen wirken wie Triggerpunkte – sie lösen bei vielen Menschen überzogene, teils konfrontative Reaktionen aus. All das wird als tiefer Eingriff in die Privatsphäre und das eigene Leben wahrgenommen. Das Problem dabei: Es handelt sich meistens um Phantomdebatten, die so gar nicht stattfinden. Kaum jemand will anderen eine gendergerechte Sprache aufzwingen oder den Verzehr von Fleisch; das Autofahren oder das Fliegen verbieten.

Die Sorgen der Menschen ernst nehmen

Vieles spricht dafür, dass die Ängste und Sorgen vieler Menschen aus den realen Erfahrungen ihres Alltags erwachsen: 85 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass die Zukunft schlechter werden wird, dass es künftigen Generationen nicht mehr so gut gehen wird, wie es der heutigen älteren Generation geht und in den letzten Jahrzehnten ergangen ist. Seit jeher sehen viele das Aufstiegsversprechen als essenziellen Teil des Gesellschaftsvertrags: Den eigenen Kindern und Enkelkindern soll es einmal besser gehen, nicht schlechter.

Wir machen es uns zu einfach, wenn wir Menschen als unmündig abstempeln und ihre Ängste hauptsächlich als das Resultat von Manipulation abtun.

In der Realität hat die soziale Polarisierung zugenommen und heute ein beachtliches Maß erreicht: 40 Prozent der Menschen in Deutschland haben praktisch keine Ersparnisse, keine Vorsorge oder Absicherung für Krisen. Dies macht sie abhängig vom Sozialstaat. Die von vielen als Almosen wahrgenommenen sozialen Leistungen sind immer stärker mit einem Stigma verbunden. 60 Prozent der von Armut bedrohten Rentner und Rentnerinnen nehmen ihren Anspruch auf Grundsicherung nicht wahr — nicht aus Unwissen, sondern primär aus Scham und Selbstrespekt.

Der Wandel von Klima und Umwelt wird die Lebensgrundlage vieler Menschen, auch in Deutschland, zerstören oder grundlegend verändern. Wenn manche jungen Menschen sich heute fragen, ob es noch verantwortungsvoll ist, eigene Kinder in diese Welt zu setzen, dann sollten wir dies ernst nehmen. Denn die Wissenschaft zeigt mit einem ungewöhnlich großen Konsens, wie dramatisch die Bedrohung durch den Klimawandel ist.

Die Mehrheit der Deutschen befürwortet zwar einen stärkeren Klimaschutz, gleichzeitig scheuen sich viele vor grundlegenden Veränderungen in ihrem eigenen Leben. Menschen müssen jedoch ihre Mobilität verändern, von der Straße auf die Schiene umsteigen und weniger fliegen, wenn die notwendigen Klimaschutzziele erreicht werden sollen. Sie müssen sich in ihrer Ernährung umstellen. Sie müssen in ihre Wohnung investieren, in energetische Sanierung und nachhaltiges Heizen. Sie müssen ihr Konsumverhalten verändern, hin zu Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft. Nur so können die Klimaschutzziele erreicht werden, wenn man sie ernst nimmt.

Zu Recht kritisiert die eingangs erwähnte Studie: Einige Akteure in Politik und Medien schüren gezielt Phantomdebatten, um gesellschaftliche Spannungen zu verstärken und Menschen gegeneinander auszuspielen. Nutznießer dieser Strategie sind vor allem extreme Parteien und populistische Bewegungen. Doch auch demokratische Kräfte greifen zunehmend zu diesen Mitteln: Einzelne Vorfälle werden überhöht dargestellt, um ganze Gruppen unter Generalverdacht zu stellen. Geflüchtete gelten pauschal als Belastung für das Sozialsystem. Schulen sollen angeblich Schweinefleisch und Weihnachtsbäume verbieten. Klimaaktivisten werden pauschal als Terroristen diffamiert. Solche Narrative emotionalisieren, polarisieren – und verzerren die Realität. 

Populisten setzen gezielt darauf, einen Verteilungskampf zu entfachen. Sie behaupten, dass jeder Gewinn auf der einen Seite zwangsläufig einen Verlust auf der anderen bedeutet. Eine Studie aus den USA zeigt, wie dieses Nullsummen-Denken Menschen dazu bringt, sich gegeneinander statt miteinander für Lösungen einzusetzen.

Mehr Mut für Ehrlichkeit

Menschen wird suggeriert, der Vorteil anderer bedeute zwingend einen Nachteil für sie selbst. Eine auch nur geringfügige Erhöhung des Bürgergelds oder der Leistungen für Geflüchtete bedeute automatisch weniger Einkommen oder mehr Steuern für andere. Abgelehnte Asylsuchende ließen sich beim Zahnarzt die Zähne richten und dadurch müssten Deutsche auf ihren Zahnarzttermin warten. Klimaschutz und die Förderung grüner Technologien bedeuteten einen Verzicht für alle, die nicht mitmachen wollen. Mehr Staatsschulden für Bildung oder Infrastruktur führten zu höheren Steuern und einem geringeren Lebensstandard. 

Die Angst der Verantwortlichen ist groß, dass sie mit Ehrlichkeit die Menschen vor den Kopf stoßen. Daher suggerieren manche in den demokratischen Parteien, Bürger könnten ihr Leben und ihr Konsumverhalten ohne größere Veränderung fortführen.

Wir brauchen aber ein anderes, ein ehrliches Bewusstsein von dem, was notwendig ist, um eine gute Zukunft für uns und unsere Nachfahren möglich zu machen. 

Wenn immer mehr Menschen in Deutschland behaupten, die Demokratie funktioniere für sie nicht, dann sollten wir diese Menschen nicht als Opfer von Gehirnwäsche und Rechtsextremismus abtun, sondern ihre Wahrnehmung ernst nehmen. Viele fühlen sich nicht nur in ihren Freiheiten beschränkt, sie sind es auch. So sind zum Beispiel die Bildungschancen in Deutschland ungleich verteilt. Viele fühlen sich mit ihren Sorgen nicht ernst genommen und gerade Menschen in strukturschwächeren Regionen sehen, wie essenzielle Dinge der Daseinsfürsorge – von Ärzten und Apotheken, Schulen, Vereinen und Gaststätten – verschwinden.

Viel gravierender als die von Mau und seinen Kollegen beschriebene gesellschaftliche Polarisierung ist die soziale und wirtschaftliche Spaltung in Deutschland. Es ist die gemeinsame Verantwortung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, ein realistisches Bild der Gegenwart und Zukunft zu zeichnen. Es braucht entschlossenes Handeln. Die Polarisierung und die wachsende Ungleichheit müssen endlich zurückgedrängt werden. Dabei hilft kein Schönreden. Wir müssen die Probleme beim Namen nennen und Lösungen umsetzen, die von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen werden.

Themen: Bildung , Ungleichheit

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