Blog Marcel Fratzscher vom 2. Februar 2026
Die Vorschläge zur Reform des deutschen Sozialstaats erscheinen unspektakulär. Doch sie sind richtig, wenn andere Reformen hinzukommen – etwa bei der Bildung.
Die Ergebnisse der Sozialstaatskommission sind weder revolutionär noch radikal. Aber sie bedeuten einen wichtigen Schritt in der Reformdebatte über den deutschen Sozialstaat. Denn die Empfehlungen zeigen einen Weg auf, wie der Sozialstaat gerechter, wirksamer und zukunftsfähiger gestaltet werden kann – ohne die sozialen Sicherungssysteme grundsätzlich infrage zu stellen. Das ist insgesamt klug, ausgewogen und konstruktiv. Wer die Vorschläge als bloße technokratische Detailarbeit abtut, verkennt ihre gesellschaftspolitische Bedeutung.
Das wohl wichtigste Ergebnis ist die Verbesserung der Erwerbsanreize, insbesondere für Menschen mit niedrigen Arbeitseinkommen und geringen Arbeitsstunden. Heute erleben viele Menschen mit geringem Arbeitseinkommen eine paradoxe Realität: Jeder zusätzliche Euro, den sie durch Arbeit verdienen, wird ihnen zu einem großen Teil durch den Wegfall sozialer Leistungen wieder entzogen. Mehrarbeit lohnt sich häufig kaum. Genau diese Fehlanreize sind seit Jahren gut durch Studien belegt. Künftig sollen diese sogenannten Transferentzugsraten mit steigendem eigenem Einkommen abgebaut werden. Dass die Kommission hierzu konkrete Vorschläge vorlegt, ist ein großer Fortschritt. Dies ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass Arbeit sich lohnt – nicht nur rhetorisch, sondern real.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 30. Januar 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Darüber hinaus weisen die Empfehlungen in die Zukunft: weg von einem überwiegend passiven System, hin zu einem aktivierenden Sozialstaat. Dieser Perspektivwechsel ist überfällig. Zu lange war der deutsche Sozialstaat darauf ausgerichtet, Leistungen zu verwalten, statt Menschen aktiv zu befähigen, ihre Rechte wahrzunehmen und ihre Potenziale zu entfalten. Die Kommission setzt klar auf Vereinfachung, digitale Zugänge und auf eine stärkere Bringschuld staatlicher Institutionen – also darauf, dass Leistungen tatsächlich bei den Menschen ankommen. In die gleiche Richtung ging schon die Kindergrundsicherung.
Gleichzeitig sollten wir keine überzogenen Erwartungen haben. Die Umsetzung wird in vielen Bereichen Jahre dauern – teils wegen IT, Zuständigkeiten und Verwaltungsumbau, teils weil manche Vorschläge rechtlich sehr anspruchsvoll sind. Kurzfristig werden die Reformen dem Staat außerdem kaum Einsparungen bringen. Im Gegenteil: Digitalisierung und Systemumbau erfordern erhebliche Investitionen, während Effizienzgewinne erst langfristig realistisch sind. Zudem hatte die Kommission den Auftrag, dass die Reformen nicht Leistungen kürzen, aber eben auch nicht ausweiten sollten.
Zugleich gibt es kritische Stimmen von Sozialverbänden wie der Caritas: Sie warnen etwa davor, die Freizügigkeit für EU‑Bürgerinnen und ‑Bürger an (nahezu) Erwerbsarbeit in Vollzeit zu koppeln – das gehe an der Realität vieler Arbeitsmärkte vorbei. Und in Bereichen wie Eingliederungshilfe, Jugendhilfe oder Pflege seien kaum Einsparungen zu erwarten, da demografische Entwicklungen und steigende Lohnkosten die Ausgaben eher erhöhen.
Gerade deshalb darf die Reformagenda nicht zu eng werden. Viele Leistungsbeziehende haben neben Einkommensproblemen auch gesundheitliche Einschränkungen, Qualifikationsdefizite und strukturelle Barrieren. Es ist richtig, dass zusätzliche Mittel für Weiterbildung und Qualifizierung bereitgestellt werden – denn ohne bessere Qualifikation gibt es keine nachhaltige Integration in gute Arbeit.
Zugleich ist Vorsicht geboten, wichtige Errungenschaften des Bürgergelds nicht zu streichen: Der Vorrang von Qualifikation vor einer schnellen, oft prekären Arbeitsaufnahme ist gut. Kurzfristige Vermittlung in prekäre Jobs mag statistisch Erfolge bringen, führt aber langfristig oft zu instabilen Erwerbsbiografien und erneuter Abhängigkeit von sozialen Leistungen. Ein nachhaltiger Sozialstaat muss auf langfristige Integration in gute Arbeit setzen – nicht auf schnelle, symbolische Erfolge.
Der Bericht der Sozialstaatskommission leistet noch einen weiteren wichtigen Beitrag: Er entlarvt die populistische Erzählung, viele Menschen seien faul oder arbeitsunwillig. Die Realität ist komplexer. Viele Menschen – insbesondere Frauen – arbeiten weniger, als sie gerne würden, weil die Infrastruktur fehlt: unzureichende Kinderbetreuung, mangelnde Ganztagsangebote in Schulen, unflexible Arbeitszeiten. Der Sozialstaat kompensiert hier oft strukturelle Defizite, die politisch verursacht sind.
Wer das ignoriert, betreibt keine Sozialpolitik, sondern Ideologie. Ein aktivierender Sozialstaat heißt deshalb auch: Investitionen in Betreuung, Bildung und Gesundheit – nicht nur neue Regeln in der Grundsicherung.
Der Umbau des Sozialstaats kann nur gelingen, wenn Reformen in anderen Bereichen folgen. Dazu gehören bessere Bildungschancen, eine stärkere Prävention im Gesundheitswesen, flexiblere Arbeitszeitmodelle und eine Reform des Steuersystems, die Menschen mit niedrigen Einkommen entlastet. Nur im Zusammenspiel dieser Politikfelder kann der Sozialstaat seine doppelte Aufgabe erfüllen: soziale Sicherheit zu garantieren und soziale Mobilität zu ermöglichen.
Die Empfehlungen der Sozialstaatskommission sind daher ein guter Beginn – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Bundesregierung sollte sie ernst nehmen und zügig umsetzen, auch wenn dies politischen Streit und zunächst höhere staatliche Ausgaben bedeutet. Ein aktivierender Sozialstaat kostet Geld – aber ein Sozialstaat, der Menschen zurücklässt, kostet die Gesellschaft am Ende weit mehr.
Themen: Bildung , Öffentliche Finanzen , Ungleichheit