Wirtschaftspolitische Corona-Maßnahmen stabilisieren Finanzmärkte kurzfristig nur wenig

Pressemitteilung vom 4. Juni 2020

Geldpolitische und finanzpolitische Ankündigungen wirken in Corona-Krise auf Finanzmärkte unmittelbar nur mäßig stabilisierend – Staatsanleiherenditen steigen kurzfristig trotz EZB-Maßnahmen  – Aussetzung von Defizitregeln ist vor allem in Kombination mit Lockerung der Bankenregulierung wirkungsvoll – Wiederaufbaufonds könnte als Stabilisierungsmechanismus funktionieren

Die Corona-Krise hat Europa mit voller Wucht getroffen. Entsprechend umfangreich sind die wirtschaftspolitischen Gegenmaßnahmen, die auf Zentralbank-, EU- und nationaler Ebene getroffen wurden. Allein in Deutschland überschreiten die geplanten Hilfen und Garantien die Billionengrenze. Doch sind sie auch wirksam? Dieser Frage, die gerade vor dem Hintergrund des von der EU vorgeschlagenen Wiederaufbaufonds noch mal an Relevanz gewinnt, sind vier Ökonominnen und Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) in einer aktuellen Studie nachgegangen. Zwar lassen sich die langfristigen Effekte auf die Realwirtschaft zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht quantifizieren, doch lässt sich bereits jetzt ablesen, dass die Ankündigungen an den Finanzmärkten im Schnitt kurzfristig nur geringfügig stabilisierend gewirkt haben.


Grafik: DIW Berlin

Finanzmärkte reagieren auf Ankündigungen der EZB-Maßnahmen kurzfristig verhalten

Die Veränderungen der Staatsanleiherenditen und der Aktienkurse in den vier größten Volkswirtschaften der EU – Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien – zeigen nach den DIW-Modellberechnungen, dass die Ankündigungen wirtschaftspolitischer Corona-Maßnahmen an den Finanzmärkten kurzfristig teilweise verpufft sind. Insbesondere die geldpolitischen Ankündigungen der EZB haben die Staatsanleihemärkte nicht unmittelbar beruhigt, wie eigentlich zu erwarten gewesen wäre. „Von der nur sehr zurückhaltenden ersten EZB-Ankündigung am 12. März waren die Märkte eher enttäuscht. Die Staatsanleiherenditen sind sogar weiter gestiegen statt gefallen“, erläutert Studienautorin Geraldine Dany-Knedlik. Doch auch die Ankündigung des Notfallankaufprogramms PEPP hat die Anleihemärkte kurzfristig nicht wirklich stabilisieren können. Einen möglichen Grund sehen die Ökonominnen und Ökonomen darin, dass der Umfang des Programms den Märkten signalisiert haben könnte, dass die Auswirkungen der Krise noch schlimmer als erwartet ausfallen. Dennoch lässt sich davon ausgehen, dass die ausreichende Bereitstellung von Liquidität für den Bankensektor in naher Zukunft dazu beitragen wird, die Zweitrundeneffekte der Krise – zum Beispiel eine Verknappung der Kreditvergabe an die Realwirtschaft sowie eine zunehmende Anzahl notleidender Kredite – zu bewältigen.

Ankündigung des deutschen Hilfspakets beruhigt Finanzmärkte

Kurzfristig stabilisierend gewirkt haben hingegen angekündigte Lockerungen von Regulierungen, so die Aussetzung der EU-Defizitregeln, die Aufgabe der schwarzen Null in Deutschland, aber auch Lockerungen bei der Bankenregulierung. „Dies deutet daraufhin, dass diese Regulierungen allein schon dadurch wirken, dass man sie in Krisenfällen aussetzen oder lockern kann“, sagt Studienautor Stefan Gebauer. Dies war vor allem dann effektiv, wenn die Ankündigungen zeitgleich erfolgten. „Dies spricht dafür, dass im Krisenfall viele Marktteilnehmer eine Lockerung der Regulierung kurzfristig zielführender finden, um die Realwirtschaft zu unterstützen, als einen regulierten Bankensektor oder eine Schuldenbremse, auch wenn die langfristigen Effekte solcher Lockerungen ungewiss sind.“

„Das große Hilfspaket der EU wurde an den Märkten nur sehr verhalten aufgenommen.“ Kerstin Bernoth

Die nationalen finanzpolitischen Hilfspakete hatten dagegen für sich genommen wenig Wirkung. Lediglich das in Deutschland am 23. März angekündigte Hilfspaket stabilisierte sowohl die Anleihe- als auch die Aktienmärkte signifikant. Demnach wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass die im Umfang dem deutschen Hilfspaket ähnliche Drei-Säulen-Strategie der EU, die Anfang April angekündigt wurde, ebenfalls die Finanzmärkte beruhigt. „Tatsächlich wurde das große Hilfspaket der EU aber an den Märkten nur sehr verhalten aufgenommen, was sich vermutlich dadurch erklärt, dass es recht spät kam“, erklärt DIW-Ökonomin Kerstin Bernoth. Zu diesem Zeitpunkt waren die nationalen Hilfspakete schon alle geschnürt. „Um schneller und gezielter in künftigen Krisen zu reagieren, sollte ein europäischer Mechanismus, wie beispielsweise ein dauerhaft angelegter Stabilisierungsfonds, etabliert werden. Der nun von der EU geplante Wiederaufbaufonds könnte damit in die richtige Richtung gehen. Allerdings müsste er zu einem dauerhaften Mechanismus ausgebaut werden“, empfiehlt Studienautor Marius Clemens.

Links

  • Studie im DIW Wochenbericht 23/2020
  • Studie im DIW Weekly Report 23/2020 (auf Englisch)
  • Infografik in hoher Auflösung (JPG, 1.73 MB)
  • Interview mit Geraldine Dany-Knedlik
  • O-Ton von Geraldine Dany-Knedlik
    Ein europäischer Mechanismus sollte gewährleisten, dass viel schneller reagiert werden kann - Interview mit Geraldine Dany-Knedlik
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    Wirtschaftspolitische Maßnahmen gegen die Corona-Krise: Nachgeforscht bei Stefan Gebauer

Geraldine Dany-Knedlik

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Makroökonomie

Kerstin Bernoth

Stellvertretende Abteilungsleiterin in der Abteilung Makroökonomie

Marius Clemens

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Konjunkturpolitik