Warum dieser Krieg ein echtes Dilemma ist

Blog Marcel Fratzscher vom 30. März 2026

Der Krieg gegen den Iran zerreißt die westlichen Gesellschaften. Er ist völkerrechtlich kaum zu rechtfertigen, doch sein Abbruch wäre das schlimmste aller Ergebnisse. 

Der Krieg Israels und der USA gegen den Iran spaltet die westlichen Demokratien wie kaum ein geopolitisches Ereignis der jüngeren Geschichte. Die Frage, ob dieser Krieg gerechtfertigt ist, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Wohl aber lässt sich sagen, was das Schlechteste aller denkbaren Ergebnisse wäre: der gegenwärtige Status quo.

Um das Dilemma zu schärfen: Stellen Sie sich vor, wir blieben in den nächsten Jahren untätig – und der Iran entwickelt tatsächlich eine einsatzfähige Atomwaffe. Würden die heutigen Kritiker dann immer noch behaupten, ein militärisches Eingreifen sei kategorisch falsch gewesen? Dieses Gedankenexperiment beweist nicht, dass der Krieg richtig ist – ein solches Extremszenario gilt auch unter pessimistischen Geheimdiensteinschätzungen keineswegs als wahrscheinlich. Es zeigt aber, dass es keine einfache, unwiderlegbare Antwort auf diese Frage gibt, weder für Befürworter noch für Gegner.

Die politische Philosophie bietet uns zwei grundverschiedene Zugänge zu dieser Frage. Aus einer regelbasierten, kantianischen Perspektive ist der Krieg kaum zu rechtfertigen. Wenn die USA sich das Recht herausnehmen, präventiv anzugreifen, dann öffnen sie die Tür für China, Russland und andere Staaten, dieselbe Logik auf ihre eigenen Konflikte anzuwenden. Der Westen hätte kein glaubwürdiges Argument mehr dagegen, denn nach den meisten völkerrechtlichen Maßstäben tut er im Iran genau das, was er anderen vorwirft.

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 27. März 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Wenn jeder sich eine solche Ausnahme erlaubt, gibt es schlicht keine regelbasierte Weltordnung mehr. Die größten Verlierer wären ausgerechnet die westlichen Demokratien selbst, die diese Ordnung in den vergangenen acht Jahrzehnten maßgeblich geprägt haben und deren Regeln ihren eigenen Werten weit näherstehen als denen autoritärer Regime. Das Ergebnis wäre eine Welt in noch tieferen geopolitischen Konflikten – und eine höhere Wahrscheinlichkeit einer nuklearen Katastrophe. 

Niemand hat eine gute Antwort auf diesen Krieg

Aus einer utilitaristischen Perspektive hingegen lässt sich der Krieg begründen: durch die Verhinderung einer iranischen Atomwaffe und durch die Chance auf dauerhaften Frieden in der Region. Hinzu kommt ein Argument, das auch die schärfsten Kritiker nicht ignorieren können: Der Iran unterstützt seit Jahren bewaffnete Gruppen, die Israel und westliche Interessen angreifen – durch die Hisbollah im Libanon, durch die Hamas in Gaza, durch die Huthi im Jemen und weitere Gruppierungen. Wer von Israel Zurückhaltung fordert, muss erklären, wie sich das Land gegen reale, tägliche Bedrohungen verteidigen soll. Zugleich gilt: Auch Israel hat in der Region militärisch agiert, und die Geschichte westlicher Interventionen – Irak, Libyen, Afghanistan – mahnt zur Vorsicht vor der Annahme, militärische Gewalt schaffe langfristig Stabilität.

Die Aufkündigung des Atom-Abkommens zerstörte die Regeln

Verhandlungen schienen einst einen Ausweg zu bieten. Das Atomabkommen der Obama-Regierung mit dem Iran vor über zehn Jahren schien genau diesen Weg zu eröffnen: wirtschaftlicher und politischer Druck, um das Regime zur Aufgabe seines Atomprogramms zu bewegen, ohne die regelbasierte Ordnung zu untergraben. Die Aufkündigung des Abkommens durch die erste Trump-Administration hat diese Möglichkeit zerstört. Was bleibt, ist eine bittere Erkenntnis: Ob man den Krieg für gerechtfertigt hält oder nicht, ein dauerhafter politischer Wandel im Iran ist das einzige Ergebnis, das diesen Krieg im Nachhinein rechtfertigen könnte.

Scheitert der Regimewechsel, untergräbt der Krieg sein eigenes Ziel. Ein geschwächtes, aber überlebendes Regime hätte stärkere Motive denn je, sich durch Atomwaffen vor künftigen Angriffen zu schützen. Ein Kriegsende ohne Regimewechsel würde die Wahrscheinlichkeit einer iranischen Atombombe langfristig erhöhen, nicht senken. Es wäre das denkbar schlechteste Ergebnis. Dabei bleibt ein Regimewechsel eine gefährlich unscharfe Zielformulierung. Die Erfahrungen im Irak nach 2003, in Libyen nach 2011 und in Afghanistan zeigen, dass die Ablösung eines Regimes erst der Anfang eines langen und oft destabilisierenden Prozesses ist. Wer dieses Ziel proklamiert, muss konkret benennen, wer danach die politische Ordnung des Iran gestaltet, mit welcher Legitimation und mit welchen Ressourcen. Diese Antworten fehlen bislang.

Für den Westen geht es um deutlich mehr als nur Ölpreise

Wer dem utilitaristischen Argument folgt, darf die Konsequenzen dieses Krieges nicht ausblenden. Das Leid der iranischen Zivilbevölkerung – Tote, Vertriebene, die Zerstörung von Infrastruktur – ist bereits jetzt immens. Auch im Libanon, in Israel und weit darüber hinaus steigen die humanitären und wirtschaftlichen Kosten täglich. Dubai ist eines der wichtigsten globalen Logistikzentren für humanitäre Hilfsgüter; Unterbrechungen dort treffen Krisengebiete weltweit. Ein Drittel des weltweit gehandelten Düngers passiert die Straße von Hormus – Engpässe bedrohen die Ernährungssicherheit in Ländern wie Pakistan und Bangladesch. Höhere Energiepreise treffen nicht nur reiche Industrieländer wie Deutschland, wo die Wirtschaft bei einer Eskalation erneut in eine Rezession rutschen könnte. Sie treffen vor allem die ärmsten Länder im Globalen Süden, wo Kapitalflucht und Währungsabwertung die Bedienung von Schulden zunehmend unmöglich machen.

Russland profitiert

Geopolitisch profitiert vor allem Russland: Steigende Energiepreise stärken Putins Einnahmen aus Öl- und Gasexporten erheblich – verschiedene Schätzungen gehen von zusätzlichen Einnahmen im zweistelligen Milliardenbereich aus, je nach Preisniveau und Exportmengen. Dies stärkt seine Verhandlungsposition gegenüber den USA und schwächt die Ukraine, der Munition und Abwehrraketen fehlen.

Auch die Verteilungsfrage stellt sich innerhalb unserer Gesellschaften mit neuer Schärfe: Hohe Inflation bei Energie und Lebensmitteln trifft Menschen mit geringen Einkommen überproportional und verschärft die soziale Schieflage. Gleichzeitig wächst die geopolitische Spannung zwischen China und den USA. Und Europa muss sich auf mögliche Fluchtbewegungen aus dem Iran und dem Libanon vorbereiten.

Der Krieg belastet vor allem die westlichen Demokratien

Manche argumentieren, 30 Cent mehr pro Liter Benzin oder höhere Preise für die Grundversorgung seien Grund genug für ein schnelles Kriegsende. Es lässt sich bezweifeln, ob diese Kosten es wert sind, den Nahen Osten dauerhaft zu destabilisieren und eine nukleare Eskalation zu riskieren. Aber genau diese alltäglichen Belastungen werden letztlich ausschlaggebend sein – für die Wähler*innen in den USA und in Europa. Sie könnten Trump dazu bewegen, den Krieg zum gegenwärtigen Status quo beizulegen: mit einem geschwächten, aber intakten iranischen Regime, das mehr denn je motiviert ist, eigene Atomwaffen zu entwickeln und die eigene Bevölkerung noch härter zu unterdrücken. Das wäre das schlechteste aller Ergebnisse.

Die westlichen Demokratien stehen daher vor einem echten Dilemma: Ein Krieg, der völkerrechtlich kaum zu rechtfertigen ist, dessen Abbruch aber die Welt unsicherer machen würde als sein Fortgang. Europa und Deutschland können diese Entscheidung nicht treffen – aber sie können den Kontext beeinflussen: durch humanitären Druck auf die Kriegsparteien, durch energiepolitische Resilienz, durch finanzielle Unterstützung der am härtesten getroffenen Länder des Globalen Südens und durch das Offenhalten diplomatischer Kanäle.

Die Lehre aus diesem Krieg ist, dass es Diplomatie, Verhandlungen und eine starke multilaterale Ordnung braucht, bevor man vor solch unmöglichen Entscheidungen steht. Diese Chance wurde vertan. Nun muss der Westen mit den Konsequenzen leben – und alles dafür tun, dass nicht das schlechteste Ergebnis Realität wird.

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