Blog Marcel Fratzscher vom 26. Oktober 2026
Wenn Menschen das Gefühl haben, es nicht mehr zu schaffen, entsteht daraus eine enorme Wut. Die Politik muss gezielt helfen, statt Signale an die Falschen zu senden.
Frankreich brennt, auch in Griechenland gibt es Demonstrationen. Was Anfang Oktober als Schülerprotest gegen marode Schulen begann, ist am vergangenen Wochenende zu landesweiten Massenprotesten gegen die explodierenden Lebenshaltungskosten geworden: mehr als eine halbe Million Menschen auf den Straßen, ein brennendes Rathaus in Limoges, geplünderte Geschäfte, über 1.800 Festnahmen. Gewalt ist durch nichts zu rechtfertigen. Aber wer glaubt, die Wut vieler junger Menschen in Frankreich habe mit Deutschland nichts zu tun, der irrt.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 23. Oktober 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Denn auch hierzulande gelten die steigenden Lebenshaltungskosten seit Jahren als eines der beiden wichtigsten Probleme. Die Angst davor liegt 2026 mit 59 Prozent auf Platz eins der größten Ängste der Deutschen, im Eurobarometer gelten steigende Preise als das wichtigste Problem des Landes. Die steigenden Lebenshaltungskosten machen den Menschen extrem zu schaffen und senken auch das Vertrauen der Deutschen in den wirtschaftlichen Wohlstand.
Dabei ist vieles gut: Die meisten Menschen in Deutschland haben heute einen deutlich höheren materiellen Lebensstandard als vor 20 Jahren, auch wenn sich das für viele anders anfühlen mag. Die realen Haushaltseinkommen lagen 2021 im Schnitt um 35 Prozent über dem Niveau von 1995, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zeigt. Doch die Verbesserungen waren extrem ungleich verteilt: Das reichste Zehntel legte real um 58 Prozent zu, das ärmste Zehntel hatte 2021 real kein höheres Einkommen als 1995. Sie sind weiter vom gesellschaftlichen Durchschnitt entfernt als vor 20 Jahren. Für Teilhabe und das Gefühl, mitzukommen, ist dieser Abstand mindestens so wichtig wie die absolute Kaufkraft.
Über die letzten fünf Jahre ist der Lebensstandard für viele Menschen kaum oder gar nicht gestiegen, für manche ist er gesunken. Die Preise liegen heute gut ein Viertel über dem Niveau von 2020, die Reallöhne lagen 2025 aber noch immer unter denen von 2019. Die Inflation war und bleibt höchst unsozial. Sie trifft die verletzlichsten Gruppen unserer Gesellschaft viel stärker als andere. Der Inflationsmonitor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zeigt, dass Familien mit geringen Einkommen im Herbst 2022 eine Inflationsrate von elf Prozent schultern mussten, wohlhabende Alleinlebende hingegen von knapp acht Prozent. Auch über den längeren Zeitraum seit 2019 waren Familien mit niedrigen und mittleren Einkommen besonders stark von der Teuerung betroffen, und 2026 trifft sie der Ölpreisschock an der Tankstelle erneut am stärksten.
Wer Sozialhilfe bezieht, hat nach den kräftigen Erhöhungen 2023 und 2024 durch zwei Nullrunden bis Ende 2026 rund fünf Prozent an Kaufkraft verloren. Gemessen am Grundbedarf liegt das Kaufvermögen eher unter als über dem Niveau von 2021. Rentner*innen mit geringen Einkommen geben inzwischen fast ein Drittel ihrer Konsumausgaben allein für Lebensmittel und Energie aus, hinzu kommt das Wohnen. Das spiegelt sich in der überdurchschnittlich hohen Altersarmut wider: Fast jede fünfte Person über 65 Jahre ist armutsgefährdet.
Und dann ist da das Wohnen, die wichtigste soziale Frage unserer Zeit. Die Preisindizes erfassen vor allem bestehende Mieten. Wer aber eine Wohnung sucht, und das sind vor allem junge Menschen, zahlt Angebotsmieten, die in den Großstädten seit 2016 um 43 Prozent gestiegen sind, in Berlin um 69 Prozent. Jeder dritte Mieterhaushalt ist mit seinen Wohnkosten überfordert. Umziehen, etwa für Ausbildung oder Job, können sich viele nicht leisten, weil das Angebot so gering ist – die Kosten sind teils exorbitant gestiegen.
Erstens sinken die Preise nicht wieder, sie bleiben auf hohem Niveau. Und gestiegen sind nicht die Preise für Luxusgüter, sondern für die Grundversorgung: Lebensmittel kosten knapp 40 Prozent mehr als 2019, Energie mehr als ein Drittel. Verletzliche Gruppen haben keine Möglichkeit, hier zu sparen. Zweitens erleben viele Menschen sechs Jahre ohne Wohlstandsgewinn. Drittens machen sich viele Zukunftssorgen darüber, dass die Löhne nicht im selben Maße steigen wie die Preise, sie vielleicht den Arbeitsplatz verlieren und die Wirtschaft 2026 kaum noch wächst. Wer Angst hat, spart und konsumiert weniger – und schwächt damit die Wirtschaft zusätzlich.
Viertens, und das wird oft übersehen: Die Ungleichheit bei den privaten Ersparnissen ist extrem. Knapp ein Drittel der Menschen lebt in Haushalten, die eine unerwartete höhere Ausgabe nicht aus eigenen Mitteln stemmen können. Wer keine Rücklagen hat, ist jedem Preisschock schutzlos ausgeliefert und extrem abhängig vom Sozialstaat. Doch der Sozialstaat ist kein Ersatz für fehlende Ersparnisse. Die ungleiche Verteilung der Ersparnisse ist ein ganz wesentlicher Grund für die Angst vor explodierenden Lebenshaltungskosten.
Ja, ein Teil ist auch gefühlte Inflation: Menschen nehmen steigende Preise stärker wahr als stabile oder sinkende. Die Harvard-Ökonomin Stefanie Stantcheva hat gezeigt, dass die meisten Menschen glauben, Preise stiegen systematisch schneller als ihre Löhne. Aber das ist nur ein kleiner Teil der Erklärung. Die meisten Gründe sind real.
Was sollte die Politik tun, um Abhilfe zu schaffen? Die Leistungen für Familien und Kinder sowie für Menschen in der Grundsicherung müssen erhöht werden. Und wenn der Staat schon Steuern senkt, dann doch bitte die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel im Supermarkt, nicht die Steuern an der Tankstelle. Zudem brauchen wir eine Energiepreispauschale wie 2022, diesmal aber nur für Menschen mit geringen und mittleren Einkommen, und ein sozial gestaffeltes Klimageld.
Bezahlbarkeit ist eine Frage der Demokratie und nicht nur des Lebensstandards. Wir treiben immer mehr Menschen zu politisch extremen und häufig schädlichen Positionen, wenn die Grundversorgung deutlich teurer wird – auch, weil einige Unternehmen eine enorme Marktmacht aufbauen, die ihnen stark steigende Gewinne beschert. Auch deshalb sind eine Übergewinnsteuer (wenn sie umgesetzt werden kann) und eine stärkere Besteuerung großer Vermögen notwendig, beispielsweise bei Immobiliengewinnen und Unternehmensanteilen. Vorsicht geboten ist jedoch bei Preiskontrollen, wie sie von manchen gefordert werden. Deutlich effektiver ist es, Missbrauch zu verhindern und Menschen mit geringen Einkommen direkt mit Transfers zu unterstützen.
Politik und Gesellschaft müssen die immer weiter steigenden Lebenshaltungskosten ernst nehmen. Für die betroffenen Gruppen wird es auf Jahre kaum besser werden. Doch die Bundesregierung setzt die falschen Prioritäten. Sie gibt 2,5 Milliarden Euro für einen Tankrabatt bis Jahresende aus, der vor allem denen hilft, die viel fahren, und der Rentnerin ohne Auto gar nichts bringt. Gleichzeitig will sie rund 400.000 Haushalten das Wohngeld streichen und die Heizkostenkomponente halbieren. Rabatt für Vielfahrer, Kürzung für Rentnerinnen – das ist einfach falsch.
Hilfen dürfen nicht vor allem den Besserverdienenden zugutekommen. Sie müssen zielgenau sein. Frankreich zeigt, was passiert, wenn eine Gesellschaft das Vertrauen verliert, dass es gerecht zugeht.
Themen: Rente und Vorsorge , Ungleichheit , Verteilung