Wir müssen dringend wieder mehr reisen

Blog Marcel Fratzscher vom 28. Juni 2021

Mit wachsendem Wohlstand steigt der Wunsch zu reisen. Daran wird sich auch künftig nichts ändern. Und das ist auch gut so – trotz Klimawandel und Pandemien.

Dieser Text erschien am 28. Juni 2021 in der Zeit Online-Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen.

"Reisen ist fatal für Vorurteile, Intoleranz und Engstirnigkeit" schrieb Mark Twain. Wenn er recht hat, dann war die Pandemie keine gute Zeit für einen offenen Geist und Toleranz, denn kaum eine Aktivität hat die Corona-Pandemie in den vergangenen Monaten so stark eingeschränkt wie das Reisen. Nicht wenige fordern, aus Gründen des Klimaschutzes und der zeitlichen Effizienz solle das Reisen permanent beschränkt werden. Die Realität ist jedoch, dass mit zunehmendem Wohlstand in der Welt immer mehr Menschen immer mehr reisen wollen und werden. Das ist gut so, da es uns hilft, mentale Barrieren abzubauen und Identität nicht länger nur innerhalb enger nationaler Grenzen zu definieren. Gleichzeitig stärkt der Blick über den Tellerrand globale Kooperation und Solidarität – die fehlende globale Ausrichtung der Impfkampagne zeugt hier von einem leidvollen Versagen.

Dramatische Entwicklung für die Tourismusbranche

Die Reiseaktivitäten sind in der Pandemie drastisch zurückgegangen: auf dem Höhepunkt der ersten Infektionswelle um fast 90 Prozent bei internationalen Reisen und immer noch mehr als 70 Prozent in der zweiten und dritten Infektionswelle Anfang 2021. Besonders stark waren Flugreisen betroffen, die rund 60 Prozent aller internationalen Reisen ausmachen (zum Vergleich: 35 Prozent der internationalen Reisen finden per Auto statt, vor allem in Europa, fünf Prozent auf dem Wasser und nur ein Prozent mit dem Zug). Die Reise- und Tourismusbranche – Fluggesellschaften, Reisebüros, Hotels, Gastronomie und viele andere mehr – gehört somit zu den größten Verlierern der Pandemie. Weltweit arbeiten 330 Millionen Menschen in dieser Branche – das sind zehn Prozent aller Jobs.

Für manche kleinen Länder wie Macau oder die Malediven macht der Tourismus mehr als 60 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung aus. Aber selbst in manchen Teilen südeuropäischer Länder wie Spanien oder Griechenland erwirtschaftet die Branche teilweise mehr als 20 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Vor allem Menschen mit geringeren Löhnen und Einkommen sind im Tourismus tätig und hatten in der Pandemie kaum Ausweichmöglichkeiten, sodass ihnen nur die Kurzarbeit oder die Arbeitslosigkeit blieb.

Auch in Deutschland sind viele Millionen Menschen direkt oder indirekt von den drastisch eingebrochenen Reiseaktivitäten betroffen, insbesondere in strukturschwächeren Regionen. Zudem erlitten häufig kleine und familiengeführte Unternehmen – Gaststätten, Pensionen oder Reisebüros – besonders starke Einbrüche. Für die Tourismusbranche war die Pandemie also alles andere als ein Gleichmacher. Sie hat bestehende Unterschiede und die soziale und wirtschaftliche Polarisierung nochmals verstärkt.

Das Ende des sorglosen Reisens

Es gibt gute Gründe, wieso Menschen nach der Pandemie erst einmal nicht wieder so viel reisen werden wie vorher. Viele realisieren, dass ein zweistündiges Treffen keine Dienstreise durch das halbe Land erfordert und fast genauso gut digital stattfinden kann. Vor allem Unternehmen sehen die Möglichkeit, durch weniger Reisen zu sparen und die Effizienz zu steigern. Und immer mehr Menschen wird bewusst, dass das Reisen per Flugzeug oder Auto mit zu den größten Verursachern des Klimawandels gehört, und werden sich zunehmend ihrer individuellen Verantwortung zum Klimaschutz bewusst. So sorglos wie vor der Pandemie werden wir wohl nie wieder reisen.

Waren internationale Reisen im vergangenen Jahrhundert noch höchst elitär, hat sich dies in den vergangenen Jahrzehnten rapide verändert. Im Jahr 1950 sind weltweit nur 25 Millionen Menschen über nationale Grenzen hinweg verreist, 2019 waren es bereits 1,5 Milliarden. Das ist zwar ein dramatischer Anstieg, bedeutet jedoch auch, dass "nur" einer von fünf Menschen weltweit international unterwegs war. Es ist also durchaus noch Luft nach oben. Mit zunehmendem Wohlstand wird sich dieser Trend in den kommenden Jahren und Jahrzehnten fortsetzen – trotz Sorge um Klimawandel und Effizienz.

Je mehr Menschen weltweit aus der Armut zu einem zumindest bescheidenen Wohlstand finden, desto mehr Menschen werden sich durch ihre Neugierde und ihr Verlangen, die Welt zu sehen, auf internationale Reisen begeben. Wie schnell und dramatisch diese Entwicklung sein kann, zeigt das Beispiel Chinas: Waren im Jahr 1999 nur lediglich neun Millionen der damals gut 1,2 Milliarden Chinesinnen und Chinesen zumindest einmal im Jahr international unterwegs, so waren es 2018 bereits 150 Millionen bei inzwischen 1,4 Milliarden Gesamtbevölkerung.

Das Problem muss gemeinschaftlich gelöst werden

Der Trend könnte sich nochmals beschleunigen, wenn Länder wie Indien, Indonesien, Pakistan oder Vietnam – zusammen genommen mit fast zwei Milliarden Menschen – ihren wirtschaftlichen Wachstumskurs fortsetzen. Die gute Nachricht ist: Europa zieht noch immer die Hälfte aller international Reisenden weltweit an und wird daher wirtschaftlich von diesem Trend stark profitieren. Auch wenn der Tourismus für Deutschland eine geringere wirtschaftliche Bedeutung hat als für viele südeuropäische Länder, so spielt dieser für Städte wie Berlin bereits heute eine erhebliche Rolle.

Die schlechte Nachricht ist und bleibt die negative Auswirkung für Klima und Umwelt, aber auch für die Gesundheit: Covid-19 hätte sich vor 20 oder 40 Jahren wohl kaum so rasant zu einer solch globalen Pandemie ausweiten können. In jeglicher Hinsicht zeigt das Reisen, dass die Welt nicht nur durch den Handel von Gütern und Finanzströmen, sondern auch durch permanente Migration und das Reisen unumkehrbar zusammengewachsen ist und fast alle großen Herausforderungen unserer Zeit – vom Klimaschutz, über den technologischen Wandel bis hin zu Migration und Pandemien – nur gemeinschaftlich global gelöst werden können.

Die beste Medizin gegen Rassismus und Nationalismus

Trotz der negativen Seiten des internationalen Reisens überwiegen also die positiven Aspekte – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial und humanitär. Das Reisen hilft, Vorurteile abzubauen und Verständnis und Wertschätzung über Kulturen hinweg zu schaffen, so wie das Zitat von Mark Twain es beschreibt, und ist somit eines der wirkungsvollsten Instrumente, um Rassismus, jegliche Art von Diskriminierung, Populismus und Nationalismus zu bekämpfen. Anstatt internationale Reisen zu begrenzen, sollte die Politik diese fördern – und das möglichst klimaschonend. So wären ein kostenloses Interrail-Ticket für alle Jugendlichen und eine deutliche Stärkung des Erasmus-Programms für Studierende und Auszubildende – nicht nur für Europa, sondern weltweit – das bestinvestierte Geld, um jungen Menschen Perspektiven für ihr Leben zu eröffnen. Und es würde langfristig viele internationale Konflikte vermeiden oder zumindest zu lösen helfen, globale Solidarität nicht mehr ein Fremdwort sein lassen und internationaler Kooperation zum Erfolg verhelfen. Also allen Klimaargumenten zum Trotz: Wir müssen dringend wieder mehr reisen, alle von uns.

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