Was uns die Angst vor Kriminalität kostet

Blog Marcel Fratzscher vom 11. August 2025

Deutschland ist sicherer, als viele denken. Doch die Angst vor Kriminalität nimmt zu. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schäden sind enorm.

In kaum einem Bereich klaffen subjektive Wahrnehmung und objektive Fakten so weit auseinander wie bei der Kriminalität. Während sich manche Menschen in Deutschland unsicher fühlen und Angst vor wachsender Gewalt äußern, zeichnen die Statistiken oft ein anderes Bild: Die Kriminalität ist – mit wenigen Ausnahmen – seit Jahren rückläufig. Besonders in Zeiten starker Zuwanderung, etwa zwischen 2015 und 2017, wird die Kluft zwischen gefühlter und tatsächlicher Kriminalitätslage deutlich. Diese Diskrepanz unterstreicht, wie wichtig verantwortungsvolle politische Rhetorik und sachliche Berichterstattung sind.

Diese Kolumne von  Marcel Fratzscher, Anna Bindler und Hannah Walther erschien am 8. August 2025 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Inwieweit spiegeln Sorgen vor Kriminalität die Sicherheitslage in Deutschland wider? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Es lohnt sich, mit einem Blick auf die Entwicklung der Kriminalität in Deutschland zu beginnen. Wie die Polizeiliche Kriminalstatistik des BKA zeigt, ist die Zahl der registrierten Straftaten pro 100.000 Einwohner – wie üblich bereinigt um ausländerrechtliche Verstöße – in Deutschland seit Anfang der Neunzigerjahre im Trend gesunken. Auch nach einem kurzfristigen Anstieg direkt nach der Coronapandemie sind die Kriminalitätsraten 2024 im Vergleich zum Vorjahr insgesamt wieder zurückgegangen – und liegen auf einem geringeren Niveau als vor 20 Jahren, wie eine Studie des DIW Berlin zeigt.

Deutschland ist sicherer geworden

Natürlich müssen solche Zahlen mit Vorsicht interpretiert werden: Sie können nur das Hellfeld darstellen – also Fälle, die der Polizei gemeldet werden oder bekannt sind. Veränderungen in der Intensität von Kriminalität bilden sie erst einmal nicht ab. Trotzdem lassen sie eine klare Tendenz erkennen: Deutschland ist in den letzten 20 Jahren insgesamt sicherer geworden.

Die Angst vor Kriminalität hat weitreichende Folgen

Dem gegenüber steht die Entwicklung der Sorgen vor Kriminalität. Eine Studie des DIW Berlin hat Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) dazu ausgewertet. Machte sich Anfang der Nullerjahre noch fast die Hälfte aller Befragten große Sorgen um die Kriminalitätsentwicklung in Deutschland, war es 2013 nur noch knapp jede dritte Person. Dieser Rückgang lief parallel zu den sinkenden Kriminalitätsraten. Von 2014 bis 2016 veränderte sich dieses Muster aber: Während Kriminalitätsraten insgesamt weiter zurückgingen, stieg der Anteil derjenigen, die sich große Sorgen machten, um rund 15 Prozentpunkte auf 47 Prozent.

Terroranschläge und Berichterstattung haben sich auf die Angst ausgewirkt

Warum das so ist, lässt sich aus der zeitlichen Entwicklung allein nicht ableiten. Die Gegenläufigkeit von Kriminalität und Sorgen vor Straftaten fällt allerdings in eine Zeit starker Zuwanderung und einer Reihe von Terroranschlägen in Europa. Es ist davon auszugehen, dass sich diese Ereignisse – auch durch eine verstärkte Berichterstattung und politische Rhetorik – auf die Angst vor Kriminalität ausgewirkt haben. Nach diesem Anstieg nahmen die Sorgen wieder ab – bis zu den Jahren nach der Pandemie. Gerade in den vergangenen Jahren stiegen sie wieder.

Das Sicherheitsgefühl ist ungleich verteilt

Menschen ändern ihr Verhalten, meiden zum Beispiel bestimmte Orte, schränken ihre Bewegungsfreiheit ein oder geben mehr Geld für private Sicherheitsmaßnahmen aus. Einerseits kann solches Vermeidungsverhalten das Risiko, Opfer von Kriminalität zu werden, verringern. Andererseits kann es sich stark negativ auf die Lebensqualität von Menschen auswirken. Besonders kritisch wird das, wenn subjektive Wahrnehmungen und eigentliche Kriminalitätsentwicklungen auseinanderlaufen.

Ein oft übersehener Aspekt dabei ist, dass Furcht vor Kriminalität ungleich verteilt ist. So zeigt die DIW-Studie auch: Ältere Menschen, Frauen, Menschen mit geringerem Einkommen und geringer Bildung sorgen sich eher um die Kriminalitätsentwicklung in Deutschland und Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich in ihrer Wohnumgebung unsicherer. Diese Gruppen sind ohnehin stärker von Unsicherheit betroffen.

Nord-Süd-Gefälle

Auch regional gibt es Unterschiede: In Süddeutschland sind Kriminalitätsbelastung und Unsicherheitsgefühl geringer als im Norden und in vielen Großstädten. Doch selbst in vielen urbanen Regionen mit höherer Kriminalität fühlen sich Menschen nicht automatisch extrem unsicher, wie auch die Auswertung der Daten des Gleichwertigkeitsberichts der Bundesregierung 2024 in der DIW-Studie zeigt. Das veranschaulicht, wie andere Faktoren und der eigene Kontext das Sicherheitsgefühl prägen können.

Unterschiedliche Angst, unterschiedliche Parteien

Soziale Ungleichheiten können durch Kriminalitätsangst verstärkt werden. Sie kann gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe beeinflussen und das Vertrauen in Staat, Justiz und Politik potenziell untergraben. Insofern ist das Sicherheitsgefühl auch ein Maß für sozialen Zusammenhalt. Vielleicht zeigt sich das im Ansatz schon daran, wie unterschiedlich stark sich Menschen verschiedener politischer Meinungen von Kriminalität bedroht fühlen. Daten des Politbarometers der Forschungsgruppe Wahlen, aufbereitet in der DIW-Studie, verdeutlichen das: Bei Anhänger*innen von CDU/CSU, SPD und den Linken schwankt der Anteil derjenigen, die sich durch Kriminalität in Deutschland bedroht fühlen, in den vergangenen 20 Jahren zwischen 20 und 40 Prozent – liegt aber meist in einem ähnlichen Bereich. Bei denen der Grünen ist der Anteil geringer, bei denen der AfD deutlich höher, mit über 60 Prozent im Jahr 2023.

Bildung und Prävention

In dieser Situation ist eine besonnene, auf Prävention setzende Politik gefordert. Wir sollten über soziale Ursachen von Gewalt sprechen, über Bildung, soziale Integration und Chancengleichheit, und Kriminalität nicht instrumentalisieren. Auf ein so komplexes und vielschichtiges Problem wie Kriminalität gibt es keine einfache Antwort. Vereinfachte Narrative sollten vermieden werden, um keine unverhältnismäßigen Ängste zu schüren oder spätere Enttäuschungen hervorzurufen. Es braucht vielmehr eine evidenzbasierte und rationale Kriminalpolitik, die Prävention und effektive Strafverfolgung kombiniert, um Kriminalität nachhaltig zu bekämpfen.

Eine besonnene Politik ist gefordert

Letztendlich sind Kriminalität, tatsächliche und gefühlte Sicherheit auch Fragen von Gerechtigkeit. Denn Sicherheit ist kein Privileg, sondern ein öffentliches Gut für alle. Dafür braucht es Engagement für mehr soziale Teilhabe, für gleiche Chancen und gegen Diskriminierung – zusammen mit einer rationalen Kriminalpolitik.

keyboard_arrow_up