Blog Marcel Fratzscher vom 18. August 2025
Die Diskriminierung von übergewichtigen Menschen am Arbeitsplatz ist ein wachsendes Problem. Besonders Frauen verdienen schlechter, wegen neuer, alter Schönheitsideale.
Übergewicht hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer großen gesundheitlichen Herausforderung mit pandemischen Ausmaßen entwickelt. Die WHO spricht schon seit 1997 von einer globalen Epidemie. Wir wissen zwar viel über die Auswirkungen von Übergewicht auf die Gesundheit und die Sozialsysteme, eine andere Dimension aber bleibt häufig unbeachtet. Menschen mit höherem Körpergewicht zahlen auf dem Arbeitsmarkt einen Preis, der weit über die gesundheitlichen Aspekte hinausreicht. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Übergewicht zu den Faktoren gehört, für die Menschen im Arbeitsmarkt mit am stärksten diskriminiert werden – allerdings vorwiegend Frauen.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 15. August 2025 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Ab einem Body-Maß-Index (BMI) von 25 bis 30 spricht man von Übergewichtigkeit, ab einem BMI von 30 von Fettleibigkeit. Beides hat sich in vielen Gesellschaften zu einem Massenphänomen entwickelt. Im Jahr 1960 waren noch 45 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner übergewichtig oder fettleibig, aktuell sind es nach offiziellen Zahlen 74 Prozent. Ähnliche Entwicklungen finden sich in anderen Industrie- und zunehmend auch in Schwellenländern.
Die Kosten für die Gesundheit und für das Gesundheitssystem sind enorm. So werden für Deutschland die direkten Kosten durch Arztbesuche oder Medikamente und die indirekten Kosten, wie erhöhte Krankheitstage am Arbeitsplatz, auf 60 Milliarden Euro geschätzt – oder auf 1,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.
Was wenigen bekannt ist: Übergewichtige Frauen – und nur selten übergewichtige Männer – werden am Arbeitsplatz stark und wachsend diskriminiert. Eine aktuelle wissenschaftliche Studie für die USA kann eine direkte Kausalität herstellen: Frauen erhalten eine deutlich schlechtere Bezahlung allein aufgrund des Übergewichts und nicht wegen anderer Faktoren, die mit Übergewicht einhergehen können (wie eine schlechtere Gesundheit).
Wie stark diese Diskriminierung ausfällt, zeigte schon eine US-Studie aus dem Jahr 2011: Der Stundenlohn fettleibiger, weißer Frauen in den USA ist um zwölf Prozent geringer als der normalgewichtiger Frauen. Diese Unterschiede haben eine ähnliche Größenordnung wie der Gehaltsunterschied unter den Geschlechtern, der Gender Pay Gap. Oder in anderen Worten: Übergewichtig zu sein, führt fast genauso so stark zu einem geringeren Stundenlohn, wie eine Frau zu sein. Hinzu kommt, dass die Diskriminierung übergewichtiger Frauen mit dem Alter zunimmt.
In der aktuellen Studie können zudem die spezifischen Ursachen für die Diskriminierung von Übergewicht identifiziert werden. So entsteht die Diskriminierung vor allem in Berufen, in denen Frauen eine starke Interaktion und Kommunikation mit Kunden und mit den eigenen Vorgesetzten haben. Grund für die geringere Entlohnung ist also nicht ihre Leistung im Team, sondern das Feedback von Kunden und Vorgesetzten.
Das Übergewicht lässt also die Kunden und die eigenen Vorgesetzten die Leistung von Frauen schlechter beurteilen, als sie wirklich ist. Andere Studien bestätigen ähnliche Resultate für Deutschland. Die Diskriminierung lässt sich nicht nur an den niedrigeren Löhnen ablesen. Auch das Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren, ist höher und die Chance, eine neue Beschäftigung zu finden, geringer.
Diskriminierung im Arbeitsmarkt aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, Alter, Ethnizität oder Gewicht ist somit weitverbreitet. Die Tatsache, dass häufig nicht nur nach Leistungen entlohnt und beurteilt wird, sondern auch aufgrund von Äußerlichkeiten, sagt viel über die Werte einer Gesellschaft – oder zumindest über die Werte der dominierenden Schicht. Diese ist meist von patriarchalischen Strukturen geprägt, was auch der Grund sein dürfte, dass übergewichtige Frauen viel häufiger diskriminiert werden als übergewichtige Männer.
Die gute Nachricht: In vielen Bereichen ändern sich diese Werte und die Diskriminierung wird abgebaut. So zeigt eine Studie für die USA, dass sich die gesellschaftliche Akzeptanz von Minderheiten bei Ethnizität, Hautfarbe und sexueller Orientierung deutlich verbessert hat und somit auch die Diskriminierung im Arbeitsmarkt abnimmt.
Die schlechte Nachricht: Auf Übergewicht trifft dies nicht zu. Der Anteil der Bevölkerung in den USA, die Übergewicht als problematisch und übergewichtige Menschen als negativ ansieht, hat seit 2004 um 40 Prozent zugenommen. Dies ist eine Erklärung, wieso auch die Diskriminierung wegen des Körpergewichts am Arbeitsplatz nicht abnimmt, sondern zunimmt, obwohl übergewichtige Erwachsene in den USA schon die Mehrheit stellen.
Die wissenschaftliche Studie nennt zwei Gründe, wieso Übergewicht zunehmend negativ gesehen wird. Der erste Grund ist, dass trotz des steigenden Anteils an Übergewichtigen gleichzeitig das Bewusstsein von Übergewicht als gesundheitlichem Risiko und für die damit verbundenen Kosten wächst.
Ein zweiter Grund ist die Vorstellung, dass Körpergewicht leicht kontrollierbar und die bewusste Entscheidung jedes Einzelnen sei. Dabei spielen genetische Eigenschaften und gesundheitliche Gründe, über die der Einzelne keine oder wenig Kontrolle hat, eine große Rolle. Ein weiterer Grund, der in den letzten Jahren die negative Einstellung gegenüber Übergewicht erhöht haben dürfte, ist wohl der zunehmende Einfluss der sozialen Medien auf Schönheitsideale, vor allem von Frauen.
Wir wissen nicht, wie und ob die Diskriminierung aufgrund des Gewichts in Zukunft stärker wird. Was wir heute wissen, ist, dass die Diskriminierung im Arbeitsmarkt wegen des Körpergewichts erheblich ist. Zudem könnten die sozialen Medien die Werte innerhalb unserer Gesellschaft so verschieben, dass diese Diskriminierung weiter zunimmt. Einige Bundesstaaten in den USA haben Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts explizit verboten und Sanktionen angedroht. Es ist eher unwahrscheinlich, dass solche Gesetze effektiv sein werden.
Daher ist es umso wichtiger, dass wir den öffentlichen Diskurs zur Rolle von Gewicht und Schönheitsidealen verändern, auch um die Diskriminierung zu begrenzen und abzubauen. Nicht nur die gesundheitlichen Folgen der Übergewichtigkeit stellen ein erhebliches Problem dar, sondern auch der gesellschaftliche Umgang mit ihr.
Themen: Arbeit und Beschäftigung , Ungleichheit , Wohlbefinden