Blog Marcel Fratzscher vom 25. August 2025
Die Reallöhne in Deutschland wachsen seit Jahren, vor allem dank des Mindestlohns. Die Ungleichheit nimmt trotzdem zu. Woran liegt das?
In der Frustration über die wirtschaftliche Lage in Deutschland gehen einige positive Entwicklungen unter: So sind die Reallöhne in den letzten zehn Jahren in Deutschland so stark gestiegen wie seit Jahrzehnten nicht, vor allem Menschen im unteren Lohnbereich haben davon profitiert. Allerdings zeigt sich, dass trotz dieser positiven Entwicklungen die Haushaltseinkommen und sich die Ungleichheit zum Teil noch deutlich erhöht hat. Dies sind wichtige Aspekte, gerade jetzt in der Diskussion, ob Steuern für Spitzenverdienende steigen oder sinken sollen, um das Loch im Bundeshaushalt zu schließen.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 22. August 2025 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Eine Studie des DIW Berlin zeigt, dass die Reallöhne (also die inflationsbereinigten Bruttostundenlöhne) seit 2015 durchschnittlich um 15 Prozent gestiegen sind. Vor allem Menschen im Niedriglohnbereich – dies sind alle Beschäftigten mit einem Stundenlohn von weniger als zwei Dritteln des mittleren Stundenlohns, der zum Zeitraum der Erhebung bei 13,60 Euro lag – haben davon profitiert. Heute gehören viel weniger Menschen zu diesem Lohnsegment.
Dies ist insbesondere die Errungenschaft des Mindestlohns, der 2015 bei 8,50 Euro eingeführt und stetig erhöht wurde. Heute liegt er bei 12,82 Euro, und er soll bis 2027 auf 14,60 Euro steigen. Durch den Mindestlohn konnten die Erwerbseinkommen der zehn Prozent mit den geringsten Löhnen in Deutschland seit 2015 real um knapp die Hälfte steigen. Denn der Mindestlohn hat die gesamte Lohnkurve im Niedriglohnbereich nach oben verschoben. Vor allem Menschen in Ostdeutschland haben profitieren können, sodass die Lohnungleichheit zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland im Niedriglohnbereich gesenkt wurde.
Dies alles ist ohne einen Anstieg der Arbeitslosigkeit gelungen. Daher ist die Forderung nach einer Erhöhung des Mindestlohns auf 15 Euro verständlich, auch wenn die neue Bundesregierung sich wohl heftig darüber streiten wird.
Aber der schöne Schein darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Menschen und Familien von dieser positiven Lohnentwicklung nicht oder bei weitem nicht so stark profitiert haben. So war die Spreizung und Ungleichheit der verfügbaren Haushaltseinkommen in Deutschland in den letzten 30 Jahren nie höher als heute – und ist auch seit 2015 weiter gestiegen. Vor allem die zehn Prozent der Menschen in Haushalten mit den geringsten Einkommen haben heute nicht mehr Kaufkraft mit ihren monatlichen Einkommen als vor 30 Jahren. Im Gegensatz dazu haben die 10 Prozent der einkommensstärksten Haushalte heute knapp 60 Prozent mehr an verfügbarem Einkommen im Vergleich zu 1995.
Dass sich die Lohnentwicklung in den letzten zehn Jahren angeglichen hat, die verfügbaren Haushaltseinkommen jedoch noch ungleicher geworden sind, erscheint paradox. Vier Gründe erklären diese Entwicklung aber: Zum einen ist die Anzahl der Beschäftigten in den letzten 30 Jahren stark gestiegen. Das lag vor allem an den vielen Frauen, die in den Arbeitsmarkt eingetreten sind – häufig jedoch in Teilzeit. Ein steigender Stundenlohn im Niedriglohnbereich verringert daher die Ungleichheit bei den Stundenlöhnen. Wenn diese jedoch durch viele Menschen in Teilzeit zustande kommt, kann die Ungleichheit der Haushaltseinkommen weiter steigen.
Und hier liegt der zweite Grund: Viele der nun arbeitenden Frauen leben mit einem Partner, der ein gutes Einkommen hat, sodass vor allem gut verdienende Familien von der steigenden Beschäftigung und den höheren Löhnen profitieren. Zwar haben auch viele Alleinerziehende ihr Einkommen verbessern können; ihr Anteil am Niedriglohnsektor ist erfreulicherweise zwischen 2018 und 2022 von 37 auf 31 Prozent gesunken. Aber das Armutsrisiko für Alleinerziehende und ihre Kinder ist nach wie vor mit über 30 Prozent sehr hoch. Zudem bleibt der Gender Pay Gap, also der Unterschied in der Bezahlung zwischen Männern und Frauen, mit 16 Prozent recht hoch, auch wenn dieser etwas gesunken ist. Und auch für junge Menschen und Kinder ist das Armutsrisiko in Deutschland weiter überdurchschnittlich hoch. Auffällig ist auch, dass das Armutsrisiko der Rentnerinnen und Rentner deutlich steigt.
Zwei weitere Gründe spielen eine Rolle: Steuern und Abgaben sind vor allem für Besserverdienende seit den 1990er Jahren gesenkt worden. Und viele Besserverdienende haben in den letzten 15 Jahren häufig große Renditen auf ihre Vermögen und damit zusätzliches Einkommen neben ihrer Arbeit erzielt.
Die wirklich besorgniserregende Nachricht ist jedoch eine andere: Verfügbare Einkommen spiegeln nur schlecht den Lebensstandard wider. Denn zur Berechnung realer Löhne und realer Einkommen wird für alle Menschen die gleiche Preisentwicklung angenommen. Dagegen ist die Realität eine andere: Wie auch eine Studie des DIW Berlin aus dem vergangenen Jahr zeigt, ist der Anteil, den Haushalte mit niedrigem Einkommen für das Wohnen ausgeben, in den letzten 30 Jahren von 24 auf 36 Prozent des verfügbaren Einkommens gestiegen. Viele Menschen mit wenig Einkommen zahlen heute 40 Prozent oder mehr ihres monatlich verfügbaren Einkommens fürs Wohnen. Daher ist die Ungleichheit beim Lebensstandard in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren wohl noch deutlich stärker gestiegen, als die Zahlen für die verfügbaren Einkommen vermuten lassen.
Wie reagiert die Politik auf diese Entwicklungen? Der Bundestagswahlkampf hat starke Forderungen nach Steuersenkungen für Spitzenverdienende hervorgebracht. Jüngste Diskussionen über Steuererhöhungen für Hochvermögende und Spitzenverdienende werden von der Union strikt zurückgewiesen. Das gängige Narrativ ist, die Leistungsträger unserer Gesellschaft sollten entlastet werden — damit sind meist Menschen mit hohen Einkommen gemeint. Die neue Bundesregierung muss aufpassen, dass sie mit ihrer Politik die soziale Ungleichheit in Deutschland nicht weiter vergrößert und damit die Wirtschaft und den sozialen Zusammenhalt belastet. Stattdessen sollte sie vor allem Menschen mit mittleren und geringen Einkommen steuerlich entlasten.
Ein starker Mindestlohn ist wichtig, allein jedoch unzureichend, um Armut effektiv zu bekämpfen und einkommensschwache Menschen ausreichend zu unterstützen. Die Politik muss Lösungen für die explodierenden Wohnkosten anbieten. Hinzu kommt ein steigender Anteil älterer Menschen, die nicht auskömmlich von der Rente leben können und in die Altersarmut abrutschen. Die Aufgabe der Politik wird es daher in den kommenden Jahren sein, Arbeitsmarktchancen und Entlohnung zu verbessern, bedürftige Menschen zu entlasten und auch in den Sozialsystemen gezielt zu helfen. Denn eine steigende Ungleichheit belastet uns alle – gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich.