Sachsen-Anhalt würde sich mit der AfD selbst am meisten schaden

Blog Marcel Fratzscher vom 27. Juli 2026

Eine AfD-Politik träfe die Regionen am härtesten, in denen die Partei besonders stark ist. Eine Studie zeigt, dass Sachsen-Anhalt etliche Jobs verlieren könnte.

Im September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Die AfD hat gute Chancen, stärkste Kraft zu werden – womöglich könnte sie sogar eine absolute Mehrheit erreichen. Die Debatte dreht sich dabei fast immer um die Gründe für ihren Erfolg: wirtschaftliche Sorgen, Migration oder das Gefühl, politisch nicht gehört zu werden. Viel zu selten wird gefragt, welche Folgen zentrale AfD-Forderungen gerade für jene Regionen hätten, in denen die Partei besonders viele Stimmen erhält.

In einer neue Studie des DIW Berlin bin ich dieser Frage nachgegangen. Die Analyse belegt ein AfD-Paradox: Regionen, die überproportional stark für die Partei stimmen, würden deutlich stärker unter ihrer Politik leiden als andere. Und nirgendwo gilt das mehr als in Sachsen-Anhalt. Die Studie simuliert die möglichen wirtschaftlichen Folgen zentraler AfD-Forderungen in der Bundespolitik, etwa die eines Austritts aus Euro und EU, einer Abschottung gegenüber Zuwanderung sowie massive staatliche Kürzungen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Menschen in Sachsen-Anhalt dadurch im Durchschnitt jährlich rund 1.600 Euro pro Kopf an Einkommen verlieren dürften; zudem könnten dort rund 10.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Obwohl vieles an der Unzufriedenheit der Menschen verständlich ist: Mit der Wahl der AfD würden sie sich selbst am meisten schaden.

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 17. Juli 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Warum ist die AfD gerade in strukturschwachen Regionen so stark? Die Analyse zeigt einen klaren Zusammenhang: Dort, wo die Bevölkerung altert, junge Menschen abwandern und die wirtschaftliche Verwundbarkeit besonders hoch ist, erzielt die AfD überdurchschnittlich hohe Stimmenanteile. Die Stärke der Partei ist systematisch mit der wirtschaftlichen, demografischen und sozialen Lage einer Region verbunden. Die mit Abstand wichtigste Variable ist die Demografie. Dort, wo besonders viele Menschen über 60 Jahre leben, und wo junge, gut ausgebildete Leute wegziehen, erzielt die AfD deutlich mehr Stimmen. Bemerkenswert ist der Befund zur Migration: Der Anteil von Ausländer*innen ist für die Stärke der AfD entweder irrelevant oder hängt sogar gegenteilig mit ihr zusammen. In Ostdeutschland war die AfD bei der Bundestagswahl 2025 gerade dort stärker, wo der Ausländeranteil ungewöhnlich gering war.

Eine vierköpfige Familie hätte jährlich 6.400 Euro weniger

Sachsen-Anhalt träfe eine AfD-Politik besonders hart. Das Land ist älter, strukturschwächer und von kleineren Unternehmen geprägt – und damit verwundbarer als der Bundesdurchschnitt. Im zentralen Szenario einer bundesweiten AfD-Politik dürfte das reale verfügbare Einkommen je Einwohnerin und Einwohner in Sachsen-Anhalt um rund 6,2 Prozent sinken, anderthalbmal so stark wie im Bundesschnitt. Für eine vierköpfige Familie entspräche dies durchschnittlich circa 6.400 Euro weniger an verfügbarem Einkommen pro Jahr. Wichtig ist es, zu betonen, dass dies Szenariorechnungen und keine exakten Zahlen sind: Die tatsächlichen Auswirkungen könnten geringer, aber eben auch deutlich größer ausfallen. 

Die realen Löhne dürften in Sachsen-Anhalt um rund acht Prozent oder etwa 200 Euro je Monat fallen, vor allem durch die hohe Inflation infolge eines Euro-Austritts. Bundesweit wäre mit rund einer Million zusätzlicher Arbeitsloser zu rechnen, weil eine Rezession und der Bruch mit dem EU-Binnenmarkt exportabhängige Betriebe und ihre Zulieferer träfen. Auch die Zuwanderung dürfte drastisch zurückgehen. Für ein alterndes Land, das bereits heute unter Fachkräftemangel und der Abwanderung junger Menschen leidet, hätte dies erhebliche Folgen für Gesundheitsversorgung, Handwerk und öffentliche Daseinsvorsorge.

AfD-Wähler*innen reagieren auf Veränderungen

Dieses Paradox ist nicht neu. Schon eine DIW-Analyse aus dem Jahr 2023 zeigte anhand der Positionen im Wahl-O-Mat, dass die AfD für eine extrem neoliberale Wirtschafts- und Finanzpolitik steht: Sie ist gegen die Besteuerung großer Vermögen, gegen die Erhöhung des Mindestlohns, für Einschnitte bei sozialen Leistungen. Würde sich diese Politik durchsetzen, käme es zu einer Umverteilung von Einkommen und sozialen Leistungen zulasten von AfD-Wähler*innen. Auch vor der Europawahl 2024 kam eine Analyse zu dem Schluss, ein Rechtsruck würde vor allem den AfD-Wähler*innen selbst und der jungen Generation schaden.

Wie kann es sein, dass so viele Menschen eine Partei unterstützen, deren Politik ihren eigenen Interessen so stark zuwiderläuft? Ein Teil der Antwort ist eine individuelle und kollektive Fehleinschätzung: Die AfD schafft es, ihren Unterstützer*innen einzureden, sie würden wirtschaftlich, sozial und politisch gewinnen, wenn Rechte und Leistungen für andere beschnitten werden. Dabei sind es gerade AfD-Wähler*innen und ihre Regionen, die einen besonders hohen Preis zahlen würden – Menschen in strukturschwächeren Kreisen, mit weniger Bildung und Einkommen und geringerer Mobilität. Sie können sich schlechter wehren als gut ausgebildete Beschäftigte großer Unternehmen in den Städten.

Und darin liegt die eigentliche Gefahr: Es droht eine Abwärtsspirale. Unzufriedenheit treibt die Unterstützung für die AfD, AfD-Politik verschlechtert die Lebenssituation weiter, was wiederum die Unzufriedenheit erhöht. Dieser Teufelskreis ist besonders perfide, weil extreme Kräfte ein intrinsisches Interesse daran haben, Probleme zu schaffen und Ängste zu schüren, um Macht zu zementieren.

Für die Politik folgt daraus: Sie setzt den falschen Fokus, wenn sie sich auf Migration verengt, um Wähler*innen der AfD zurückzugewinnen. Wer die Ursachen des AfD-Erfolgs verringern will, muss strukturelle Probleme lösen – Zukunftschancen für junge Menschen, gute Infrastruktur und öffentliche Daseinsvorsorge, wirtschaftliche Perspektiven. Das ist schwer und braucht Zeit. Intoleranz und die Bekämpfung der offenen Gesellschaft dagegen führen dazu, dass Menschen aus dem Ausland und auch aus dem Inland wegbleiben oder wieder abwandern – und dass viele gut qualifizierte, junge Deutsche die betroffenen Regionen verlassen.

Es gibt aber auch eine hoffnungsvolle Perspektive: Gelingt es, wieder Zukunftschancen zu schaffen, kann aus der Abwärts- eine Aufwärtsspirale werden. Denn die Studie zeigt auch: AfD-Wähler*innen, gerade im Osten, reagieren auf Veränderungen und sind nicht unverrückbar festgelegt. Die deutsche Geschichte belegt es: Die 1990er- und 2000er-Jahre waren gerade in den ostdeutschen Ländern Jahrzehnte, in denen Demokratie und soziale Teilhabe gestärkt wurden und der Wohlstand wuchs.

Die Landtagswahl im September ist deshalb eine Richtungsentscheidung – für Sachsen-Anhalt und auch für die Frage, ob Deutschland es schafft, den Teufelskreis aus Unzufriedenheit und Populismus zu durchbrechen. Denn Wohlstand und Demokratie müssen erarbeitet und verteidigt werden.

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