Ja, Migranten zahlen Ihre Rente

Blog Marcel Fratzscher vom 19. Oktober 2026

Eine ehrliche Bilanz zeigt: Zugewanderte sind keine Last für die Sozialsysteme, sondern eine ihrer wichtigsten Stützen. Lesen Sie hier die Live-Debatte nach.

Wer zahlt eigentlich die Rente der Babyboomer? Wer pflegt unsere Eltern, wenn sie Hilfe brauchen? Und wer verhindert, dass die Beiträge für Rente, Gesundheit und Pflege noch schneller steigen? Die ehrliche Antwort auf alle drei Fragen lautet: zunehmend Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden. Migrantinnen und Migranten halten unsere Sozialsysteme zusammen. Ohne sie wären Rente, Pflege und Gesundheitsversorgung schon heute in einer noch größeren Schieflage.

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 16. Oktober 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Im Frühjahr 2016 habe ich gesagt, dass viele Geflüchtete künftig die Renten der Babyboomer finanzieren werden. Der Aufschrei war groß, und er hält bis heute an. Zehn Jahre später lässt sich nüchtern Bilanz ziehen, die Daten sind eindeutig: Diese These war und ist richtig.

Rund 5,9 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland haben keinen deutschen Pass, das ist etwa jeder sechste (PDF). Seit 2024 wird das Beschäftigungswachstum in Deutschland ausschließlich von ausländischen Arbeitskräften getragen. Die Zahl der Deutschen im Erwerbsalter ist zwischen 2014 und 2024 um 3,9 Millionen zurückgegangen. Eine einfache Überschlagsrechnung zeigt, dass Menschen ohne deutschen Pass jedes Jahr rund 40 Milliarden Euro in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Das ist in etwa jeder siebte Euro an Rentenbeiträgen. Für Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung kommt noch mehr hinzu.

Migranten zahlen jeden siebten Euro in die Rentenkasse

Von den Geflüchteten, die 2015 nach Deutschland kamen, waren neun Jahre später 64 Prozent in Arbeit, fast alle hatten eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, wie Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen (PDF). Hunderttausende Geflüchtete zahlen also jeden Monat in die Rentenkasse ein. Geflüchtete finanzieren bereits heute die Renten vieler Babyboomer mit.

Nun mögen manche einwenden, Geflüchtete erhielten für ihre Beiträge ja auch Ansprüche. Das ist richtig. Aber der entscheidende Mechanismus ist das Timing: Die gesetzliche Rente ist ein Umlagesystem, in dem die Beiträge eines 30-jährigen Pflegers aus Syrien oder einer Ingenieurin aus Indien die Renten heutiger Rentner mitfinanzieren. Ihre eigenen Ansprüche entstehen jedoch erst in 30 oder 40 Jahren, also wenn der große demografische Knick mit dem Übergang der Babyboomer in die Rente längst hinter uns liegt.

Deshalb fällt die Bilanz so eindeutig aus. Eine Mikrosimulation des Migrationsforschers Hend Sallam und des Ökonomen Michael Christl auf Basis der SOEP-Daten des DIW Berlin zeigt, dass Zugewanderte der ersten Generation im Durchschnitt einen positiven Nettobeitrag von 116 Euro pro Monat leisten, einschließlich Konsumsteuern und der Ausgaben für Gesundheit und Bildung. Menschen ohne Migrationshintergrund haben dagegen einen negativen Saldo von 106 Euro (PDF). Der Grund ist vor allem die jüngere Altersstruktur. Das ist der zentrale Punkt: Eine alternde Gesellschaft braucht junge Menschen, die arbeiten und in die Sozialsysteme einzahlen.

Die umfassendste Rechnung stammt vom Ökonomen Martin Werding auf Basis des Tragfähigkeitsberichts des Bundesfinanzministeriums. Eine um 200.000 Personen höhere jährliche Nettozuwanderung entlastet die öffentlichen Haushalte dauerhaft um rund 104 Milliarden Euro pro Jahr. Jede zusätzlich zugewanderte Person entlastet den Staat um 7.100 Euro im Jahr (PDF). Migration ist kein Verlustgeschäft.

Sie finanzieren den Sozialstaat – und sie halten ihn am Laufen

Migrantinnen und Migranten zahlen nicht nur Beiträge, sie erbringen zunehmend die Leistungen des Sozialstaats. Jede fünfte Pflegekraft in Deutschland hat keinen deutschen Pass (PDF), und das Beschäftigungswachstum in der Pflege wird inzwischen fast ausschließlich von ausländischen Beschäftigten getragen. Wer heute für seine Mutter einen Heimplatz sucht, weiß, was das bedeutet. Und jede Pflegekraft aus dem Ausland ermöglicht es den Angehörigen – meist Frauen –, weiter erwerbstätig zu bleiben und selbst Beiträge zu zahlen, und reduziert damit auch ihr eigenes Risiko, später in Altersarmut zu landen.

Ähnliches gilt für die Krankenversicherung. Der Zuwachs an Versicherten in den gesetzlichen Kassen resultiert maßgeblich aus der Zuwanderung, was die Alterung der Versichertenstruktur gebremst hat. Junge Versicherte zahlen deutlich mehr ein, als sie an Kosten verursachen. Jeder Beitragseuro, den Migrantinnen und Migranten heute leisten, entlastet deutsche Beitragszahlende.

Migration kostet zuerst und zahlt sich langfristig aus

Natürlich verursacht Migration zunächst Kosten. Der Bund hat 2025 rund 24,8 Milliarden Euro im Kontext von Flucht und Migration ausgegeben und im Jahr davor 22,2 Milliarden Euro für Bürgergeld an Menschen ohne deutschen Pass. Aber diese Zahlen sind nur eine Momentaufnahme, keine dauerhafte Bilanz.

Allein die Rentenbeiträge von Menschen ohne deutschen Pass sind heute fast doppelt so hoch wie das gesamte Bürgergeld, das an sie fließt. Und die Kosten, um Geflüchtete gut zu integrieren und in Arbeit zu bringen, sind eine Investition, deren Rendite in den kommenden Jahren anfällt. Zudem verlassen viele der Migrantinnen und Migranten Deutschland wieder, oftmals ohne Leistungen der Pflege- und Krankenversicherung in Anspruch zu nehmen, mitnehmen können sie diese in aller Regel sowieso nicht. Die Beiträge bleiben im System und kommen somit vor allem Deutschen zusätzlich zugute.

Der schwierigste Teil der demografischen Veränderung liegt noch vor uns. Bis Mitte der 2030er-Jahre geht die Babyboomer-Generation in Rente. Das Erwerbspotenzial sinkt 2026 erstmals. Ohne Zuwanderung würde das sogenannte Potenzialwachstum der deutschen Wirtschaft – also das Wachstum, das die Wirtschaft langfristig bei normaler Auslastung erreichen kann – nach Berechnungen des DIW Berlin rasch Richtung null fallen. Selbst bei einer Nettozuwanderung von 250.000 Menschen pro Jahr steigen die Sozialbeitragssätze bis 2035 auf mindestens 45 Prozent.

Kommen jedes Jahr rund 150.000 ausländische Beschäftigte netto hinzu (das sind weniger als im vergangenen Jahrzehnt), dann arbeiten 2036 rund 1,5 Millionen Menschen mehr sozialversicherungspflichtig als heute. Bei durchschnittlichen Löhnen bringt das in etwa 20 Milliarden Euro zusätzliche Sozialbeiträge pro Jahr, davon rund zehn Milliarden Euro für die Rente. Gelingt die Integration besser, wären es deutlich mehr.

Das Problem ist nicht zu viel Migration, sondern zu wenig

Migration allein wird unser Rentensystem zwar nicht retten. Ohne Reformen wird die Finanzierungslücke aber immer größer werden. Aber ohne Migration wird sich der Engpass in Rente, Pflege und Gesundheit in den kommenden zehn Jahren dramatisch verschärfen. Die Alternative zur heutigen Zuwanderung ist nicht ein Deutschland ohne Kosten für Migrantinnen und Migranten, sondern ein Deutschland mit Millionen weniger Beitragszahlenden, Pflegestationen ohne Personal und noch höheren Beiträgen.

Dabei hat die katastrophale Migrationspolitik der vergangenen Jahre die Situation bereits verschlimmert: Es gab zahlreiche Leistungskürzungen, Arbeitsverbote, Wohnsitzauflagen, schleppende Anerkennung von Berufsabschlüssen, und in der öffentlichen Debatte wurde Zuwanderung vor allem problematisiert, viele demokratische Parteien haben diese Polarisierung von der AfD übernommen. Deutschland braucht 400.000 Migranten pro Jahr, zeigen die Daten. Doch mit dieser Politik ist das nicht zu schaffen.

Die größte Gefahr für unsere Rente sind daher nicht zu viele Zugewanderte. Die größte Gefahr sind zu wenig Beschäftigte, um die Rente überhaupt noch finanzieren zu können und die unsere Gesundheits- und Pflegesysteme durch ihre Arbeit am Laufen halten. Wer Rente, Pflege und Gesundheit sichern will, darf daher Migration nicht begrenzen, sondern muss eine offene Gesellschaft mit guter Integration fördern.

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