Blog Marcel Fratzscher vom 2. November 2026
Wenn Menschen das Gefühl haben, es nicht mehr zu schaffen, entsteht daraus eine enorme Wut. Die Politik muss gezielt helfen, statt Signale an die Falschen zu senden.
»Wir müssen endlich die Leistungsträger entlasten und belohnen.« Dieser Forderung stimmt eine überwältigende Mehrheit der Menschen in Deutschland zu. Die von so vielen empfundene mangelnde Wertschätzung der eigenen Leistung ist einer der wichtigsten Gründe für die Unzufriedenheit und Polarisierung in unserer Gesellschaft. Letztlich geht es in fast allen gegenwärtigen Debatten um genau diese Frage: Wie wollen wir Leistung honorieren und besser würdigen?
Das zentrale Problem: Fast jeder von uns hat ein anderes Verständnis davon, was Leistung ist und was sie sein sollte. Deshalb müssen wir genau das dringend klären: Was genau ist Leistung?
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 30. Oktober 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
Einige betrachten vor allem Unternehmer*innen als Leistungsträger. Andere sehen sie in denjenigen, die 45 Jahre beschäftigt waren und dafür einen Rentenbonus verdienen. Nicht wenige setzen die Höhe von Einkommen und Vermögen mit Leistung gleich. Wieder andere verweisen auf diejenigen, die in Familie, der Zivilgesellschaft und im Ehrenamt die Gesellschaft zusammenhalten und dafür eben kein oder nur wenig Geld erhalten.
Bei einer solchen Kakofonie ist es nicht überraschend, dass der gesellschaftliche Streit groß ist und die Politik oft blockiert ist. Wenn Regierungsparteien ein Verständnis von Leistung haben, das dem ihrer Koalitionspartner diametral entgegensteht, resultiert das unweigerlich in politischer Lähmung, einem sich verstärkenden Verteilungskampf und gesellschaftlicher Polarisierung.
Die Unzufriedenheit ist hoch – allerdings nicht mit dem eigenen Leben, sondern mit der Gesellschaft als Ganzes. In einer Forsa-Umfrage sind 78 Prozent mit ihrem Leben zufrieden, doch 82 Prozent nehmen eine Spaltung der Gesellschaft wahr – eine seit Jahren bekannte Diskrepanz. Fehlende Gerechtigkeit steht für sehr viele im Mittelpunkt: Laut Bertelsmann Stiftung und ifo Institut sehen nur 17 Prozent Verteilungsgerechtigkeit in Deutschland, und nur knapp jeder Vierte meint, man werde hierzulande entsprechend seiner Leistung vergütet.
Die Konsequenz ist ein Verteilungskampf mit einem Nullsummendenken: Viele empfinden jede Unterstützung für eine Gruppe zwangsläufig als Verlust für sich selbst. Jede politische Entscheidung wird so zur Neiddebatte. Leistungen für Geflüchtete bedeuten in der Sicht mancher weniger Wohlstand für sich selbst. Die Angleichung der Mütterrente wird von manchen als Einbuße bei der eigenen Rente und Lebensleistung verstanden. Jeder Euro für Empfänger der Grundsicherung, ob Alleinstehende oder Alleinerziehende mit ihren Kindern, gilt als Bruch mit dem Leistungsprinzip. Jeder Euro für humanitäre Hilfe in Syrien oder Afrika wird als ein Euro weniger für die eigenen Schulen oder Straßen verstanden.
Es kann nicht stark genug betont werden: Das ist falsch und irreführend. Niemand verliert langfristig, wenn verletzliche Gruppen die Unterstützung und ein wenig bessere Teilhabechancen bekommen. Was wir in Teilhabe investieren, zahlt sich für alle aus.
Es ist moralisch grundfalsch und faktisch kontraproduktiv, mit diesem Nullsummendenken Gruppen gegeneinander auszuspielen und nach unten, gegen die Verletzlichsten, zu treten. Das spaltet und reduziert letztlich den Wohlstand für alle.
Zugleich zeigt die Forschung einen beeindruckend starken Konsens: Für die meisten Menschen bedeutet Gerechtigkeit nicht, dass alle gleich viel bekommen oder sich Ansprüche nach Position und Status richten, sondern dass Leistung honoriert und individuelle Bedarfe gedeckt werden. 85 Prozent befürworten das Leistungsprinzip, 95 Prozent das Bedarfsprinzip, also dass Menschen so viel bekommen, wie sie benötigen. DIW-Studien zeigen, dass diese Zustimmung in Deutschland höher ist als im übrigen Europa – und das über Parteigrenzen hinweg.
Wer sind dann die Leistungsträger? Es ist keine Minderheit, sondern eine Mehrheit – und häufig sind es Menschen, die zu wenig gesehen und gewürdigt werden. Ein Beispiel waren die systemrelevanten Berufe in der Pandemie: Eine DIW-Studie zeigte 2020, dass die meisten von ihnen wenig Ansehen genießen, unterdurchschnittlich bezahlt und überwiegend von Frauen ausgeübt werden. Viele haben damals auf den Balkonen applaudiert, als diese Menschen ihre Gesundheit riskierten, um die Grundversorgung zu sichern. Aber der Ruf nach mehr Wertschätzung und besserer Bezahlung ist sehr schnell verhallt.
Es gibt viele weitere Beispiele. Frauen leisten pro Woche rund neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit als Männer – für Kinder, Haushalt und Angehörige. Gut 72 Prozent der Teilzeitbeschäftigten sind Frauen. Wer pauschal von »Lifestyle-Teilzeit« spricht, verkennt diese Realität. 3,1 Millionen Pflegebedürftige werden überwiegend von ihren Angehörigen – meist Frauen – zu Hause gepflegt, unentgeltlich und oft auf Kosten der eigenen Rente. Rund 27 Millionen Menschen engagieren sich ehrenamtlich.
Erstens müssen wir aufhören, Leistung und Bedarf gegeneinander auszuspielen und die Unwucht zwischen beiden weiter aufrechtzuerhalten. Unsere Gesellschaft wird auch deshalb von so vielen als ungerecht empfunden, weil sie wichtige Bedarfe vieler Menschen eben nicht mehr befriedigt.
Zweitens müssen wir aufhören, Leistung so stark mit der Höhe von Einkommen und Vermögen gleichzusetzen. Das vertieft die Konflikte: zum einen, weil finanzieller Wohlstand gerade bei einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung kaum weiter wachsen wird. Zum anderen, weil eine Anspruchshaltung nach immer mehr, vor allem gegenüber dem Staat, nicht funktioniert. Denn der Staat wird künftig eher weniger als mehr Geld ausgeben können.
Drittens müssen wir Leistung wieder stärker mit dem verbinden, was unsere Gesellschaft stärkt und den Kuchen des Wohlstands größer macht: Leistung nicht für das eigene Portemonnaie, sondern für die Gemeinschaft. Das verlangt, dass wir vor allem den Menschen in unserer Mitte mehr Würdigung und Anerkennung geben – auch finanziell –, ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren könnte: Menschen in systemrelevanten Berufen, Menschen, die andere unentgeltlich pflegen oder unterstützen, Menschen, die für wenig oder kein Geld gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern.
Themen: Rente und Vorsorge , Ungleichheit , Verteilung