In Ihrer Studie zur psychischen Gesundheit geht es nicht um medizinische Diagnosen, sondern um die Selbsteinschätzung in Form eines Fragebogens, der seit 2002 jedes zweite Jahr bei der Befragung des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) enthalten ist. Warum ist dieses Vorgehen Ihrer Meinung nach sinnvoller als das Abfragen eindeutiger medizinischer Diagnosen?
Graeber: Seit 2002 beantworten SOEP-Befragte alle zwei Jahre zwölf Fragen zum Zustand ihrer psychischen und physischen Gesundheit im Rahmen der SOEP-Variante des Short-Form-12-Fragebogens, einem validierten Instrument zur Einschätzung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Daraus lässt sich unter anderem ein Index für psychische Gesundheit konstruieren, der sogenannte Mental Component Summary (MCS) Score. Der Vorteil dieses Vorgehens liegt darin, dass die Fragen nicht direkt auf psychische Erkrankungen abzielen und somit ein verändertes Antwortverhalten oder Nichtantworten aufgrund einer befürchteten Stigmatisierung vermieden werden können. Der daraus resultierende Index bildet die psychische Gesundheit ab und weist eine hohe Vorhersagekraft im Hinblick auf psychische Erkrankungen auf. Zudem können damit sogenannte Dunkelziffern erfasst werden, da viele Menschen mit psychischen Erkrankungen keine Ärzt*innen oder Therapeut*innen aufsuchen.
Sie kritisieren, dass Arbeitnehmer*innen in der öffentlichen Debatte oft vorgeworfen werde, sie würden „blau machen“ statt ernsthaft krank zu sein. Sie sagen, Ihre Daten würden diese These widerlegen. Warum ist diese Debatte um „blau machen“ und die damit verbundene Kritik an Arbeitnehmer*innen, wenn sie aufgrund von psychischen Belastungen oder Erkrankungen fehlen, ein Problem?
Graeber: Zumindest bezogen auf unsere Messung der psychischen Gesundheit können wir feststellen: In der Erwerbsbevölkerung hat sich die psychische Gesundheit in den letzten zehn Jahren tatsächlich verschlechtert. Entsprechend ist auch ein Anstieg psychischer Diagnosen zu erwarten, wie er sich auch in den Daten der Krankenkassen zeigt. Wenn sich Menschen rechtzeitig behandeln lassen, können in der Regel gute Behandlungserfolge erzielt werden. Werden erkrankte Personen jedoch stigmatisiert, sei es in der Öffentlichkeit oder durch den Arbeitgeber, kann es passieren, dass sie aus Angst vor beruflichen Nachteilen keine Hilfe suchen. Im Gegensatz zu Menschen mit körperlichen Erkrankungen, die oft noch eingeschränkt produktiv arbeiten können, gilt das für Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Regel nicht. Daher wäre es ratsam, dieses Thema offen und offensiv anzugehen.