„Psychische Gesundheit junger Menschen hat sich verschlechtert“

Die psychische Gesundheit junger Menschen im Erwerbsalter hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert – besonders während der Coronapandemie. Der Ökonom Daniel Graeber hat diese Entwicklung in einer Studie untersucht. Darin zeigt er, dass die Belastungen junger Menschen in Krisenzeiten wie der Pandemie deutlich stärker ausfallen als bei älteren Generationen. Im Interview erklärt Graeber, warum die Pandemie andere Auswirkungen hatte als etwa die Finanzkrise, weshalb Selbsteinschätzungen zur psychischen Gesundheit aussagekräftig sind und was Politik und Unternehmen tun können, um psychische Erkrankungen besser zu erkennen und Betroffenen zu helfen.

Sie haben in einer Studie festgestellt, dass sich die psychische Gesundheit jüngerer Menschen im Erwerbsalter während der Coronapandemie dramatisch verschlechtert hat – anders beispielsweise als in der globalen Finanzkrise. Woran machen Sie das fest?

Daniel Graeber: Im Gegensatz zur Finanzkrise ist die psychische Gesundheit jüngerer Menschen während der Coronapandemie deutlich stärker und nachhaltiger gesunken als die älterer Menschen. Das war in der Finanzkrise nicht der Fall. Grundsätzlich haben wir von 2002 bis 2016 einen Aufwärtstrend bei der psychischen Gesundheit dokumentiert. Seitdem hat sich diese jedoch so stark verschlechtert, dass die psychische Gesundheit jüngerer Menschen im Jahr 2022 schlechter war als im Ausgangsjahr 2002.

Die psychische Gesundheit junger Menschen hat sich stark verschlechtert.
© Adobe/Dmitriy

Warum waren die Folgen der Coronapandemie andere als die Folgen anderer globaler Krisen, wie etwa der Finanzkrise?

Graeber: Die Finanzkrise war im Vergleich zur Coronapandemie, zumindest in Deutschland, eine Krise, die sich kaum auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar gemacht hat und nur wenig in den privaten Bereich hineinwirkte. Die Coronapandemie und die damit verbundenen Maßnahmen hatten hingegen für alle Bevölkerungsgruppen wirtschaftliche Folgen und wirkten zugleich stark in den privaten Bereich hinein. Jüngere Menschen im Erwerbsalter, die sich im Gegensatz zu älteren erst noch am Arbeitsmarkt etablieren müssen, waren dadurch stärker betroffen. Ältere Menschen hingegen waren häufig bereits etabliert oder im Ruhestand. Im privaten Bereich trafen jüngere Menschen insbesondere die Einschränkungen in Schulen oder bei der Kinderbetreuung hart. Zudem waren sie auch in ihren Freizeitmöglichkeiten stark eingeschränkt.

Die weltweite Coronapandemie hatte Einfluss auf Unternehmen, Menschen, Familien – all das erforschten DIW-Wissenschaftler*innen.
© DIW Berlin

In Ihrer Studie zur psychischen Gesundheit geht es nicht um medizinische Diagnosen, sondern um die Selbsteinschätzung in Form eines Fragebogens, der seit 2002 jedes zweite Jahr bei der Befragung des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) enthalten ist. Warum ist dieses Vorgehen Ihrer Meinung nach sinnvoller als das Abfragen eindeutiger medizinischer Diagnosen?

Graeber: Seit 2002 beantworten SOEP-Befragte alle zwei Jahre zwölf Fragen zum Zustand ihrer psychischen und physischen Gesundheit im Rahmen der SOEP-Variante des Short-Form-12-Fragebogens, einem validierten Instrument zur Einschätzung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Daraus lässt sich unter anderem ein Index für psychische Gesundheit konstruieren, der sogenannte Mental Component Summary (MCS) Score. Der Vorteil dieses Vorgehens liegt darin, dass die Fragen nicht direkt auf psychische Erkrankungen abzielen und somit ein verändertes Antwortverhalten oder Nichtantworten aufgrund einer befürchteten Stigmatisierung vermieden werden können. Der daraus resultierende Index bildet die psychische Gesundheit ab und weist eine hohe Vorhersagekraft im Hinblick auf psychische Erkrankungen auf. Zudem können damit sogenannte Dunkelziffern erfasst werden, da viele Menschen mit psychischen Erkrankungen keine Ärzt*innen oder Therapeut*innen aufsuchen.

Sie kritisieren, dass Arbeitnehmer*innen in der öffentlichen Debatte oft vorgeworfen werde, sie würden „blau machen“ statt ernsthaft krank zu sein. Sie sagen, Ihre Daten würden diese These widerlegen. Warum ist diese Debatte um „blau machen“ und die damit verbundene Kritik an Arbeitnehmer*innen, wenn sie aufgrund von psychischen Belastungen oder Erkrankungen fehlen, ein Problem?

Graeber: Zumindest bezogen auf unsere Messung der psychischen Gesundheit können wir feststellen: In der Erwerbsbevölkerung hat sich die psychische Gesundheit in den letzten zehn Jahren tatsächlich verschlechtert. Entsprechend ist auch ein Anstieg psychischer Diagnosen zu erwarten, wie er sich auch in den Daten der Krankenkassen zeigt. Wenn sich Menschen rechtzeitig behandeln lassen, können in der Regel gute Behandlungserfolge erzielt werden. Werden erkrankte Personen jedoch stigmatisiert, sei es in der Öffentlichkeit oder durch den Arbeitgeber, kann es passieren, dass sie aus Angst vor beruflichen Nachteilen keine Hilfe suchen. Im Gegensatz zu Menschen mit körperlichen Erkrankungen, die oft noch eingeschränkt produktiv arbeiten können, gilt das für Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Regel nicht. Daher wäre es ratsam, dieses Thema offen und offensiv anzugehen.

Hilfe nimmt eher in Anspruch, wer nicht aufgrund von psychischen Problemen stigmatisiert wird.
© Adobe/Pormezz

Sie erklären in dem DIW Aktuell zu Ihrer Studie die besondere Bedeutung der Menschen unter 50 Jahren für die Wirtschaft: Sie sind es – unter anderen -, die der Arbeitsmarkt in Zeiten des Fachkräftemangels braucht. Was genau empfehlen Sie für die Prävention von psychischen Problemen? Wie können Unternehmen, aber auch die Öffentlichkeit besser mit dem Problem umgehen?

Graeber: Um Menschen mit psychischen Erkrankungen im Erwerbsleben zu halten, braucht es ein gutes betriebliches Gesundheitsmanagement und eine offene Grundhaltung, um beispielsweise Stigmatisierung zu vermeiden. Nur so können Fachkräfte, die an psychischen Erkrankungen leiden, langfristig im Unternehmen gehalten werden. Das wird letztlich auch der Volkswirtschaft zugutekommen, denn vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird jede Arbeitskraft gebraucht.

Die Fragen stellte Lena Högemann.

100 JAHRE DIW BERLIN IN FÜNF EPOCHEN

keyboard_arrow_up