Was Gewalt gegen Frauen kostet

Vor über 25 Jahren haben die Vereinten Nationen der 25. November als internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen festgelegt. Obwohl das Thema längst in der öffentlichen Debatte angekommen ist, zeigt der Blick in die Daten, dass Gewalt gegen Frauen weiterhin Teil des Alltags vieler Betroffener ist. In Deutschland erfährt laut Zahlen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend etwa jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt durch den Partner oder Ex-Partner.infohttps://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/haeusliche-gewalt/formen-der-gewalt-erkennen-80642 Und die Zahl der polizeilich registrierten Fälle häuslicher Gewalt ist in den vergangenen Jahren gestiegen: 2023 wurden in Deutschland täglich fast 500 Frauen Opfer häuslicher Gewalt, das sind rund 17 Prozent mehr als 2019.infohttps://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/HaeuslicheGewalt/HaeuslicheGewalt2023.html?nn=219004https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/HaeuslicheGewalt/HaeuslicheGewalt2023.html?nn=219004 

Jede vierte Frau erlebt in Deutschland mindestens ein Mal im Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt durch ihren Partner oder Expartner.
© DIW Berlin

Anna Bindler, Ökonomin und Leiterin der Abteilung Arbeit, Kriminalität und Ungleichheit am DIW Berlin, erklärt, dass sich dieser Anstieg der registrierten Fälle grundsätzlich auf zwei Ursachen zurückführen lässt: „Das eine, was dahinterstecken kann, ist ein Anstieg der Gewalt gegen Frauen. Der Grund kann aber auch sein, dass die Opfer von häuslicher Gewalt jetzt eher bereit sind, Vorfälle zu melden.“ Der öffentliche Umgang mit dem Thema spiele dabei eine Rolle. „Wir haben mittlerweile einen gesellschaftlichen Diskurs, der dem Thema häusliche Gewalt mehr Aufmerksamkeit gibt – wenn auch noch nicht genug. Das kann dazu führen, dass Menschen sich leichter melden und weniger Stigmatisierung fürchten.“ Befragungsdaten aus dem Ausland deuten darauf hin, dass weiterhin eine erhebliche Dunkelziffer besteht. Gerade Gewalt im häuslichen Kontext wird vielfach nicht angezeigt aus Sorge, Scham oder fehlendem Vertrauen in staatliche Stellen. Und auch bei Femiziden, also geschlechterspezifische Tötungsdelikten an Frauen, lässt sich der Anstieg der Fallzahlen nicht mit verändertem Meldeverhalten erklären.

© DIW Berlin

Welche Kosten entstehen?

Dass Gewalt gegen Frauen nicht allein ein individuelles Schicksal ist, sondern auch erhebliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen hat, ist ein zentraler Ausgangspunkt von Bindlers Forschung. Es gehe keineswegs darum, individuelles Leid zu relativieren, sondern darum, die strukturellen Folgen sichtbar zu machen, die im politischen Diskurs häufig unsichtbar bleiben.

Schätzungen des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE) zufolge belaufen sich die direkten und indirekten Kosten geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen in Deutschland auf rund 54 Milliarden Euro jährlich. Allein Partnerschaftsgewalt verursacht etwa 28 Milliarden Euro. Das entspricht etwa elf Prozent des derzeitigen Bundeshaushalts.infohttps://eige.europa.eu/publications-resources/publications/costs-gender-based-violence-european-union

Grundsätzlich unterscheidet die Kriminalitätsforschung in unterschiedliche Kostenkategorien. „Das erste sind direkte Kosten, das sind die Kosten für Gerichte, Polizei, medizinische Behandlung.“ Der zweite Block umfasst indirekte Kosten, etwa langfristige Einkommensverluste oder gesundheitliche Spätfolgen, die durch die Gewalterfahrung entstehen. Hier setzt Bindlers Forschung an, um diese schwierig messbaren Kosten zu beziffern und zu dokumentieren. Die dritte Kostenart lässt sich noch schwerer messen, denn sie beinhaltet die immateriellen Kosten, wie das Leid, die Belastung und subjektiven Erfahrungen der Opfer.

Wie genau Gewalt das Leben von Frauen verändern kann, lässt sich etwa anhand von Längsschnittdaten aus den Niederlanden nachvollziehen, wo Bindler und ihre Koautorin Nadine Ketel Daten zu Polizeimeldungen, Arbeitsmarktbiografien und Gesundheitsverläufen verknüpfen konnten. Hier zeigen sich beispielsweise Einbußen bei den Arbeitseinkommen von bis zu 17,9 Prozent und ein Anstieg im Bedarf an Sozialleistungen von über 40 Prozent. Weitere Studien aus nordischen Ländern bestätigen diese Ergebnisse.

Was kostet uns Kriminalität? play_arrow Video ansehen

Beim Abspielen des Videos gelangen Sie auf die Webseite von YouTube, die Daten von Ihnen sammelt.
Mehr erfahren Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Den Volltext des Films können Sie im Transkript nachlesen.

Was kostet uns Kriminalität?

Es braucht Opferschutz, Unterstützung und Prävention

In Deutschland ist Forschung dieser Art bislang kaum möglich. Was aktuell noch fehle, sei ein modernes Forschungsdatengesetz, das den wissenschaftlichen Zugang zu streng gesicherten, pseudonymisierten Daten ermögliche.

Forschung ist dabei der erste Schritt. Aus ihren Erkenntnissen leiten sich weitere verschiedene Handlungsfelder ab. Bindler nennt zuerst den Opferschutz. Der im Gewalthilfegesetz verankerte Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung tritt erst 2032 vollständig in Kraft – sehr spät, wenn man bedenkt, dass die Istanbul-Konvention bereits 2018 entsprechende Verpflichtungen formuliert hat. „Es wird extrem wichtig sein, dass das konsequent umgesetzt wird. Jetzt gerade haben wir nicht genügend Kapazitäten in den Frauenhäusern", sagt Bindler.

Zweitens müsse die Inanspruchnahme institutioneller Unterstützung gestärkt werden. Betroffene müssten darauf vertrauen können, dass sie ernst genommen werden und Sicherheit gewinnen. Das kann gelingen durch spezialisierte Gerichte, geschulte Ansprechpartnerinnen in der Polizei und Sensibilisierung in der Verwaltung, wie internationale Beispiele zeigen.

Und schließlich nennt sie einen dritten Bereich, den sie als Prävention von der Opferseite beschreibt. Gerade bei Frauen, die durch eine wirtschaftliche Abhängigkeit in eine verletzliche Situation geraten, kann Prävention bedeuten: Arbeitsmarktintegration, Lohngerechtigkeit, flächendeckende Kinderbetreuung, Förderung von Alleinerziehenden. Das seien Maßnahmen, die Gleichstellung und Schutz zugleich stärken könnten.

Der 25. November erinnert daran, dass Gewalt gegen Frauen kein Einzelereignis oder Randphänomen ist, sondern ein gesellschaftliches Problem mit persönlichen und kollektiven Folgen. Die Zahlen zeigen, wie tief das Problem in Strukturen, Beziehungen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten verankert ist. Vieles ist bekannt, aber nicht ausreichend adressiert wie verlässlicher Schutz, hochqualitative Daten für belastbare Analysen und nachhaltige Prävention. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre machen deutlich, dass hier langfristige und kontinuierliche Arbeit notwendig bleibt – auch in der ökonomischen Forschung.

Autorin: Anna Lotta Noisten

100 JAHRE DIW BERLIN IN FÜNF EPOCHEN

keyboard_arrow_up